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Mensch & Zeugs

Toxische Beziehungen und ihre Romantisierung

Eifersucht, Streitereien, ein oder zwei Geheimnisse – Was im Kleinen absolut menschlich ist und wohl in jeder Partnerschaft hin und wieder auftritt, kann rasch ungesunde Ausmaße annehmen. Doch wo ist die Grenze? Welches Verhalten ist tolerierbar, was lässt sich entschuldigen und wo müssen Grenzen gezogen werden? Durch die Gesellschaft und insbesondere Medien wird unser Bild gesunder Beziehungen leider immer mehr verschoben, was dramatische Auswirkungen haben kann.

Grenzüberschreitung oder Romantik?

Vor Kurzem entbrannte auf der Social-Media-Plattform Twitter unter dem Tweet einer Frau eine rege Diskussion. Grund für die teils große Empörung war die Schilderung der Userin, wie sie einem Freund geholfen habe, eine Lidl-Mitarbeiterin, in welche er verliebt gewesen sei, in der ganzen Stadt aufzusuchen, nachdem sie in eine andere Filiale versetzt worden war.  Romantische Geste oder eindeutige Grenzüberschreitung? Die Meinungen der Nutzer gingen in der Diskussion weit auseinander. Inzwischen ist besagter Tweet bedauerlicherweise vermutlich gelöscht worden.
Es war erschreckend, wie viele User hierin noch eine liebevolle Geste zu erkennen meinten und die ganze Aufregung teils nicht einmal verstanden. Daran wurde deutlich, wie sehr die durch Medien und Gesellschaft vollzogene Verblendung vom Bild normaler Beziehungen und Romantik bereits fortgeschritten ist, dass selbst offenkundige Grenzüberschreitungen nicht erkannt werden können.

Der Einfluss diskriminierender Berichterstattung

Inwiefern äußere Einflüsse unsere Wahrnehmung dahingehend beeinflussen, dafür gibt es leider etliche Beispiele, welchen wir täglich ausgesetzt werden.
Ein wichtiger Bestandteil hiervon ist noch immer sexistische und diskriminierende Berichterstattung im Journalismus. Von Gewalt gegen den Partner oder die Partnerin wird so fast nie gesprochen, stattdessen steht in der Überschrift etwas von einer „Beziehungstat“ oder ähnlichem. Headlines und Berichterstattungen wie diese wecken bei den Lesern, wenn auch nur unterbewusst, oftmals den Gedanken, so etwas sei eben Teil von Beziehungen.
Vor allem wird dadurch impliziert, dass zu solchen Taten immer zwei Personen gehören, wie das Wort Beziehung verdeutlicht. Diese Annahme ist jedoch grundfalsch, Gewalt findet immer nur durch den Täter oder die Täterin statt, niemals durch das Opfer. Gewalt in Beziehungen sollte nicht als „Familientragödie“ oder Ähnliches bagatellisiert werden, um den Ernst solcher Themen nicht zu unterschlagen.

Thematisierung in Unterhaltungsmedien

Doch auch durch Bücher und Serien werden wir hinsichtlich ungesunder Beziehungen immer mehr abgestumpft. Eines der wohl aktuellsten Beispiele hierbei ist die neue Netflix-Serie You (Du wirst mich lieben), welche auf einem Roman basiert und von dem Stalker Joe handelt, der mit einer Frau namens Beck, welche er verfolgt, zusammenkommt, um sie weiterhin ohne ihr Wissen kontrollieren und beherrschen zu können.
Es ist erschreckend, wie viele Kommentare von Zuschauern sich im Internet finden, welche sein Verhalten befürworten oder zumindest den Ansatz von Romantik dahinter zu erkennen vermeinen. Gibt man bei Twitter den Hashtag #youonnetflix ein, finden sich etliche Kommentare, die für den Täter Joe offen schwärmen und sein Verhalten als begehrenswert und positiv ansehen.
Eine Userin postet beispielsweise: „I just wanna be loved like Joe Goldberg loved Beck.”, wobei keinerlei Unterschied dabei gesehen wird, dass Joe Beck nicht liebt, sondern besessen von ihr ist. Auch den Schauspieler selbst erreichen etliche Tweets, in welchen Fans der Serie ihn und seine Rolle romantisieren und in Anlehnung an die Serie bitten: „kidnap me please.“. Dass das Kidnapping in der Serie in einem Mord gipfelte, das scheint hier vergessen zu sein.
An Stalking ist nichts romantisch. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, das scheint bei vielen in Vergessenheit zu geraten, sobald die Geschichte aus der Sicht des äußerst manipulativen Täters erzählt wird, so wie es bei You der Fall ist.

Blindheit

Leider ist dies durchaus realistisch. Menschen, die physicher und/oder psychischer Gewalt innerhalb von Beziehungen neigen, sind nicht selten extrem manipulativ und gleichzeitig geschickt in ihrem Vorgehen. Jedem von uns könnte es passieren, auf solch eine Person zu treffen und unbemerkt immer weiter in den Kreislauf der Gewalt zu rutschen, aus welchem zu entkommen mit der Zeit immer schwerer wird.
Umso wichtiger jedoch ist es, von vorneherein gewappnet zu sein und sich darauf einzustellen, dass es solche Menschen geben kann und wie sie sich eventuell verhalten könnten. Ihr Verhalten zu romantisieren und normalisieren erreicht jedoch viel eher das Gegenteil. Wir werden blind für die Gefahr.

