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Kultur & Zeugs

Willy Wonka, der Sklaventreiber

Bei Charlie und die Schokoladenfabrik von Roald Dahl denkt man schnell an den Kindheitstraum unendlicher Schokolade aus den lustigen Verfilmungen oder dem Buch. Ich jedoch denke an die Umpa-Lumpas, die darin wie Sklaven behandelt werden.

Im Großen und Ganzen geht es in Charlie und die Schokoladenfabrik, dem im Jahr 1964 veröffentlichten Kinderbuch, um den armen Charlie Bucket und Willy Wonka. Willy Wonka verteilt fünf Goldene Tickets auf der ganzen Welt, die als Eintrittskarte für seine Schokoladenfabrik gelten. Die fünf Kinder Augustus Glupsch, Micky Schiesser, Veruschka Salz, Violetta Beauregarde und natürlich Charlie Bucket sind die Glücklichen. Auf der Tour durch die Fabrik passieren mysteriöse Unfälle, bei denen die Kinder und ihre Eltern nach und nach vom Rest der Gruppe getrennt werden. Am Ende bleiben nur Charlie und sein Großvater Josef übrig, und Wonka macht Charlie zu seinem Erbe. Die Umpa-Lumpas sind Wonkas Mitarbeiter und spielen nur eine kleine Rolle in der Geschichte. Jedoch ist diese Rolle sehr problematisch, wenn man genauer hinsieht.

Oberflächlich gesehen lachen die Umpa-Loompas viel und singen, um sich die Zeit zu vertreiben; sie werden als neckisch beschrieben und als Personen, die viel Unsinn treiben. Schaut man aber tiefer, kann man die rassistischen Untertöne des Originaltextes erkennen. Alles fängt damit an, wo die Umpa-Lumpas herkommen: aus dem unzivilisierten Lumpaland. Dieses Land besteht hauptsächlich aus Dschungel und gefährlichen Tieren. Wonka stellt sich selbst als Held dar, wenn er erzählt, dass die Umpas sich fast nur von Raupen ernährt haben, die schrecklich schmecken sollen. Dazu kommt, dass sie hoch oben in Bäumen gelebt haben, um sich vor den gefährlichen Tieren zu schützen. Das Leibgericht der Umpas sind Kakaobohnen, und da Wonka diese benutzt um Schokolade herzustellen, hat er ihnen genau solche als Bezahlung angeboten, damit sie in seiner Fabrik arbeiten. Klingt doch nach einem klasse Kerl, oder? Nicht ganz: Kakaobohnen sind keine wirkliche Form von Bezahlung, sondern gleichen eher dem Prinzip des Unterhalts und Ernährung. Die Umpas leben in Wonkas Fabrik und ernähren sich von Kakaobohnen, das kommt einem doch bekannt vor, oder? Man kann zwar sagen, dass viele Arbeitgeber auf Bauernhöfen oder Ähnliches mit dem gleichen Prinzip arbeiten, aber die Umpas dürfen die Fabrik nie verlassen. Wonka argumentiert, dass es draußen viel zu kalt sei für die Umpas und sie sofort erfrieren würden, da sie ja tropische Temperaturen gewohnt sind. Niemand in der Stadt wusste von der Existenz der Umpa-Lumpas, und das erscheint mir fragwürdig, wieso er sie verheimlicht hat.

Die Umpas werden nicht als gleichwertige Lebewesen gesehen, sondern nur als praktische und billige Arbeitskraft.

Aber das ist noch längst nicht alles. Die Umpas dienen Wonka auch als Versuchskaninchen und das teilweise mit fatalen Folgen. Wonka gab einem der Umpas Luftballon-Brause zum Testen. Dieses Getränk lässt Dich schweben, aber als es noch in der Entwicklungsphase war, ist der Umpa einfach davongeflogen und nie wieder gesichtet worden, da Wonka sein Projekt im offenen Hof getestet hat. Einem anderen Umpa hat er Haar-Toffee gegeben, wodurch ihm sind so viele Haare gewachsen sind, dass man sie mit einem Rasenmäher schneiden musste. Es scheint also, als werden die Umpas nicht als gleichwertige Lebewesen gesehen, sondern nur als praktische und billige Arbeitskraft oder Versuchskaninchen.

