Wie tickst Du? – eine Psychologie der Zeit

Tatsächlich entscheidet unsere Einstellung der Zeit gegenüber über unser Gefühlsleben, unsere Handlungen, unsere Haltung in Liebesdingen, ja sogar über unseren Umgang mit Geld und darüber wie alt wir werden und wie gesund wir sind. Phlip Zimbardo – bekannt geworden durch das Stanford Prison Experiment – hat nun gemeinsam mit John Boyd die Forschungsergebnisse aus drei Jahrzehnten vorgelegt und nimmt uns darin mit auf eine spannende Zeitreise.

Zeit ist das kostbarste Gut, das wir besitzen. Der Spruch „Zeit ist Geld!“ schlägt fehl, denn Geld kann durch Güter und Waren aufgewogen werden, kann angelegt und gespart werden. Zeit hingegen ist das Einzige, dass unwiederbringlich zerrinnt, das nicht zu ersetzen oder nachholbar ist.

Wir wissen nicht wieviel Zeit uns gegeben ist, aber die Zeit, die uns gegeben ist, ist die einzige Ressource, die wir zur Verfügung haben, um unser Leben zu leben, zu gestalten und die Dinge zu tun, die uns wichtig sind. Tatsächlich ist ein bewusster Umgang mit der Zeit die einzige Möglichkeit, die wir haben ein sinnerfülltes Leben zu führen.

Menschen, die vor Ihrem Tode befragt werden, was Sie versäumt haben in ihrem Leben, geben immer wieder die Auskunft, sie hätten Ihre Zeit nicht bewusst gelebt und damit genutzt.

Verschiedene Ebenen des Zeiterlebens: Der Blick zurück

Wir alle leben gleichsam in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, doch unterscheiden wir uns darin, welche der Zeitschienen unser Erleben dominiert und ob wir dieses positiv oder negativ bewerten.

Es gibt Menschen, die hauptsächlich in der Vergangenheit leben. Dies kann in positiver Art und Weise geschehen und eine Art rückwärtsgewandte Utopie und Nostalgie beinhalten. Man hört Lieder, die einen an bestimmte Momente im Leben erinnern oder mit nostalgischer Wehmut richtet man die Wohnung im Retro-Stil ein und beim Treffen mit Freunden spricht man über gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen.

Die Zugewandtheit zur Vergangenheit ist eine Form des Zeiterlebens, die logischerweise je älter wir werden, desto stärker in den Vordergrund tritt. Tatsächlich ist die nostalgisch positive Blickweise auf die eigene Vergangenheit ein wichtiger Teil unseres Selbstverständnisses und unserer Persönlichkeitsbildung. Die erlebten Erlebnisse und geschehenen Geschehnisse machen uns zu dem, wer wir sind und verleihen uns Individualität und Selbstbewusstsein.

Gefährlich wird es für uns nur, wenn wir uns in der Vergangenheit verlieren und dabei vergessen, zu leben. Ein positiver Blick auf die Vergangenheit ermöglicht es uns jedoch aufbauend auf Selbstbild und Erfahrungen, Potentiale für die Zukunft zu entwickeln und Kraft für die Gestaltung der Gegenwart.

Im Gegensatz zu dieser positiven Sichtweise der Vergangenheit, existiert jedoch auch das Gegenteil. Vor allem Menschen, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, traumatische Erlebnisse hatten und Leid ausgesetzt waren, können so stark von diesen leidvollen Erfahrungen geprägt sein, dass sie quasi in ihnen festhängen und darüber so gelähmt sind, dass sie nicht mehr fähig sind zu leben, zu atmen und ihre Gegenwart zu gestalten.

Zimbardo berichtet von Forschungsergebnissen, die zeigten, dass die erfolgversprechendste Therapie für Posttraumatische Belastungsstörungen und Depression nicht, wie bisher gedacht, das Aufarbeiten und damit auch Verweilen in der Vergangenheit ist. In einer neuen Form der Zeittherapie wird den Patienten das Bewusstsein vermittelt, dass durch das Festhängen in der Vergangenheit, das kostbarste Gut des Lebens vergeudet: die Zeit und damit eben auch das eigene Leben und die Chance es selbst bestimmt zu gestalten.

Dieses Bewusstsein reißt die meisten Patienten erfolgreich aus der Untätigkeit und führt dazu, Selbstwirksamkeit zu entwickeln und das eigene Leben wieder selbst bestimmt zu gestalten.

