Wer heult hat schon verloren – von weinenden Männern, Vorurteilen, und wieso das alles Bullshit ist.

Weinen ist für die Meisten etwas sehr Privates, etwas was man auch nicht in Gegenwart jeder x-belieben Person tut. Wenn man dann nahe am Wasser gebaut ist, fließen die Tränen schon schneller. Sowas ist manch einem wohl peinlich und wird versteckt. Aber Weinen ist doch etwas völlig Natürliches, oder?

Eine rührselige Szene, ein trauriger Abschied, ein dramatisches Ende. Wem im Kino oder auch in den sicheren eigenen vier Wänden in solchen Momenten die Tränen in die Augen schießen, ist nicht allein. Es hat schon fast etwas Befreiendes, seine Reaktionen einfach rauszulassen und dafür gibt es viele Beispiele: Manch einer beschimpft den Schiedsrichter beim Fußballschauen, andere lachen sich einen Ast bei ihrer Lieblings-Sitcom. Wer fiebert auch nicht in einem Thriller mit, wenn der Detektive dem Bösewicht auf der Spur ist? Und das Mysterium Horrorfilme: Menschen, die sich freiwillig erschrecken lassen und wahrlich furchtbare Szenen anschauen … und trotzdem dabei Spaß haben? Filme scheinen uns oftmals emotional mitzunehmen. Das kann einen immer wieder passieren, auch wenn man mit Freunden einen unterhaltsamen Filmabend veranstalten will. Denn was passiert, wenn man sich beispielsweise „Titanic“ anschaut? Das Ende ist allzu jedem bekannt, trotzdem weinen wohl die meisten auch beim zweiten oder dritten Mal, wenn sie Film sehen. „Man, bist du nah am Wasser gebaut!“, „Ist doch nur ein Film, kein Grund zu Heulen“, „Typisch Frau“ Diese Sätze haben viele wohl schon gehört, vielleicht auch mal selbst an jemanden gerichtet, der aus einem unempfindlichen Grund angefangen hat, zu weinen – „Ein Hundebaby, ist das dein Ernst?“ – und viele werden wohl auch schon Witze darüber gehört haben.

Ist Weinen etwas Schlechtes?

Wer nah am Wasser gebaut ist, bricht leicht in Tränen aus, ist sensibel, wenn nicht sogar sehr empfindlich. Vor allem Frauen werden häufig mit dieser Redewendung in Verbindung gebracht, aber auch vor dem männlichen Geschlecht wird nicht Halt gemacht. Dabei werden wohl aber über unterschiedliche Themen geweint. Generell gesagt – wir wollen ja keine Stereotypen unterstützen – sind Frauen mitfühlender. Sie gehen Dinge auf dem emotionalen Weg an, während Männer eher mit Analyse an die Sachen heran gehen. Und beides hat seine Vor- und Nachteile: von einer Frau fühlt man sich häufig besser verstanden, da sie stärker Mitgefühl zeigen, während Kerle wohl die Situation bzw. Konflikte lösen wollen.

Doch was hat das Ganze mit „Nah am Wasser gebaut sein“ zu tun? Der Satz hat häufig einen eher bitteren Beigeschmack. Das hängt wohl auch mit unserem kulturellen Hintergrund zusammen. Wir Deutsche würden uns selbst wohl kaum als emotionslos, oder gefühlskalt beschreiben, und Freude zeigen wir auch offen und gern. Schaut man in die Reihen der Hooligans ist auch Zorn eine Emotion, die einige nicht verbergen. Aber Trauer offen zeigen, offen weinen – das ist vielen doch etwas zu viel. In der Dunkelheit des Kinosaales kann man sich noch während der Abspann läuft die Tränenspuren von den Wangen wischen; Zuhause fühlt man sich auch sicher genug, doch andere Menschen, Personen, die man nicht oder kaum kennt weinen zu sehen, ist schon fast ein Einbruch in die Privatsphäre. Und selbst beim Weinen gesehen zu werde – selbst in einer Situation, in der es ganz normal ist zu weinen, lässt einen doch auch irgendwie schwach, und verwundbar wirken. (Wer sich mehr über das Thema „Gefühle bei Männern und Frauen“ interessiert, der findet hier die richtigen Artikel dazu.)

