Zurück in die Vergangenheit

„Früher war alles besser! Wir hatten wenig und waren glücklich.“ Das sind Wörter meiner Großeltern – und sie bekommen nie genug davon, Geschichten aus der Vergangenheit zu erzählen um mir zu beweisen, dass früher die Welt noch in Ordnung war. Damit werden ihre Erinnerungen für einen kurzen Augenblick zu wunderbaren Glücksmomente. Doch weshalb war früher alles „besser“? Stimmt das denn auch überhaupt?

Wenn ich die Geschichten meiner Großeltern höre, dann kann ich es gar nicht fassen, wie schwer und hart ihr Leben eigentlich abgelaufen ist. Denn das, was sie durchgemacht haben, hat mit unserer heutigen Welt nichts mehr zu tun. Sie sind beispielsweise zwei Stunden zum Fluss gelaufen, um Wäsche zu waschen, weil sie keine Waschmaschine hatten. Sie sind außerdem morgens sehr früh, mit einer Herde durch etliche Dörfer gelaufen, bis zu einem gigantischen Berg hoch, um dort die Tiere zu füttern. Sogar meine Mutter musste oft mithelfen und mitlaufen, denn bei so vielen Tieren kann man schon mal den Überblick verlieren und irgendwie haben die Ziegen immer ihre Hausaufgaben „gegessen.“ Doch glaubte das die Lehrerin? Nie im Leben. Manchmal gab es in der Winterszeit nicht genug zu Essen – aber meine Großeltern hatten auch in der kältesten Stunde einen Plan und versorgten ihre Kinder mit selbstgemachten Brot oder noch vorhandenen Vorräten. Auch wenn das für mich wie ein „hartes Leben“ klingt, schwelgen meine Großeltern in Erinnerung und behaupten immer wieder, dass ihre Zeit „viel besser“ und dazu von Bedeutung war.

Für sie scheint alles besser zu sein

Beispielsweise sagen sie, dass das Zusammenleben mit der Familie, Nachbarn, Freunde und den Rest des Dorfes im Einklang war. Sie hatten im Garten einen riesengroßen Tisch gestellt, damit jeder sich zum Essen gesellen konnte. Es kamen viele vorbei, sogar Beamte wie die Polizisten. Wenn es nur Brot gab, dann waren trotzdem alle zufrieden damit. Ebenso behaupten sie, dass alles sicherer war, es weniger Gewalt gab und das Familienleben mehr geschätzt wurde. Doch stimmt das alles? Wenn man sich die Fakten anschaut, dann kann man nicht zustimmen. Denn in den 70iger und 80iger Jahren war es in Europa sehr gefährlich. In Italien kam es beispielweise in den 70iger Jahren zu einem Blutbad. Denn auf einem italienischen Fernzug kam es zu einem faschistischen Attentat. Im Zug explodierte eine Bombe, wenige hundert Meter vor dem Bahnhof von Gioia Tauro, und es starben 6 Menschen, 66 wurden dabei verletzt. Weiterhin gab es im Jahr 1980 in München einen Oktoberfestanschlag, es kostete 13 Menschen das Leben und es gab 211 verletzte. Acht Jahre später, 1988, gab es 270 Todesopfer, weil eine im Flugzeug eingepackte Bombe, das Flugzeug über die schottische Ortschaft Lockerbie, in Stücken zerriss. Was Morde und Einbrüche in Deutschland angeht: Seit dem Jahr 2000 sinkt die jährliche Zahl der Morde in Deutschland beständig – von 449 auf 296 bei gleich hoher, 90-prozentiger Aufklärungsquote. Die Einbrüche gingen von 227 000 (1993) auf 152 000 (2014) zurück und stiegen erst in letzter Zeit wieder etwas an. Die Liste an Attentate und sonstige Art von Gewalt ist endlos lang und somit ist bewiesen worden, dass Gewalt, Anschläge, Morde und Einbrüche auch früher stattgefunden haben. Vielleicht ist es ein Fluch – vielleicht ein Segen, aber meine Großeltern konnten diese Informationen nicht immer mitbekommen, weil der Medienfluss nicht so stark ausgeprägt war wie heute. Sie hatten kein Internet, weil es damals diese Erfindung noch nicht gab und kein Fernsehen, da sie sich das nicht leisten konnten. An Zeitungen sind sie nur schwer rangekommen, weil sie zu selten in die Stadt gingen oder zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt waren.

Doch wie sah es mit der Familiensituation aus?

War denn alles so harmonisch und gut? Auch in diesem Fall muss ich meinen Großeltern leider enttäuschen. Zukunftsforscher Matthias Horx sagt folgendes dazu: „Nein. Die Leute blieben vielleicht länger zusammen, aus Gründen der Moral oder materiellen Zwängen. Aber das hieß auch oft fürchterliches Schweigen.“ Vielleicht hat man Laut seiner Aussage nicht mal aus Liebe geheiratet, sondern aus Geldnöte. Dadurch hatten auch die Eltern für ihre Kinder den Ehepartner/in ausgesucht. Man musste eben tun, was die Eltern von einem verlangte, denn die Familie war alles was man in dem Moment hatte. Ohne Geld und anderen Mitteln konnte man nicht weg vom Fleck. Und die Harmonie? Nun ja, die war nicht immer vorhanden. Schuld daran waren die Nachkriegsjahre. Man hatte sich so sehr in das strenge ordnungs-denken reingesteigert, dass das eine schlechte Auswirkung auf das Familienleben hatte. Doch man darf das alles nicht zu verallgemeinern, denn meine Großeltern haben beispielsweise aus Liebe geheiratet. Meine spanische Oma flüchtet nach dem Krieg von Spanien nach Italien und verliebte sich unsterblich in meinem Opa. Und das schönste ist, dass sie hatten beide nichts hatten und sich Schritt für Schritt alles selbst aufgebaut haben. Das muss wohl wahre Liebe sein.

Und war denn jetzt früher alles besser?

Die Frage ist schwer zu beantworten, weil die ältere Generation „besser“ anders definiert als die jüngere Generation. Wir leben jetzt in einer Mediengeprägten Welt und könnten uns diese ohne Technik gar nicht mehr vorstellen. Aber vielleicht ist genau das der Punkt; in der Vergangenheit waren diese ständigen Nachrichten nicht im Zentrum ihres Lebens. Es hätte auch nicht dazu kommen können, wenn man kein Internet und kein Fernsehen hatte. Ihr Mittelpunkt war nun mal die Arbeit und die Familie – und das macht es für sie zu einer besseren Welt.

           


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1 comment

  1. Sevin Demir Antworten

    Oooooohhhh so ein schöner Text 😍😍😍😍😍 so mega schön geschrieben und wie wahr und auch traurig!
    Angi wirklich ein sehr toller Text!