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Kultur & Zeugs

Weihnachtsgeschichte: Bumerang

Eine Geschichte über ein kleines Mädchen, das seine Mutter verloren hat und doch niemals ohne sie war. Eine Geschichte über die Sicht des Herzens, der Erinnerung und der Liebe. Und darüber, wie sie uns ein Leben lang Kraft spendet.

>> Was ist ein Bumerang? << hatte sie das kleine Mädchen gefragt.  Ihre Lehrerin entgegnete ihr >> Ein Bumerang kommt immer zu dir zurück, egal wie weit du ihn wegwirfst. <<

>> Also wenn ich ihn in den Himmel werfe, dann kommt er zu mir und bringt mir ein Stück Himmel mit? << Die Lehrerin musste schmunzeln. Mit einer sanften Bewegung streichelte sie dem kleinen Mädchen über den Scheitel.

>> Wenn du ihn so weit werfen kannst, vielleicht berührt er dann auch den Himmel. << Das kleine Mädchen lächelte, blickte in den Himmel und dachte angestrengt nach. >> Und wenn ich es schaffe, den Bumerang so weit zu werfen, kann er dann meine Mami mitbringen? << Ihre Lehrerin erstarrte. Hoffnungsvoll blickte ihr das kleine Mädchen mit ihren großen dunklen Kulleraugen ins Gesicht.

>> Weißt du Kleines … << hatte sie begonnen anzusetzen. Doch ihr fehlten die Worte. Wie sollte sie einem kleinen 5-jährigen Kind rational und doch nicht hoffnungslos beibringen, dass ihre Mutter nur noch in ihrem kleinen Herzen existierte.

>> Deine Mami schaut vom Himmel auf dich hinab und beobachtet ganz genau wie weit du deinen Bumerang werfen kannst. Sie feuert dich dort oben an. >> Das kleine Mädchen hielt sich grübelnd die Hand ans Kinn. >> Also, kann sie sich nicht daran festhalten und zurück kommen? << Die Lehrerin schluckte einen Kloß hinunter.

>> Nein, Kleines. Sie wohnt dort oben. Und es dauert Jahre, die man braucht um in den Himmel zu fliegen. Irgendwann bist du auch dort oben. Bei ihr. Aber jetzt bist du noch viel zu klein, um Fliegen zu lernen. << Und so stand sie dort, ein kleines Mädchen versunken in einer bunten Winterjacke, die Mütze knapp über den Augen, die kurzen Arme längst herunter hängend mit wolligen Handschuhen an den winzigen Händen. Den Kopf in den Nacken gelegt und den Blick in den graublauen Winterhimmel gerichtet. Eine kleine Schneeflocke landete auf ihrer Nasenspitze. Erschrocken zuckte sie zusammen, begann zu schielen, um das schmelzende Etwas auf ihrer Nase zu erkennen. Sie streckte die Zunge heraus und begann die schmelzende Schneeflocke damit zu erwischen. Sie drehte sich im Kreis, überzeugt, ihre kleine Zunge wäre lang genug, bis sie orientierungslos und schwindelig in den weißen sanften Schnee fiel. Unmengen von kleinen zarten Schneeflocken rieselten auf sie ein. Sie breitete die Arme aus, streckte die Zunge erneut aus und fing das kalte Eis Stück für Stück auf. Sie lachte, tanzte im Schnee, wirbelte herum, wie ein kleiner Bumerang.

>> Los, steh auf! << Ermutigt blickte sie in den Himmel. Es waren zehn Jahre vergangen, als sie lernte, wie man einen Bumerang benutzt. Zehn Jahre, in denen sie immer zu übte, den kleinen gebogenen Gegenstand in den Himmel zu werfen.

>> Los, los, wir haben Ferien! Endlich! << Sie blieb sitzen.

>> Was wünscht ihr euch zu Weihnachten? << rief ein dunkelblondes dünnes Mädchen mit olivgrünen Augen hinüber. >> Ich bekomme das neue I Phone! << erwiderte ein braunhaariger Junge mit stolzer Stimme.

