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Mensch & Zeugs

„Zusammenhalt für einen individuellen Preis“

Mythos Studentenverbindung. Sie prägen mit ihren Häusern das Stadtbild in Orten wie Tübingen oder Marburg. Doch was steckt eigentlich hinter den schicken Fassaden?

Dunkle Holztäfelung statt chaotischer WG-Küche, hohe Decken statt zwölf Quadratmeter im Wohnheim und Ölgemälde statt Sperrmüllmöbel: Das Haus der Studentenverbindung „Tübinger Königsgesellschaft Roigel“ hat wenig Gemeinsamkeiten mit der typischen Behausung von Studenten. In der kleinen Stadt am Neckar kommen auf 85.000 Einwohner 28.000 Studenten und 36 Verbindungen. Wohl kaum jemand, der in Tübingen studiert, kennt kein Verbindungsmitglied. Mir selbst fallen nach fünf Semestern Studium auf Anhieb weit mehr als fünf Leute in meinem erweiterten Freundeskreis ein, die irgendetwas mit Verbindungen zu tun haben. Und schlichte Neugierde könnte wohl ein Grund dafür sein, warum Verbindungspartys eigentlich so beliebt sind – neben billigem Alkohol selbstverständlich. Denn trotz Bekanntschaften und Partys bleiben diese Männerbünde irgendwie geheimnisvoll.

„Ich hatte den Eindruck, das sind hier ganz normale Leute, coole Typen. Für mich war klar, ich wäre gern dabei“, so beschreibt Christoph, der inzwischen seit einem Semester „auf“ dem Haus lebt, seine Gedanken nach dem ersten Kontakt mit der Königsgesellschaft Roigel Tübingen. Gemeinsam mit seinem „Bundesbruder“ Christian führt er mich durch das imposante Fachwerkhaus mit knarrenden Treppen und Glasvitrinen, welches direkt neben dem Schloss Hohentübingen liegt. Christoph trägt beim Interview ein Hemd und sein Couleurband, eine Art dünne Schärpe mit den Farben der Verbindung. Christian dagegen ist lässiger gekleidet, mit T-Shirt und ohne Band. Man merkt ihm an, dass er diese Hausführung schon oft gegeben hat, er wirkt routiniert und selbstbewusst.

Ein bisschen wie heiraten also.

Die Königsgesellschaft Roigel ist eine der ältesten Verbindungen in Tübingen und wurde nach dem ehemaligen Treffpunkt der Studenten benannt, dem Gasthof „zum König“. Christoph ist hier zurzeit noch ein Mitglied auf Probe, in anderen Verbindungen würde man sagen ein „Fux“. Wer von den Bewerbern auf Probe aufgenommen entscheiden alle Mitglieder in einer demokratischen Abstimmung auf dem sogenannten „Konvent“. Erst nach einer Prüfung, in der es um die Geschichte des „Roigel“ und anderen Korporationen geht, ist Christoph dann ein vollwertiges Mitglied. Trotzdem meint er: „Hier ist jeder gleich. Es ist auch egal, ob jemand mehr Kohle hat oder weniger.“ Chriystian, der schon länger dabei ist ergänzt: „Manche unserer Jungs sind aus finanziell besser gestelltem Elternhaus, andere nicht.“

Stephan Peters sieht das etwas anders: „Wenn man in einer Studentenverbindung bestehen oder Spaß haben will muss man die Spielregeln kennen, sonst hat man verloren. Und diese sind über Hierarchien definiert.“ Peters war während seiner eigenen Studienzeit Mitglied in der katholischen Studentenverbindung „Palatia“ in Marburg. Nach mehreren Jahren trat er allerdings aus. „Es war ein schleichender Prozess, indem ich mich selbst weiterentwickelt habe und die Studentenverbindung nicht. Die bleiben ja so wie sie sind. Und da musste ich mich irgendwann entscheiden, passt das noch oder passt das nicht mehr.“ Für ihn hat es nicht mehr gepasst, dabei ist die Mitgliedschaft in einer Verbindung eigentlich eine Sache für das ganze Leben, ein sogenannter Lebensbund. Ein bisschen wie heiraten also. Christoph meint zum Thema Austreten: „Es gehört sich nicht. Du gehst, ohne etwas zurückzugeben.“ Denn wer seine Studentenzeit als Korporierter, also als Verbindungsmitglied, verbringt, genießt einige Vorteile: Günstige Miete, Verpflegung vom Hotel nebenan und natürlich eine Instant-Clique. „Man gewinnt sofort einen Freundeskreis“, erzählt Christian.

Für ihn sind am Verbindungsleben die Veranstaltungen das Besondere. Das Stocherkahnfahren oder das wöchentliche „Kneipen“ – Feiern, bei denen die Studenten in einem Saal im Haus zusammensitzen und sich gegenseitig selbstgeschriebene Gedichte vortragen. Diese „Gazetten“ sind eine Besonderheit ihrer Verbindung, viele Verbindungen hätten in Tübingen eine Art Alleinstellungsmerkmal.

