Kurzgeschichte: Winterspreu

Der Sommer flüsterte warme Winde in die Nacht. Sanft flossen sie Yuko um die zitternden Lefzen, neckten seine zuckende Nase, die feucht gegen den silbrig erleuchteten Himmel glitzerte. Er atmete schwer. Der Tag war lang und heiß gewesen, und er hatte kein Versteck am Rande der Stadt gefunden, sodass er rastlos umher wandern musste, immer wieder untertauchend in schattigen Gassen und lichten Hecken. Die Stadt roch nach Fäulnis und Verderben. Hitze und Schwüle tauchten sie in einen unheimlichen Zustand trägen Dahinrottens, der seit Monaten anzuhalten schien. Alle und alles war erschöpft, hing zu Boden, sehnte sich nach der Erlösung. Bloß ein Regentropfen war gefallen, vor knapp zwei Wochen. Yuko hatte ihn gerochen. Er wusste nicht, auf welches Fleckchen Erde er gefallen war. Glückliches Fleckchen, dachte er, und wandte sich ab, kehrte dem Mond seinen blassen Rücken zu, beinahe weiß im spärlichen Licht. Die Nacht bot den Hoffenden, den Betenden ein Stück gnädiges Zugeständnis. Ein bisschen Luft im luftleeren Raum. Ein bisschen Wind in einer Welt, in der Winde selten waren wie Gold oder Silber. Etwas ungeheuer Wertvolles. Nicht aufzuwiegen mit irgendetwas sonst.

Yuko liebte die Nacht und er verehrte sie wie eine Göttin, huldigte ihr vom letzten Sonnenstrahl bis zum frühen Morgengrauen, wenn der Himmel sich kränklich rosa färbte, durchsetzt von hellgrauen Schlieren, wie Wunden im Fleisch. Er sah zum Mond auf und wusste: Dies war sein Gott. Er sah, wie die Sterne am Himmel zu glänzen begannen und schwor sich: Dies waren seine Priester, die einzigen Richter über sein Handeln, still und wachsam, wie es sich für Priester gehörte. Die Nacht war sich bewusst, was für ein treuer und ergebener Diener sie in Yuko gefunden hatte. Und so schickte sie ihn durch die öden Ebenen einer trostlosen Welt, in der es weder Herbst noch Winter gab, die ein einziger langer Sommer war, mit kurzen Augenblicken eines milden Frühlings. Sie trieb ihn immer weiter, bis ans Ende der Berge, die um die Städte herumstanden wie zu Stein gewordene Untiere vergangener Zeiten. Auf den höchsten Gipfeln raunte sie Yuko Geheimnisse zu, Träume. Von anderen Zeiten. Von herbstlichen Stürmen und winterlichem Schneetreiben. Die Nacht erzählte ihm, wie es früher gewesen war, als am Ende eines Jahres die Seen zufroren und die Kinder sich mit vorsichtigem Lachen auf die zerbrechlichen Flächen gewagt hatten. Sie sprach von Blätterschwärmen, die vogelgleich durch die Lüfte segelten, rauschend und plappernd wie die Bäche, die Yuko kannte. Die Nacht erinnerte sich an all die dunklen Tage, die Morgen nur ein glimmendes Licht im Fenster der Menschen, die Abende Kerzenwachs und Lichterketten an buschigen Tannen. Sie wusste von dem Gefühl zu Beginn eines neuen Tages einzuatmen, eisige Luft durch die Kammern der Lunge fließen zu spüren und sie wieder auszupusten, zu sehen, wie sich der Atem in der Kälte festigte und formte, als wäre er etwas Lebendiges.

Der Winter bringt nur Winterspreu, lässt die Wiesen sterben und die Tiere verhungern.

Yoku lauschte der leisen Stimme und sie wurde zum Rhythmus seiner Wege, lenkte ihn, steuerte seine Schritte, ließ ihn laufen und laufen, ohne dass er bemerke, wohin sie ihn führte. Es war ihm gleich. Er war ein Wanderer, ein Pilgerer, ein Träumer. Sein Ziel waren nur die Gedanken der Nacht, die durch ihn hindurch fuhren, mit kühlen Fingern sein verfilztes Fell entwirrten, ihm die Lider schloss, wenn die Sonne aufging und die Stimme verstummte. Yoku war ein einsamer Wolf. Er hatte niemanden, keiner antwortete ihm, wenn er den Mond anflehte, er möge ihm einen Gefährten schicken. In dieser Hinsicht war sein Gott ein erbarmungsloser. Aber Yoku blieb demütig. Er beschwerte sich nicht. Er wartete geduldig auf die Monologe der Nacht, ab und an zart durchbrochen von den dünnen Stimmen der Sterne, die ihm auftrugen genügsam und dankbar zu sein, trotz seines Elends, trotz der Hitze, die um ihn her stand, undurchdringbar war, geradezu eine Mauer bildete, die ihn einschloss und ihm keinen Sauerstoff ließ, mit dem er sein verzweifeltes Hecheln hätte beruhigen können. Sei froh über die Wärme, so musst du nie frieren, flüsterten sie. Sei dankbar für die Sonne, so musst du nie in absoluter Dunkelheit wandeln, mahnten sie. Sei glücklich darüber, dass es nicht Herbst wird und die Pflanzen niemals verblühen, was würde sonst deine Beute fressen? Was du selbst? Der Winter bringt nur Winterspreu, lässt die Wiesen sterben und die Tiere verhungern. Trauere nichts nach, dessen Schattenseiten du nie erleben musstest.