Jeder weint unterschiedlich

Vielleicht ist es deswegen so „angenehm“, gemeinsam einen traurigen Film anzusehen, gemeinsam zu weinen, gemeinsam seine Emotionen rauszulassen. Generell kann man hier wohl sagen, dass Frauen so etwas wohl eher in Erwägung ziehen als Männer. Nichtsdestotrotz ist es auch falsch zu sagen, Männer seien gefühlskalt, nur weil sie nicht bei den selben traurigen Filmen Tränen vertiefen, wie ihr weiblicher Gegenpart – oder generell andere Mitmenschen. Jeder reagiert auf Situationen unterschiedlich. Die manchmal sehr überzogenen Romanzen, mit dramatischen Handlungen und einem Eventuell-Happy-End, sind für manchen männlichen Zuschauer einfach … überzogen. Was genau Männer emotional anspricht, kann ich – mangels persönlicher Erfahrung – nur erraten, doch hier wird es wohl eher eine Geschichte mit einer Mischung aus Familie, Kameraden und einem großen persönlichen (Ego-) Ziel sein – wie gesagt: ich rate an dieser Stelle.

Sieht nun ein Kerl seine Freundin bei einem Film weinen, den er selbst nicht im Ansatz traurig findet, kann natürlich auf verschiedenste Weise reagiert werden. Mitfühlend wäre eine Option, aber zu hinterfragen, wieso man ausgerechnet deswegen weinen muss… auch möglich. Das ist natürlich für die Weinende sehr unangenehm. Betrachtet man es mal mit vertauschten Rollen – der Mann lässt Tränen fließen – können auch hier Witze gemacht werde. Weinen wird von vielen – vor allem bei Männern – als eine Art Schwächesymbol gesehen. In Zeiten, in der Themen wie Depressionen, Burn-Out und Stress in unserer Gesellschaft wachsen und immer präsenter werden – und trotzdem für viele wohl noch Tabuthemen sind – fällt es den meisten wohl noch immer schwer, ihre Emotionen, ihre Traurigkeit, Hilflosigkeit anderen gegenüber zu zeigen.

Weinen als Vertrauensbeweis

So betrachtet ist es ein großer Vertrauensbeweis, wenn ein Freund, eine Freundin oder Bekannte zu einem kommen und so aus sich selbst heraus gegen, sich öffnen und sich jemandem anvertrauen, dass sie dabei weinen müssen. Man macht seinem Gegenüber so deutlich, dass man sich sicher genug fühlt, um seine verletzlichen Seite zu zeigen. Das sind häufig tiefe Geheimnisse, persönliche Probleme und Dinge, die man der anderen Person Preis gibt. Es ist das selben Prinzip, wie bei einem persönlichen Problem jemandem um Rat zu fragen, der nichts mit der Situation zu tun hat. Man vertraut dieser Person und man vertraut darauf, dass sie einem helfen wird. Es hat schließlich einen Grund, wieso wir uns beispielsweise meistens bei unserer Mutter am gebogensten fühlen. Es ist eigentlich das selbe Prinzip.

Um zu einem Schluss zu kommen: Ist es schlimm, nahe am Wasser gebaut zu sein? Offen weinen zu können, Emotionen stärker zu zeigen? Absolut nicht! Und man sollte sich auch nicht dafür schämen. Weinen macht einen weder schwach, noch zu einer Heulsuse oder Memme. Es ist eine komplett normale, menschliche Reaktion auf Dinge – ob nun Filme oder andere Situationen – die uns emotional ansprechen. Es ist keinesfalls abstoßend und lässt einen Menschen auch nicht in einem schlechten Licht erscheinen. Viel eher weckt es Mitgefühl und ermutig Mitmenschen, ebenfalls ihre Gefühle offen zu zeigen. Gemeinsam weint es sich doch meistens am besten. Und wie heißt es so schön: Geteiltes Leid, ist halbes Leid.


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