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Kultur & Zeugs

Traumfänger

Wir alle haben Träume. Lebensträume. Kleine Träume. Große Träume. Wir träumen nachts. Wir träumen am Tag. Wir sind Tagträumer. Aber was sind Träume? Sind es Wünsche, die wir haben? Sind es Hoffnungen? Ist es der Glaube, das Schicksal? Ist es das Leben?

 Ich lese zurzeit das Buch Klarträumen. Dieses Buch thematisiert das Träumen in der Nacht, wenn wir schlafen.

Man sagt, Träume reflektieren das Erlebte, das Gelebte. Unser Unterbewusstsein verarbeitet die Dinge, die uns im Alltag begeben oder uns beschäftigen. So kommt es oft vor, dass wir ein schönes Erlebnis im Traum erneut erleben. Die Menschen, die uns am Tag begegnet sind, auch in der Nacht wieder treffen. Man sagt, dass Träume unterbewusst unsere Ängste aber genauso unsere Wünsche darstellen. Wir träumen von einem Menschen, mit dem wir gerne mehr Zeit verbringen würden. Wir träumen davon, dass Menschen, die längst von dieser Welt gegangen sind, plötzlich wieder lebendig sind. Wir träumen von fernen Ländern, von Reisen. Wir sind an Orten, die wir uns selbst kreieren. Manchmal passiert es sogar, dass wir im Schlaf laut lachen oder reden oder auch weinen. Wir sind lebendig in unseren Träumen. Lebendig schlafend und doch irgendwie wach.

Wir können unsere Träume steuern

All unsere Träume haben einen bestimmten Hintergrund. Wir träumen nichts umsonst. Nichts grundlos. Das Buch gibt Aufschlüsse darüber, inwieweit wir fähig sind, unsere nächtlichen Träume zu steuern. Es ist unheimlich interessant zu wissen, dass wir tatsächlich in der Lage zu sein scheinen, das was uns nachts beschäftigt, von dem wir eigentlich glaubten, es sei von uns unbeeinflussbar, plötzlich mehr als nur das alles ist. Wir können es steuern. Wir können uns in eine Welt träumen, in der wir alles sein können. Plötzlich können wir Fliegen, wir können unter Wasser atmen. Wir können jetzt an einem Ort sein, und in der nächsten Sekunde an einem anderen Ort. Und wir erleben das alles bewusst mit.

Warum ich über dieses Buch schreibe? Weil es mich inspiriert. Für einige von uns mag die Thematik skurril klingen, sich mit so genanntem „luziden Träumen“ zu beschäftigen. Das ist auch nicht meine Intention. Doch wenn wir es schaffen, im Schlaf und vollkommener Abwesenheit unseres physischen Körpers, in eine Welt einzutauchen, so wie wir sie uns vorstellen, in der wir sein können, wer wir möchten, müssten wir es dann nicht erst Recht auch bei vollem Bewusstsein in unserer Realität und in unserem wahren Leben schaffen?

„Die Zukunft gehört denen, die an die Schönheit ihrer Träume glauben.“ T.S. Eliot, Lyriker und Dramatiker.

Hierzu eine kleine Geschichte aus der unendlichen Welt der Träume. Denn manchmal sind es die kleinsten Träume, die das Größte in uns entflammen:

Sie war jung. Sie war schön. Sie spürte das Leben mit all ihren Sinnen. Sie konnte das Leben fühlen. Das Leben riechen. Das Leben hören und es schmecken. Sie konnte darüber sprechen.

Doch gesehen hatte sie es nie. Sie war blind.

Sie spürte den Sand unter ihren Füßen. Sie hörte das Rauschen des Meeres. Sie konnte das Salz des Ozeans riechen. Das Salz auf ihren Lippen schmecken. Sie spürte den Wind, wie er ihr durch die Haare wehte. Wie ihre blonden Strähnen sich vor ihren Augen verfingen. Sie tastete danach, strich sich die Haare aus dem Gesicht. Ihre strahlenden hellblauen Augen waren auf das Meer gerichtet. Als könnte sie das Meer sehen. Und Welle für Welle schäumte sich vor ihren Augen am sandigen Ufer auf. Eine kleine Welle von Tränen strich ihr über das zarte Gesicht.

Sie weinte nicht, weil sie das Meer nicht sehen konnte. Sie weinte, weil sie das Meer spürte. Weil es sie berührte. Viel mehr, als sie jemals mit den Augen hätte sehen können, spürte sie in diesem kleinen Moment.

Eines Tages betrat die junge Frau ein Restaurant am anderen Ende der Welt. Sie wurde empfangen mit den Worten „Willkommen im Dreamcatcher“ Freundlich wurde ihr ein Platz zugewiesen.

„Dreamcatcher“, dachte sie sich im Stillen. „Traumfänger.“ Sie dachte darüber nach, welche Träume der Namensgeber gerne einfangen würde. Welchen Traum sie sich gerne verwirklichen wollte. Die Kellnerin kam und brachte ihr die Karte. Sie tastete auf dem Tisch danach.