Eine Gleichwertigkeit zwischen Mann und Frau gibt es in einer Korporation nicht.

Peters meint dazu: „Verbindungen haben eine Marktlücke, wie ich finde.“ Für viele junge Menschen, die zum Studieren in eine große, fremde Stadt gehen, wirke besonders das Gemeinschaftsgefühl in einer Verbindung anziehend. „Man bekommt dort eine Art von Geborgenheit nach dem Motto: Hier kann dir nicht viel passieren.“ Verbindungen bieten also nicht „nur“ einen Freundeskreis, sondern eine Art Ersatzfamilie. „Aber was man dafür bezahlt ist ein individueller Preis“, gibt Peters zu bedenken.

Ein Teil dieses Preises könnte sein, mit einer Weltanschauung in Verbindung gebracht zu werden, mit der man eigentlich nichts zu tun haben sollte. „Saufen, Frauenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus – das sind so die drei Vorurteile“, meint Peters. Besonders die Sexismus-Debatte sei ihm schon öfters begegnet, sagt auch Christian und betont: „Unsere Satzung ist geschlechtsneutral geschrieben.“ Obwohl also nirgendwo schwarz auf weiß niedergeschrieben ist, dass es nur männliche Mitglieder geben darf, gibt und gab es in der Verbindung bisher nie eine Frau. In der Antwort auf die Frage warum fallen bei den Jungs vom „Roigel“ die Worte „Tradition“ und „Männerclub“. Eine irgendwie oberflächliche Antwort, denn ein unhinterfragtes Übernehmen von Traditionen steckt meinem Eindruck nach nicht dahinter. „Jungs benehmen sich ohne Frauen anders. Ich finde es legitim, dass es Systeme gibt, die nur für ein Geschlecht sind“, meint Christoph. „Ich stelle mir reine Frauenverbindungen, wie einen nicht enden wollenden Mädelsabend vor.“ Wollen sie also einfach unter sich sein? Für Stephan Peters ist klar: „Eine Gleichwertigkeit zwischen Mann und Frau gibt es in einer Korporation nicht.“ In Deutschland gibt es ungefähr 1.000 Männerverbindungen, allerdings auch 45 Damenverbindungen. In Tübingen sind sechs Verbindungen offen für beide Geschlechter.

Auch der Vorwurf, rechtsextrem zu sein, taucht immer wieder in Verbindung mit Korporationen auf, beispielsweise als im Jahr 2011 eine Mannheimer Verbindung aus dem Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ ausgeschlossen werden sollte, da sie ein Mitglied mit chinesischer Abstammung aufgenommen hatte. „Die Deutsche Burschenschaft ist rechtsextrem, da braucht man auch gar nicht irgendwie rumdiskutieren. Die hat völkische Ansichten und fertig“, stellt Peters klar. Die Deutsche Burschenschaft ist aber nicht der einzige Verbindungsdachverband und im Gesamtbild der Verbandslandschaft ein relativ kleiner. Peters meint: „Da muss man genauer hingucken.“ Grundsätzlich seien alle Verbindungen konservativ eingestellt, also im politischen Spektrum auf Höhe der CDU, FDP und in Ausnahmefällen auch aus dem rechteren Flügel der SPD.

Die Konzeption finde ich nach wie vor irgendwo faszinierend.

Verbindung ist also nicht gleich Verbindung. Manche haben wirklich sehr problematische Ansichten. Andere dagegen erscheinen mir persönlich nur ein bisschen hängengeblieben, aber auch bereit, sich der Allgemeinheit zu öffnen. Christian meint: „Viele Vorurteile sind von Unwissen geprägt. Am liebsten zeige ich den Leuten einfach, wie es hier ist.“ Er gibt auch regelmäßig Führungen für Touristen durch das Roigel-Haus. Doch ich bin bei meiner Recherche auch Verbindungen gestoßen, die keine Interviews führen wollten. „Diese Heimlichtuerei ist mit einem elitären Denken verbunden“, so Peters. „Nach dem Motto: Wir sind was Besonders, wir bleiben unter uns. Das ist typisch für konservative Gruppierungen.“

Trotzdem hat sich der biergetränkte Verbindungsschleier zumindest für mich ein wenig gelichtet. Eine Stadt wie Tübingen sähe ohne Verbindungen wohl doch deutlich anders aus. Gerade deshalb ist es aber auch so wichtig, die einzelnen Verbindungen differenziert zu betrachten und rechtsextreme und frauenfeindliche Tendenzen klar abzulehnen.

Stephan Peters räumt bei aller Kritik dennoch ein: „Die Konzeption finde ich nach wie vor irgendwo faszinierend.“ Er würde sich eine Alternative wünschen, in der es auch möglich ist, Gemeinschaftsgefühl zu erleben. „Aber wie sowas aussehen könnte, dass weiß ich nicht.“

Als mich Christian und Christoph zum Schluss der Führung auf die Terrasse ihres Hauses begleiten, wird mir zumindest eins klar: Man kann über Verbindungen denken oder schreiben, was man will – die beste Aussicht der Stadt haben sie sicher!

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