Und Yoku nahm sich ihre Worte zu Herzen, schämte sich seiner Faszination, seiner unbändigen Begeisterung und Neugierde an allem, was die Nacht ihm wispernd in die spitzen Ohren trug. Winterspreu, dachte Yoku, und senkte den Blick auf den trockenen Boden, rissig und von der Hitze des Tages aufgeladen. Wie gut klang doch Winterspreu. Konnten seine Priester nicht sehen, wie die Welt verdorrte? Konnten sie nicht riechen, wie die Felder starben, ohne das je Winter gewesen wäre? Regen kam nur alle paar Monate. Ergoss sich tagelang, machte die Straßen zu Flüssen und die Wiesen zu Seen. Unbarmherziger Sommerregen. Wie Kanonenkugeln schossen die Tropfen auf die Welt ein, hinterließen Krater und abgebrochene Grashalme und tote Vögel in schlammigen Pfützen. Nun, Priester waren dazu da zu predigen. Zu sagen, dass man es schlechter hätte treffen können. Und Yoku verzieh ihnen ihre Blindheit in Bezug auf sein weltliches Leid. Geschlagen trottete er durch die nunmehr verlassenen Gassen der Menschen, suchte hinter ihren Mülleimern  nach dünnen Katzen oder stumpfäugigen Waschbären. Er fand ein dreckiges Eichhörnchen, gelblich und mager, das ihn aus verängstigen Augen anblitze. Wie zwei kleine Funken leuchten sie rotbraun im Zwielicht, das der Mond in die Stadt sandte. Ich will dir nichts tun, sagte Yoku, wissend, dass das kleine Tier ihn nicht verstand. Er hatte Mitleid mit den Überresten dieses Geschöpfs. Traurig drückte er sich rückwärts aus dem Gang zwischen Abfall und Gemäuer. Er setzte eine schmerzende Pfote vor die andere, fort von der Stadt, fort von den blinden Fenstern der Häuser und den schrillen Geräuschen der elektrischen Wellen, die durch die Straßen waberten wie unheilvolle Musik. Bald erreichte er das klägliche Flussbett am Fuße des einstmals prächtigen Waldes.

Der Wald hatte kranke Flecken, verdurste langsam und keuchte unter der Last der gewaltigen Kronen. Yoku ließ sich erschöpft in den kargen Strahl erdigen Wassers sinken, der träge zwischen Wurzeln und Steinen hindurch kletterte. Ein winziges Fiepen bahnte sich einen Weg von seiner Schwanzspitze bis zur dunklen Schnauze. Wimmernd lag er da und weinte um das in Dreck und Abfall wühlende Eichhörnchen, dessen Augen so verängstigt und hoffnungslos im Dunkel aufgeleuchtet hatten. Winterspreu, dachte Yoku, und stellte sich vor, wie das kleine Tier eine mit Schnee bedeckte Tanne empor kroch. Das Fell war dicker, das Eichhorn kräftiger. Die Augen glänzten warm, obgleich die Luft kalt war. An der Tanne baumelten dicke, saftige Zapfen, die sanft im Winterwind schaukelten. Am Waldboden lag feuchter Morast, die oberste Schicht angefroren, sodass Yokus Schritte knirschten und es ihn an den empfindlichen Ballen kitzelte. Er blickte hinauf in das Geäst des dunklen Baumes, nach dem geschickten Tier Ausschau haltend, das weiter nach oben geklettert war und leise, fröhliche Laute von sich gab. Yoku atmete aus und sah seinen Atem vor sich schweben wie einen tanzenden Geist. Die Äste des Waldes boten ihm Schutz vor den Flocken, die fallenden Sterne gleich niederrieselten und die Welt bedeckten wie ein Zaubermantel in strahlendem Weiß. Winterspreu, dachte Yoku und spürte die kühlenden Finger der Nacht, die ihn streichelten und sein Traumbild mit geschickten Pinselstrichen ausmalten, bis er eingeschlafen war und sein schmächtiger Körper das letzte bisschen Lebenskraft mit einem letzten tiefen Zug in die Dunkelheit hinaus atmete.


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