>> Und du? << Sie schaute auf. Immer noch saß sie im Schnee. Das dunkelblonde Mädchen pfefferte ihr liebevoll einen Schneeball an die Schulter. >> Was wünscht du dir also zu Weihnachten? << Ihre dunklen Augen füllten sich mit Tränen. Ich möchte Fliegen lernen.

>> Du möchtest Fliegen lernen? << entgegnete das blonde Mädchen. >> Wohin möchtest du Fliegen? <<

>> In den Himmel << Die Kinder begannen in schallendes Gelächter auszubrechen.

>> Sie will in den Himmel fliegen! << >> Vielleicht solltest du Astronautin werden! << Triumphierendes Gelächter.

Sie zuckte zusammen. Ihr Körper bebte. Sie schluckte einen dicken Kloß herunter. >> Frau Blau hatte es mir damals versprochen. Dass ich irgendwann fliegen lernen könnte. Damals war ich noch zu klein. >> entgegnete sie überzeugt. Erneutes Gelächter entfachte feierlich. >> Frau Blau muss blau gewesen sein. << Die Kinder hielten sich die Bäuche vor Lachen. Sie stand auf. >> Nein! << schrie sie energisch.

>> Wer ist sie überhaupt, diese Frau Blau? >> fragte sie der Junge. Verwirrung stand in ihrem Gesicht. Wussten sie denn nicht einmal, wie ihre Lehrerin mit Namen hieß? >> Ihr wollt mich doch veräppeln. << Sie wischte sich mit ihrem Handschuh die Tränen vom Gesicht und verließ den Schulhof. Noch weiter weg konnte sie das dumpfe Gelächter ihrer Klassenkameraden hören.

Weitere zehn Jahre vergingen. Und weitere zehn kalte Winter. Sie sitzt in ihrem Büro und tippt einen Artikel über Winterdepressionen auf die klappernden Tasten ihresLaptops. Als sie irgendwann die Muße verlässt und sie nicht mehr weiter weiß, steht sie auf. Sie schaut aus dem Fenster. Es ist ein kalter Winter. Sie erinnert sich an ihre Kindheit. Daran, wie sie vor zwanzig Jahren im Schnee gespielt hatte. Wie sie den Bumerang, den sie geschenkt bekommen hatte in die Lüfte warf. Als sie daran denkt, wie sie sich immer vorsichtshalber gebückt hatte, aus Angst das Spielzeug könne sie am Kopf verletzten, muss sie lächeln. Sie schlendert hinüber ans Fenster, lehnt sich gegen das Fensterbrett und blickt hinaus auf die glitzernde Winterwelt. Ihr Büro ist im 5. Stock eines Altbautraktes, das direkten Blick auf den Park zulässt.

Im Sommer war sie dort gerne Laufen gegangen. Jetzt war es ihr oftmals zu kalt und meistens schon dunkel,wenn sie von der Arbeit nach Hause ging. Sie erschrickt, als ihre Sekretärin ins Zimmer kommt. >> Frau Blau, ein Anruf für sie. <<

>> Stellen Sie bitte durch. << entgegnet sie freundlich. Als ihr Telefon klingelt, nimmt sie den Hörer ab.

>> Hallo? << spricht sie in den Apparat. Keine Reaktion.

>> Hallo? Wer ist denn da? << fragt sie erneut. Sie legt den Hörer auf, geht zur Garderobe, um sich Wintermantel, Schal und Mütze anzuziehen, und verlässt anschließend das Gebäude. Draußen ist es kalt, es schneit und der Schnee glitzert im warmen Licht der Sonne. Sie schlendert vorbei an dem Park, den sie von ihrem Fenster aus sehen kann und bleibt plötzlich stehen. Ein kleines Mädchen steht auf der Wiese. Es schaut erwartungsvoll in den Himmel.

Was sie bloß dort macht so ganz alleine, denkt sie sich. Sie schaut sich um, suchend ob sie Vater oder Mutter des Kindes ausfindig machen kann – vergebens. Dann beschließt sie zu dem Mädchen zu gehen und sie zu fragen.