„Entschuldigen Sie bitte.“ begann sie. „Könnten Sie mir bitte die Karte vorlesen?“

„Selbstverständlich“ erwiderte die Kellnerin. Sie las ihr die komplette Speisekarte vor, doch nichts, das auf der Karte stand entsprach ihrem Geschmack.

„Ist das Ihr Restaurant?“, fragte sie die Kellnerin.

Diese lachte und entgegnete „Nein, ich arbeite bloß hier. Wäre es mein Restaurant, dann würde es am Meer liegen.“

Sie lächelte und ihre hellblauen starren Augen schienen zu funkeln. „Ja, das Meer. Ich wünschte, ich könnte es eines Tages sehen.“

Ihr Kopf drehte sich in Richtung der Kellnerin, die ihren durchdringenden Blick einfing. Und einen Moment lang schien es, als würden sich die Augen beider Frauen treffen und sich tief in ihre Herzen blicken.

„Waren Sie denn noch nie am Meer?“ fragte die Kellnerin.

Einige Sekunden der Stille verstrichen zwischen ihrer Frage, bis sie antwortete: „Ich lebe am Meer.“

Die Kellnerin setzte sich ihrem Gast gegenüber. „Sie leben am Meer. Warum sind Sie dann hier?“

„Weil ich meinen Träumen gefolgt bin.“ entgegnete sie.

„Was sind ihre Träume?“

„Ich möchte eines Tages das Meer sehen.“

Die Kellnerin runzelte die Stirn. „Sie sind hier inmitten einer Großstadt. Das Meer werden Sie hier nicht finden.“

„Ich möchte auch nicht das Meer finden.“ begann sie.

„Ich möchte es sehen.“ Erneut bildete sich eine kleine Falte auf ihrer Stirn.

„Könnten Sie mir etwas zubereiten, das mich an das Meer erinnert?“ fragte sie mit einem sanften Lächeln.

„Ich habe das Meer ebenfalls noch nie gesehen …“, begann die Kellnerin.

„Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten am Strand, hören das Rauschen der Wellen, spüren den Sand unter Ihren Füßen. Der Wind fährt Ihnen durch die Haare.“

Die Kellnerin blickte ihren Gast überrascht an.

„An was denken sie jetzt?“ fragte sie erneut.

„Ich denke …“ begann sie zu überlegen. „Ich denke an eine Kokosnuss.“

Ihr Gast strahlte sie an.

„An eine frische Kokosnuss.“

„Wundervoll.“, triumphierte sie strahlend. Haben Sie jemals eine frische Kokosnuss probiert?“

„Nein. Leider nein.“ entgegnete die Kellnerin traurig.

„Dann wird es höchste Zeit.“ Ihr Gast lächelte über beide Ohren. „Besorgen Sie uns eine Kokosnuss.“

„Ich fürchte, die haben wir hier nicht.“ Fragend blickte die Kellnerin ihrem Gast in die Augen.

„Dreamcatcher.“ – begann sie.

„So heißt doch der Laden hier.“ Sie lächelte breit.

„Und ich wünsche mir eine Kokosnuss.“

Nervös blickte sich die Kellnerin um.

Sie stand auf. „Ich werde in der Küche nachfragen.“ Dann verschwand sie.

Sie hatte noch nie das Meer gesehen. Sie war noch nie im Sand spazieren gegangen. Hatte noch nie die Meeresluft gerochen. Ihr Leben lang war sie damit beschäftigt gewesen, Teller auszutragen, Essen zu servieren, Getränkewunsche entgegenzunehmen. Sie sparte ihr ganzes Leben lang darauf, irgendwann einmal zu verreisen. Das Meer zu sehen. Bisher hatte sie es nur auf Bildern gekannt. Aus Erzählungen. Aus Filmen. Noch nie war sie selbst in den Genuss gekommen, das kühle Wasser auf ihrer Haut zu spüren. Zu Schwimmen und die Unendlichkeit des Horizontes zu sehen.

Als sie aus der Küche zurück kam stellte sie fest, dass der Gast, mit dem sie sich vorhin unterhalten hatte, verschwunden war.

Verwirrt blickte sie durch den Laden, durch unzählige Köpfe. Sie hielt Ausschau nach einer blonden Frau mit so strahlend blauen Augen, wie sie sich das Meer immer vorstellte. Sie schüttelte den Kopf und setze sich. Dann entdeckte sie das kleine Stück Papier, das vor ihr auf dem Tisch lag.

Wer sich keine Zeit zum Träumen nimmt, verschenkt die Möglichkeit zu Fliegen.

Sie hielt den Zettel in der Hand. Es war eine Visitenkarte. Handschriftlich wurde hinzugefügt Dreamcatcher. Innerlich wiederholte sie die geschriebenen Worte. „Wer sich keine Zeit zum Träumen nimmt, verschenkt die Möglichkeit zu Fliegen.“ Gerade, als sie die Visitenkarte einpacken wollte, sah sie die kleinen Buchstaben auf der Rückseite. Darauf war eine Adresse zu lesen. 