Der Grund, wieso Wonka die Umpas eingestellt hat, ist, damit keine Spione mehr in seine Fabrik eindringen können, um seine Rezepte zu stehlen, was mit bedingt, dass die Umpas die Fabrik nicht verlassen dürfen.

Dieses Gesamtbild wird verschärft, wenn man beachtet, dass in der Originalfassung des Buches die Umpa-Lumpas schwarz waren und aus Afrika kamen. Virginie Fowler, die Editorin für Charlie hatte Probleme einen Illustrator zu finden, denn die meisten waren mit der Darstellung der Umpa-Lumpas unzufrieden. Dann als die erste Verfilmung (1971) in Planung war, kamen Proteste der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) auf. Die NAACP fand das Buch rassistisch und verlangte die Änderung der Hautfarbe der Umpa-Lumpas und des Titels des Films (Originaltitel: Willy Wonka and the Chocolate Factory) damit keine Verbindung zum Buch mehr hergestellt wird. Der Name sollte geändert werden, da Charlie ein Slang-Wort der Afro-Amerikaner für einen weißen Mann.

Der Film veränderte die Umpa-Lumpas sehr, und sie wurden auch für eine spätere Ausgabe des Buches verändert. Um jegliche Verbindung zu Rassen zu unterlassen, wurden die Umpa-Lumpas im Film auf einmal Orange mit grünen Haaren, zudem tragen sie nicht mehr Rotwildfelle wie im Buch, sondern sind passend für ihren Job in weißen Overalls gekleidet. In der neuen Buchausgabe haben sie jetzt rosig weiße Haut und langes goldbraunes Haar. Jedoch auch ohne die Hautfarbe und die Herkunft bleibt mir das Bild der Sklaverei im Hinterkopf, wenn ich an Willy Wonka denke.

Wer sagt, dass Charlie die Fabrik nicht in eine komplett andere Richtung lenken wird?

Der größte Grund dafür ist jedoch, dass Willy Wonka seine Fabrik einem beliebigen Kind überlassen würde, anstelle der Umpa-Lumpas. Wonka hat ihnen Englisch beigebracht – und an den Gesängen, die sie von sich geben, merkt man, dass sie die Sprache genug beherrschen, um die Fabrik zu leiten. Sie müssen die Fabrik dafür auch nicht verlassen, wie auch Wonka die Fabrik selbst für sehr lange Zeit nicht verlassen hat. Die Umpas kennen das Geschäft, und es läuft hauptsächlich wegen ihnen. Warum sollten sie es dann nicht auch leiten können? Nein, Wonka sucht sich lieber ein Kind aus, dass er seit einem Tag kennt, weil er glaubt, er könnte es nach seinem Bild formen. Er selbst hat keine Verwandten, denen er die Fabrik vermachen kann und möchte eine Art Lehrling haben. Aber genau da sehe ich ein Problem: Wonka hat ein Vertrauensproblem, da er seine Fabrik schon einmal wegen Spionen schließen musste, jetzt lädt er fünf Kinder ein, die er nicht kennt, und wählt das gehorsamste im Ausschlussverfahren, um sein Nachfolger zu werden.

Den Umpa-Lumpas kann er vertrauen: Sie tun immer das, was er möchte, und kennen ihn am besten. Er möchte keinen Erwachsenen als Nachfolger, da die nach seinem Abtritt ihr eigenes Ding durchziehen würden, aber wer sagt, dass Charlie das nicht auch tun würde? Wer sagt, dass Charlie die Fabrik nicht in eine komplett andere Richtung lenken wird? Der einzige Weg, wie sich Wonka sicher sein könnte, dass alles so bleibt, wie es ist, wäre die Fabrik den Umpas zu überlassen.

Scheinbar sieht Wonka sie tatsächlich mehr als Eigentum denn als ebenwürdige Personen, die sie eigentlich sein sollten. Und mit all dem scheinen sie mir mehr Sklaven zu sein als Mitarbeiter.

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