Eindrucksvoll ist die Begegnung mit einer alten Frau – Eddie – die als Jugendliche das Konzentrationslager überlebte und miterleben musste, wie ihre Familienangehörigen umkamen. Sie sprach 30 Jahre nicht über ihre Erlebnisse, zu grauenvoll und schmerzhaft waren diese, aber sie hat gelernt sich nicht von den Erlebnissen, die sie nicht verändern kann, lähmen oder gar von ihrem Leben abhalten zu lassen: „Für mich sind Leben und Lebensfreude das Wichtigste, nicht der Tod und Sterben – obwohl der Tod ein Teil des Lebens ist.“ Äußerte sie in einem Vortrag vor Studenten, in welchem sie über ihre leidvollen Erfahrungen berichtete.

Vergangenes zu überwinden und daraus Stärke zu ziehen, das Bewusstsein, überlebt zu haben und das Bewusstsein, sich von den schlechten Ereignissen nicht das Leben nehmen zu lassen, können die Basis für ein neues Erleben der Gegenwart schaffen.

Leben im Hier und Jetzt

Das Leben im Hier und Jetzt ist eine Eigenschaft, die viele Menschen der westlichen Gesellschaft verloren haben. Sie sorgen sich zu sehr über das was kommt, was sein wird und planen die Zukunft. Dabei vergessen sie jedoch zu leben und nehmen den unmittelbaren Augenblick gar nicht mehr wahr.

Hier können wir viel lernen von buddhistischer Philosophie und Lebenshaltung. Zimbardo spricht hier von einer holistischen Gegenwartsorientierung. Durch Mediation kann man lernen, seinen Geist rückhaltlos dem jetzigen Moment zu öffnen und so einen achtsamen und bewussten Umgang mit sich selbst, seinem eigenen Körper und auch mit anderen zu erlangen. Wir finden dieses holistische Weltbild auch bei Philosophen und Literaten der westlichen Welt, die das Bewusstsein der Vergänglichkeit formulieren und daraus die Forderung des carpe diem ableiten.

Im Bewusstsein, dass die Zeit und das Erleben vergänglich sind, erlangen Dinge eine höhere Wertschätzung und damit gewinnt das Erleben derselben eine bewusstere, tiefergehende und achtsamere Ebene. Dieses genussvoll, respektvolle Erleben und Wertschätzen der Gegenwart kann erlernt werden und führt zu einer tief empfundenen Lebenszufriedenheit.

Auch charakterlich sind Menschen, die einen solchen Lebensstil führen, aufgeschlossener, kreativer, offener, in sich ruhend und ausgeglichen.

Dem gegenüber stehen zwei ungesunde Arten des Gegenwarterlebens: zum einen das hedonistische, zum anderen das fatalistische.

Im hedonistischen Erleben, wird nicht der tiefer gehende Wert des Lebens gesucht, sondern die egoistische Befriedigung unmittelbarer Lüste und Bedürfnisse. Dies führt zu einem ungesunden Lebensstil, Konsum von Drogen und Alkohol, riskantem Fahrverhalten und rücksichtslosem Umgang mit anderen. Es steht das eigene Erleben im Moment im Vordergrund. Die Zukunft und die Folgen der eigenen Handlung werden ausgeblendet.

Tatsächlich schadet man durch ein solches Verhalten sich selbst und auch anderen. Durch die mangelnde Reflektion ist man sich dessen jedoch nicht bewusst.

  Menschen, die ein solches Zeiterleben haben, sind oft aufregend und anziehend und sicherlich auch die besten Partygäste. Jedoch neigen sie dazu, sich zu verspäten, nicht zuverlässig und verlässlich zu sein und nicht zu ihrem Wort zu stehen. Ganz einfach, weil ihnen die Zukunftsperspektive und damit das Bewusstsein für die Folgen und die Verbindlichkeit ihres Handelns fehlt.

Im Gegensatz dazu steht das fatalistische Erleben der Gegenwart, dieses Erleben ist geprägt von der Grundhaltung an der gegenwärtigen Situation sowieso nichts ändern zu können. Dahinter steht das Gefühl, ausgeliefert zu sein und keine Selbstwirksamkeit zu besitzen.

Eine solche Einstellung finden wir häufig bei Menschen, die sozial abgehängt sind. Die fatalistische Grundhaltung und das Abschieben von Verantwortung führen dazu, dass sie keinen Versuch unternehmen, sich aus ihrer als ausweglos empfundenen Lage zu befreien. Folgen sind auch ein ungesunder Lebensstil, was sich in Essverhalten, Verhütung, Vorsorgeuntersuchungen zeigt.