Sie runzelte die Stirn. Was hatte das zu bedeuten? Sie zückte ihr Handy und tippte die unbekannte Anschrift darin ein. Als sie das Ergebnis sah, begann ihr Herz zu rasen.

Es waren einige Jahre vergangen seit jenem Tag, an dem sich zwei Frauen in einem kleinen Restaurant an der Ecke begegnet waren. Und es waren genau die Jahre vergangen, in denen sie nicht nur sich selbst, sondern ihre Träume auf eine Reise geschickt hatten. Eine Reise ans andere Ende der Welt. Dorthin, wo ihre Träume Fliegen gelernt hatten. Wo das Meer sie jeden Tag neu begrüßte. Es war der Tag, an dem zwei Frauen, die den gleichen Traum hatten, zueinander gefunden und ihren Traum haben wahr werden lassen.

Sie ging den sandigen Weg entlang und ließ die kleine Bar, in der sie arbeitete hinter sich. Die Klänge beruhigender und entspannender Musik wurden leiser, das Klimpern von Gläsern verstummte und das Rauschen des Meeres wurde immer lauter. Sie drehte sich um und warf einen Blick auf die aus Holz und Palmenblättern zusammen gebaute Bar, die liebevoll mit Lampions und Lichterketten versehen war und am Abend so wunderschön leuchtete. Muschelketten und kleine Glöckchen klingelten sanft im Wind und die frischen Früchte und Kokosnüsse säumten die Theke. Sie las die Worte, die mit bunter Schrift ein Holzschild säumten leise vor. Und während sie ihre Lippen bewegte, begann ihr Gesicht in einem zufriedenen Lächeln zu versinken. „Dreamcatcher“.

Sie sog die frische Meeresluft tief in ihre Lungen ein und schloss dabei die Augen. Eine salzige Brise wehte ihr durch ihr zart gebräuntes Gesicht. Dann drehte sie sich um. Den Blick auf die weite blaue glitzernde Fläche gerichtet.

In der rechten Hand eine frische Kokosnuss, die verziert war mit einem kleinen bunten Pappschirmchen und einem gepunkteten Strohhalm, schlenderte sie in Richtung des Meeres. 

Am Strand saß eine junge blonde Frau. Sie hatte den Blick auf den Horizont gerichtet. Sie war jung. Sie war schön. Sie spürte das Leben mit all ihren Sinnen. Sie konnte das Leben fühlen. Das Leben riechen. Das Leben hören und es schmecken. Sie konnte darüber sprechen. Und sie konnte es sehen.

Die Kellnerin setzte sich neben sie in den Sand.

„Danke.“ sagte die blonde junge Frau, während sie einen Schluck aus der frischen Kokosnuss trank.

„Kannst Du mir das Meer beschreiben?“

Sie lächelte und schloss die Augen. „Natürlich.“

Und so saßen sie am anderen Ende der Welt an einem Strand im Sand und blickten auf die Unendlichkeit des Meeres. Die eine Frau mit starr gerichteten Augen. Die andere hatte ihre Augen geschlossen.

„Was siehst du?“ hatte die eine der Beiden gefragt.

„Ich sehe den orangefarbenen Horizont, das blaue Wasser, die weißen Wellen. Ich sehe die warme gelbe Sonne.“

Sie öffnete die Augen und blickte aufs Meer. „Und was siehst du?“

Die andere der Beiden antwortete „Das erste Mal in meinem Leben sehe ich das Meer“.

Sie spürten den Sand unter ihren Füßen. Sie hörten das Rauschen des Meeres. Sie konnten das Salz des Ozeans riechen. Das Salz auf ihren Lippen schmecken. Sie spürten den Wind, wie er ihnen durch die Haare wehte. Wie ihre blonden Strähnen sich vor ihren Augen verfingen. Sie tasteten danach, strichen sich die Haare aus dem Gesicht. Ihre strahlenden hellblauen Augen waren auf das Meer gerichtet. Sie konnten es sehen. Und Welle für Welle schäumte sich vor ihren Augen am sandigen Ufer auf. Eine kleine Welle von Tränen strichen ihnen über die Gesichter.

Sie weinten nicht, weil sie das Meer sahen.

Sie weinten, weil sie das Meer spürten.

Manchmal sind es die kleinsten Begegnungen, die das Größte in uns entfachen. Die kleinsten Momente, die unser ganzes Leben prägen. Und manchmal sind es die kleinsten Träume, die uns am weitesten Fliegen lassen.

Wir können alles sein. Wir können alles schaffen. Wenn wir nur fest daran glauben und aus unseren Träumen eine Geschichte schreiben. Fangen wir an zu Träumen. Fliegen wir los.

Denn wenn Träume reisen lernen, dann beginnen wir zu leben. Und dann passiert es, ohne dass wir es mitbekommen, dass unsere Träume plötzlich keine Träume mehr sind. Sondern viel mehr als das.

Unser Leben.

Wer sich keine Zeit zum Träumen nimmt, verschenkt die Möglichkeit zu fliegen.

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