Trumps sexueller Selbstbedienungsladen

Donald Trump © 2016 Matt Johnson | flickr.com

Die Umfragereaktionen auf den Videomitschnitt, in welchem Donald Trump sich sexueller Belästigung von Frauen brüstet, lassen befürchten, dass der US-Präsidentschaftskandidat auch dieses Mal wieder ungeschoren davon kommt. Ein Kommentar.

Er ist so etwas wie das Idol der unmoralischen Egozentriker. Derjenigen, die für sich das Recht beanspruchen, alles, was ihnen in den Sinn kommt, sofort und bedingungslos zu bekommen. Derjenigen, denen egal ist, was ihr Handeln ihr Gegenüber oder andere Betroffene oder Außenstehende oder die Umwelt kostet. So muss man wohl jene von der Süddeutschen Zeitung jetzt veröffentlichten Umfragereaktionen auf Donald Trumps Äußerungen werten.

Dort heißt es: „Unter den Wählern der Republikaner fordern 74 Prozent der am Samstag [also nach dem jüngsten Trump-Sexskandal] Befragten, die Partei müsse sich jetzt hinter Trump stellen. […] Zehn Prozent der Wähler der Partei gaben an, das Video löse bei ihnen positive Gefühle aus.“

Welche Aussagen man den Republikaner in jenem am Freitag veröffentlichten Video von 2005 tätigen hörte, weiß mittlerweile wohl jeder. Hier trotzdem noch einmal als Wiederholung in der Formulierung von Patricia Dreyer und Veit Medick aus dem Spiegel, damit wir es uns besser auf der Zunge zergehen lassen, sprich kotzen können:

„‘Weißt du, ich stehe automatisch auf schöne Frauen – ich küsse sie einfach. Es ist wie bei einem Magneten. Ich küsse sie. Ich warte nicht ab.‘ Wenn man berühmt sei, erklärt Trump, dann sei das kein Problem. ‚Wenn du ein Star bist, dann lassen sie dich. Du kannst alles machen. Ihnen an die Muschi fassen. Alles.‘“

Positive Gefühle zu Trumps Vergewaltigungsprahlerei?

Was geht in den Köpfen dieser Wähler vor? Wenn Trump Frauen folgenlos befingern kann, können sie das auch bald? Wenn Trump sich nicht zurückhält, können sie demnächst auch einfach sofort zugrabschen? Wie viel simpler ihr Sexleben wäre, wenn Mann die Frauen nicht immer fragen müsste, ob sie jetzt zufällig auch wollen?

Und die Trump-Wählerinnen? Was denken sie? Dass Trump ruhig auch sie mal vergewaltigen könnte? Dass sie sich das schon immer in ihren geheimen Träumen vorgestellt haben, ein Mal mit so einem superreichen Arschloch, Entschuldigung Penis? Haben sie nicht verstanden, dass die Menschen, die gegen ihren Willen sexuell belästigt werden, das – vielleicht anders als sie selbst – „gegen ihren Willen“ über sich ergehen lassen müssen? Mal ganz abgesehen davon, dass auch für Frauen mit Vergewaltigungsphantasien die Vergewaltigungsrealität extrem verletzend ist …

Ach, wie schön wäre es, jetzt einfach über die Dummheit, über den Bildungsmangel und die zu kompensierende prekäre wirtschaftliche Lage von diesen Leuten zu lästern, welche angesichts der Einlassungen von Trump immer noch applaudieren können. Aber das ginge an der Realität vorbei. Die Demographie, so hält Joseph Joffe in Der Zeit fest, widerspricht dem deutlich: Überdurchschnittlich gebildet und einkommensstark sind sie. Dennoch empfinden ja zehn Prozent seiner Wähler „positive Gefühle“ angesichts der Prahlereien.

Donald Trump ist einfach noch mal so ein Dominique Strauss-Kahn, der ehemalige Geschäftsführer des Internationalen Währungsfonds (IWF). Das sind Männer, die glauben, dass sie mit allem durchkommen. Und offensichtlich können sie das auch, weil es genug Leute gibt, die sich entweder auch wünschen, das alles ungestraft tun zu können, oder weil sie sich irgendwie freikaufen oder freipressen können.

Das Gute an Strauss-Kahn war, dass seine Karriere nach den Vergewaltigungsvorwürfen am Ende war. Und so sollte es bei Trump jetzt auch sein, weil der Mann einfach nicht wählbar ist. Tja, aber das scheint er halt nur für diejenigen Wähler zu sein, die schon davor gegen ihn waren, und für diejenigen, denen es gerade recht ist, wie er sich aufführt, weil sie „das Bedürfnis nach einem Politiker [haben], der sich als Prolet inszeniert“, wie Oliver Klasen in der Süddeutschen Zeitung analysiert.

Negative Gefühle zu Trumps Zukunft!

Derzeit liest man in den Medien Überschriften wie:

Aber das ist nur Wunschdenken: Trump ist noch lange nicht am Ende, die Gefahr Trump noch lange nicht gebannt. Ganz offensichtlich stehen die Republikaner immer noch hinter ihrem Kandidaten.

Die Umfrage aus der Süddeutschen Zeitung zeigt das in Zahlen, was Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Zeit nur qualitativ ausdrücken. In der F.A.Z. weiß Andrea Ross, dass es noch Großspender gibt, die trotz allem unvermindert öffentlich hinter Trump stehen. Und Martin Klingst deutet in Der Zeit ja immerhin doch auftretenden die empörten Reaktionen bei republikanischen Offiziellen mit Scheinheiligkeit aus Angst um eigene Ämter. Eine ähnliche Einschätzung formuliert auch Barbara Junge in der taz.

An diesem Hin und Her sieht man, dass die politische Auswirkungen des Videos noch unübersichtlich sind und man mit Prognosen dementsprechend vorsichtig sein muss. Meiner Auffassung nach machen die Zahlen der Süddeutschen und die nur teilweise Distanzierung jedenfalls deutlich, dass es noch lange keine Entwarnung vor Trump gibt.

Verwendetes Bild: © 2016 Matt Johnson | flickr.com. Das Bild zeigt Donald Trump am 29.12.2015 im Mid-America Center in Council Bluffs, Iowa.


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