Wahrnehmung und Realität

„Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in unseren Sinnen war.“ – stellt John Locke fest – entsprechend müssten wir ja davon ausgehen, dass jeder die Welt auf dieselbe Weise wahrnimmt und versteht.
Aber ist dies wirklich so? Schon die Verarbeitung von Reizen und entsprechend auch ihre Deutung sind individuell verschieden. Entsprechend hat jeder von uns ein anderes Verständnis von Realität.

Individuelle Wahrnehmung und Deutung von Wirklichkeit

Bereits an der Universität und auch später im Berufsleben stellt man unweigerlich fest, dass es Denkmuster, Wahrnehmungsfilter und entsprechend auch kommunikative Strukturen gibt, die von den eigenen abweichen. In Diskussionen führt dies manchmal dazu, dass man den Gegenüber nicht von der – wie man selbst diese einschätzt – objektiven Wahrheit überzeugen kann.

Schließlich muss man sich eingestehen, dass es die objektive Wahrheit nicht gibt, sondern die Konstruktion von Realität immer auch mit der Art und Weise zusammenhängt, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Diese Erkenntnis erspart einem im Leben viele Missverständnisse und trägt auch zur Toleranz abweichender Weltbilder bei.

Charles Percy Snow beschreibt dies anschaulich in seiner These von den zwei Kulturen. Hier wird dargelegt wie sich die Denkweise von Naturwissenschaftlern und Geisteswissenschaftlern unterscheidet. Zusammengefasst weisen Naturwissenschaftler ein logisch aufbauendes, stringentes Denken auf, im Gegensatz zu Geisteswissenschaftlern fehlen ihnen jedoch die Vernetzung im Denken und die damit einhergehende Erkenntnis von Graustufen. Es gibt im Weltbild eines Geisteswissenschaftlers nicht nur „richtig“ und „falsch“, sondern er fügt seiner Realität Facetten der Wahrnehmung und miteinander verknüpfte Zusammenhänge bei.

Es ist nicht so, dass die eine Art zu Denken besser ist als die Andere, tatsächlich hat die Erfahrung gezeigt, dass sich beide Wege der Wahrnehmung ergänzen und bereichern, jedoch erklärt diese Tatsache, dass manchmal Konversation entsprechend schwerfällig verlaufen kann und Naturwissenschaftler eben Schwierigkeiten haben Ironie oder auch feine Gefühlsnuancen zu erkennen und entsprechend zu deuten.
Doch woran liegt diese unterschiedliche Art der Wahrnehmung? Wann und wie wird sie angelegt?

Frühkindliche Prägung

Interessanterweise entwickelt sich unsere Wahrnehmung bereits im Mutterleib. Bereits ungeborene Babys nehmen akustische, gustatorische und sensorische Reize auf, auch optische Reize wie hell und dunkel und verarbeiten diese. Ab dem dritten Trimenon der Schwangerschaft werden diese Reize auch erinnert und in Träumen verarbeitet. So erkennt ein Kind nach der Geburt die Stimme der Mutter, bestimmte Musikstücke und hat auch schon geschmackliche Vorlieben. Es verbindet mit bestimmten Reizen auch Emotionen und Gefühlszustände.

Eine Bekannte von mir erzählte beispielsweise, sie habe während der Schwangerschaft in Momenten der Entspannung und vor dem Einschlafen eine Spieluhr mit einer bestimmten Melodie auf ihren Bauch gelegt. Nach der Geburt und auch noch bis ins Kindergartenalter vermochte genau diese Spieluhr das Kind in Stresssituationen, bei Angst und Unruhe zu beruhigen.

Entsprechend können Kinder bereits im Mutterleib gefördert werden und durch Musik, Streicheleinheiten und Ansprache in ihrer Sinneswahrnehmung stimuliert werden. Ein Trend der sich in Amerika breit gemacht hat und nun auch zu uns herüber schwappt, schießt jedoch weit übers Ziel hinaus. Hier gibt es „Schulungen“ für ungeborene Kinder, die durch Lichtsignale von Taschenlampen, bestimmte Tonfolgen bereits rechnen und sprechen lernen sollen. Erwiesenermaßen führt eine solche Übersimulation jedoch eher zu Stress und nicht zu den erwünschten hochbegabten Wunderkindern.

Lange Zeit glaubten Wissenschaftler, dass der Geruchssinn der einzige Sinn ist, den Kinder erst nach der Geburt entwickeln, aber dies hat sich nun ebenfalls als falsch erwiesen. Der Geruchssinn ist eng mit dem Geschmackssinn verbunden und in Studien konnte nachgewiesen werden, dass bereits neugeborene Babys auf Gerüche ablehnend oder eben positiv reagieren. So können sie den Geruch von Muttermilch bereits nach der Geburt wahrnehmen und reagieren positiv darauf und ziehen auch den Geruch des Fruchtwassers der eigenen Mutter, dem anderer Mütter vor.