Soziale und psychologische Studien haben indes ergeben, dass es häufig bereits hilft diesen Menschen durch Projekte wie Musizieren und Tanz Selbstbewusstsein zu geben. Durch die Erkenntnis, durch das eigene Handeln Einfluss auf Geschehnisse nehmen zu können, erlangen sie die Stärke sich aus einer zuvor als ausweglos empfundenen Situation zu befreien. Besonders Kindern, die in einem solchen Milieu aufwachsen, ist es wichtig durch Bildung und Kultur neue Perspektiven aufzuzeigen.

Que sera, sera – whatever will be, will be: die Zukunft

Zukunftsmenschen, sind Menschen, die ihr Leben mit Blick auf das Kommende gestalten. Es sind Menschen, die leistungsorientiert und verlässlich sind, finanziell und gesundheitlich vorsorgen, die einen hohen Bildungsabschluss anstreben und diesen auch erreichen und fleißig sind. Kurz: Zukunftsmenschen sind „Macher“, sie sind erfolgreich im Beruf, gründen (oft spät) Familie, sind verlässlich und pflegen einen gesunden und achtsamen Lebensstil. Sie sind offener, kreativer, aktiver, fleißiger und beständiger als andere.

Das hört sich alles positiv an und danach als wäre eine solche Zeitperspektive erstrebenswert. Doch wie auch in den anderen Zonen des Zeiterlebens gibt es hier eine Schattenseite. Menschen mit Zukunftsorientierung leiden häufig unter Stress und Zeitdruck, unter dem Gefühl zu wenig Zeit zur Verfügung zu haben und nicht alles zu schaffen, was sie sich vorgenommen haben. Sie haben Schwierigkeiten im Moment zu sein und den Moment auszuhalten, geschweige denn, ihn zu genießen. Oft verzichten sie auf angenehme Dinge wie die Pflege von Freundschaften, Partnerschaft und Familie, sie schieben diese hinten an, im Bewusstsein „zuerst“ ihre Pflichten erledigen zu müssen, „bevor“ Zeit für die persönlich wichtigen Dinge ist. Dabei verlieren die Zukunftsmenschen aus dem Bewusstsein, dass es immer Dinge zu erledigen gibt und der Zeitpunkt, an dem alles erledigt ist, nie eintreten wird.

Die Mischung macht es

Für ein gesundes Erleben der Zeit und einen bewussten Umgang mit ihr und ein sinnvolles Erleben und Leben gilt es ein Bewusstsein zu schaffen, das alle Zukunftsperspektiven miteinander vereint.

Eine positiv, nostalgische Sichtweise auf die Vergangenheit und ein bewusstes Überwinden negativer Erlebnisse vermittelt uns Stärke und Selbstbewusstsein. Ein holistisches und achtsames Erleben und Wahrnehmen der Gegenwart, lässt uns den Wert des Lebens bewusst werden und ihn dadurch auch bewusst erleben und genießen und mit anderen teilen.

Zuletzt ist eine planvolle und nach vorne blickende Zukunftshaltung, die aber stets das Wissen um Vergangenheit und Gegenwart mit einbezieht und bewusst Prioritäten setzt  und das Leben zulässt, der Garant für eine sinnvolle Gestaltung des eigenen Lebens.

Kurz kann man diese Verbindung der Zeitperspektiven auf einen Nenner bringen: Lerne aus der Vergangenheit, Träume von der Zukunft, und Lebe im Hier und Jetzt!

Der Selbsttest

Willst Du wissen wie Du tickst und welche Zeitwahrnehmung Dein Leben bestimmt, kannst Du auf www.TheTimeParadox.com einen Test machen. Allerdings bringt das Testergebnis nicht wirklich viel, wenn Du Dich nicht mit der Bedeutung der Erlebnisebenen auseinandersetzen willst. Ich empfehle daher die deutsche Übersetzung des Fachbuches von Philip Zimbardo und John Boyd: „Die neue Psychologie der Zeit und wie sie Ihr Leben verändern wird“. Hier ist nicht nur der Test in deutscher Sprache, sondern auch eine ausführliche Erklärung der einzelnen Erlebnismomente gegeben, ihrer charakterlichen Begründung und ihrer Auswirkung auf Leben und Handeln.

Das Buch ist empfehlenswert, weil es sich spannend liest und trotz hohen wissenschaftlichen Niveaus im Plauderton die Ergebnisse aus drei Jahrzehnten psychologischer Forschung zusammenfasst. Darüber hinaus enthält das Buch Fragebogen mit Handlungsanweisungen, die einen unterstützen das eigene Leben zu reflektieren und durch selbst bestimmtes Handeln neue Zeitperspektiven im eigenen Leben zu eröffnen, letztendlich dadurch einen inneren Ausgleich zu finden und zu einem zufriedeneren und sinnerfüllten Leben zu finden.


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