>> Hey Kleines. Wo sind denn deine Eltern? << Das Kind beachtet sie nicht. Es starrt weiterhin erwartungsvoll in den Himmel.>> Kleine, kannst du mich hören? <<

>> Ich möchte Fliegen lernen. << sagt das Mädchen. Mit einem Lächeln im Gesicht antwortet sie : >> Das wollte ich auch immer, Süße. << Sie erinnert sich an die Worte ihrer Lehrerin. >> Aber dafür bist du noch zu klein. <<

>> Da kommt er! << ruft das Mädchen freudestrahlend. Ein breites Lächeln fährt ihr über das zarte Gesicht.

>> Achtung! << Auch sie wirft nun einen Blick in den Himmel. Weiße dicke Schneeflocken vernebeln ihr die Sicht. Und dann erkennt sie ihn. Erst nur schemenhaft. Dann immer klarer werdend. Ein kleiner gebogener Gegenstand, der langsam aber sicher auf sie zugeflogen kommt. Erinnerungen schießen ihr durch den Kopf. Reflexartig geht sie in die Hocke, um den Bumerang nicht an den Kopf zu bekommen. Gleichzeitig streckt sie beide Arme aus, um ihn zu fangen. Rasend schnell kommt er ihr entgegen geflogen. Bis sie ihn mit der rechten Hand instinktiv zu packen bekommt.

>> Ich hab’ ihn! << ruft sie aufgeregt und fröhlich. Sie dreht sich um. Wo ist das kleine Mädchen? Hektisch wirbelt sie umher und dreht sich einmal um die eigene Achse.

>> Wo zum Teufel … << sie schaut in den Himmel. >> … bist du? <<

Sie hält den Bumerang in der Hand. Spürt die eisige Schneeflocke, die auf ihrer Nasenspitze zu schmilzen beginnt. Mit der Zunge versucht sie diese zu berühren. Sie dreht sich um ihre eigene Achse, die Mütze rutscht ihr über die Augen. Ihre Sicht verschwimmt. Es ist dunkel.

>> Hey, kleine Blau. << hört sie eine Stimme flüstern. >> Spielst du verstecken? <<

Liebevolle Hände streifen ihr die Mütze aus dem Gesicht. Freundliche Augen strahlen sie an. >> Kommst du nun wieder mit rein? << Verwirrt schaut sie sich um.

>> Was hast du da in der Hand, Kleine? << Sie schaut auf ihre Hände. >> Das… das ist. << Abergläubisch starrt sie auf den Gegenstand in ihrer kleinen Hand.

>> Das ist ein Bumerang. << Die Frau lächelt sie an. >> Den hat Frau Blau mir geschenkt. <<

Die Frau ihr gegenüber schließt die Augen. Lächelt. Wendet den Blick in den Himmel. Für einen kurzen Moment. Dann blickt sie ihr in ihre dunklen Augen.

>> Deine Mami hat dir diesen Bumerang geschenkt? << Sie erinnert sich.

>> Frau Blau hat gesagt, ich kann den Bumerang bis zum Himmel werfen und vielleicht trifft er sogar dort meine Mami. <<

>> Das wird er. Ganz bestimmt, Kleine. << entgegnet die Frau mit sanftem Lächeln. >> Komm nun mit rein, es ist kalt draußen. << Die Kirchenglocken beginnen zu läuten. Und sie schenkt ihre Aufmerksamkeit einem kleinen dezenten Stein, der vor ihr steht. In eingemeißelten Buchstaben stehen dort die Worte.

Ruhe in Frieden Erika Blau.

Manchmal ist es nur ein kleiner Bumerang voll Liebe, den wir für uns Fliegen lassen können, weil wir selbst noch zu wenig Leben gesammelt haben, um zu Fliegen. Und immer ist es genau die Liebe, die wir im Leben zurück bekommen von den Menschen, die bereits das Fliegen gelernt haben.

Eine kleine Geschichte, die uns daran erinnern soll, dass all die Menschen, die im Reich der Träume schweben, uns trotzdem einen kleinen Bumerang voll Liebe zurücksenden. In den kleinen Momenten im Leben, in denen wir gar nicht damit rechnen. Und die Erinnerung daran, dass sie uns sehen können, egal wie weit sie bereits geflogen sind.

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