Die Gerüche der Kindheit, sind immer auch mit Erinnerungen verknüpft und wirken so sehr stark auf unsere Emotionalität. Wer kennt das nicht, dass die Sonnenmilch nach Hitzefrei und Freibad riecht oder der Plätzchenduft und die Mandarinen an Weihnachten unweigerlich Kindheitserinnerungen heraufbeschwören?

Besondere Arten der Wahrnehmung

Nicht bei jedem Menschen ist jeder Sinn in besonderem Maße ausgeprägt. Alle aus der Umwelt auf uns einströmenden Reize auf einmal verarbeiten zu müssen, würde unser Gehirn überfordern und so filtern wir bereits in der Wahrnehmung.

Bei den meisten Menschen sind es ein oder zwei Sinne, die in besonderem Maße ausgeprägt sind, hier spricht man vom Canale Grande. In 90% der Fälle ist hier der Sehsinn darunter. Dies ist der ausgeprägteste Sinn beim Menschen, ihm vertraut er mehr als allen anderen Sinnen. Er hilft ihm am meisten, sich in der Umwelt zurecht zu finden und Schlüsselreize wahrzunehmen und zu deuten.

Büßt ein Mensch seine Sehfähigkeit ein, dann übernehmen Gehör und/oder Tastsinn diese Funktion. Zu beobachten ist dies bei Blinden, die sich auf erstaunliche Art und Weise in einer Umwelt zu Recht finden, die sie nicht visuell wahrnehmen können.

Hochsensibilität

Eine Besonderheit der Wahrnehmung ist bei Menschen gegeben, die die Fähigkeit einzelne Sinneseindrücke heraus zu filtern, nicht besitzen und auf die alle Reize gleichermaßen einströmen. Für die jede Wahrnehmung gleichwertig ist und die auch Reize wie Stimmung, Atmosphäre und Emotionen wahrnehmen.

Die Rede ist von so genannten hochsensiblen Personen. Das ständige Hereinprasseln von Reizen auf die Sinne bedingt, dass sich diese Menschen in ihrer Umgebung schnell überfordert fühlen und auch oft länger brauchen, um eine neue Situation zu verarbeiten und sich darin zurecht zu finden. Man kann dieses Empfinden bildhaft beschreiben mit dem Gefühl, als sei einem die Haut abgezogen. Man fühlt sich schutzlos und den Außenreizen ausgeliefert.

Diese Art der Wahrnehmung geht oft einher mit dem Gefühl, anders als die Menschen in der Umgebung zu sein, nicht hinein zu passen in die Umwelt und sich nicht verstanden zu fühlen. Beschrieben ist dieses Empfinden im Märchen von der Prinzessin auf der Erbse, die auch noch auf der hundertsten Matratze liegend spürt, dass ganz unten eine Erbse liegt. Ähnlich geht es Hochsensiblen, die durch ein Schildchen im Pullover oder einem Hintergrundgeräusch wie einer sirrenden Lampe, so gestört sein können, dass sie ihrer normalen Tätigkeit nicht nachgehen können, während ein Anderer diese Reize nicht einmal wahrgenommen hätte.

Tröstlich ist, dass man lernen kann, mit dieser Art der Wahrnehmung zu leben und die vermeintliche Behinderung im Alltag auch zu einer Bereicherung werden kann. Wenn man lernt, sich vor Reizen zu schützen, die eigenen Bedürfnisse wahr zu nehmen und sich gegebenenfalls zurück zu ziehen, entwickelt man ein dickeres Fell. Auch kann man lernen diese ungefilterte Art der Wahrnehmung zu nutzen, Kunst und Naturerlebnisse in anderer Weise zu genießen und seine Fähigkeit zur Empathie und Einfühlung zu nutzen im Umgang mit anderen Menschen.

Fazit

Doch auch wer nicht die Veranlagung zur Hochsensibilität hat, kann eine bewusstere Körperwahrnehmung und Wahrnehmung von Sinneseindrücken erlernen, die zur Bereicherung der Körperwahrnehmung und der Umwelt beiträgt. Dazu bedarf es weder Drogen oder anderer Substanzen. Die Fähigkeit dazu liegt in jedem von uns selbst. Gelernt und angewandt führen Meditationstechniken nachweislich dazu, dass die bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers und der Umwelt zu Stressresistenz, höherer Verträglichkeit und Einfühlungsvermögen sowie psychischer und körperlicher Gesundheit führt.


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