Die Normalisierung toxischer Beziehungen

Gerade im Internet findet man zwischen den ganzen Befürwortern dieser toxischen Beziehung immer wieder auch kritische Stimmen, die Bedenken einwenden und hinterfragen, diese werden jedoch von den Gegenstimmen häufig als spießig, langweilig und unromantisch niedergeschrien.
Geschichten wie Fifty Shades of Grey und ähnliche tragen tatsächlich dazu bei, dass normale, einvernehmliche Beziehungen immer langweiliger und reizloser erscheinen können. Es ist ja auch nichts dagegen einzuwenden, nach mehr Spannung und Aufregung zu suchen, doch sobald dies in Missbrauch egal welcher Art gipfelt, handelt es sich nicht länger um eine einvernehmliche Beziehung sondern um Gewalttaten, was viele nicht zu berücksichtigen scheinen.

Kein Halt vor Minderjährigen

Besonders erschreckend an diesem gefährlichen Trend ist die Tatsache, dass solch eine Romantisierung auch vor Minderjährigen nicht Halt macht. Bereits Teenager werden in unserer Welt durch Medien, Journalismus und die Gesellschaft bereits dahingehend beeinflusst, dass sie den von toxischen Beziehungen ausgehenden Gefahren gegenüber blind werden.
Somit werden aus ohnehin bereits verletzlichen, schutzbedürftigen jungen Menschen noch leichter und schneller Opfer solcher Gewalttaten.

Die Facetten der Gewalt

Ein weiteres sehr großes Problem bei unserer Thematisierung von Gewalt in Beziehungen stellt die Art der Gewalt dar. Rein körperlicher Gewalt gegenüber sind die meisten Menschen gewappnet, diese wird großteils direkt als missbräuchlich, ungesund und gefährlich angesehen.
Oft wird in unserer Gesellschaft auch körperliche Gewalt direkter als Gewalt identifiziert als beispielsweise psychische Gewalt. Obwohl es leider immer sehr schwer ist und unendlich viel Kraft benötigt, sich aus einer toxischen Beziehung zu befreien, so können die Opfer von körperlicher Gewalt doch zumindest ein Stückchen mehr auf Unterstützung durch die Außenwelt bauen als es den Opfer von rein psychischer Gewalt möglich ist.

Nicht-körperliche Misshandlungen

Alleine die Nachweisung nicht körperlicher Straftaten vor Gericht ist häufig nahezu unmöglich, was den emotional missbräuchlichen Tätern ein ungehindertes Fortfahren ihrer Taten ermöglicht.
Wird man von seinem Partner oder seiner Partnerin geschlagen, findet zwar immernoch zu wenig aktive Unterstützung statt, doch wenigstens wird häufig geraten, diese Beziehung dringend zu verlassen.
Erzählt man hingehen von übertriebener Kontrolle oder belastenden Eifersuchtsanfällen des Partners, so wird dies häufig heruntergespielt mit den Worten, dass solch ein Verhalten doch in einer Beziehung dazugehöre und nur ausdrücke, wie sehr man dem Partner am Herzen liege. Nicht selten wird den Betroffenen selbst durch die Umwelt der Eindruck vermittelt, selbst Schuld am Verhalten des Partners zu tragen, es wird unterstellt, dass man bestimmt einen Grund dazu gegeben haben müsse, solch ein eifersüchtiges oder kontrollierendes Verhalten zu provozieren.

Männerspezifische Probleme in der Gesellschaft

Gerade Männer haben zu dieser Problematik einen noch komplexeren Bezug, da sie verstrickt sind in das klassisch-männliche Gesellschaftsbild. Tagtäglich wird ihnen vermittelt, Männer müssten stark sein, belastbar, keinesfalls emotional, nahezu unverwundbar. Doch diese toxische Idealisierung von Männlichkeit lässt Hilfesuchen als schwach aussehen, und so kommt es, dass die Dunkelziffer der von Gewalt betroffenen Männer, die aus Angst vor Stigmatisierung und Demütigung schweigen, immens hoch vermutet wird. Als Opfer physischer oder psychischer Gewalt in Beziehungen ist es niemals leicht, sich Hilfe zu holen. Jedoch ist das Bild der Frau als klassisches Opfer noch immer stark verbreitet, Männer hingegen werden oft belächelt, wenn sie von Gewalterfahrungen berichten. Um dem entgegenzuwirken wäre es dringend an der Zeit, toxische Beziehungen unabhängig von den Geschlechtern der Partner zu thematisieren. Gewalt kann in jeder Beziehungsform vorkommen, auch in gleichgeschlechtlichen oder anderen Partnerschaften, das klassische Vorurteil des Mannes als Täter und der Frau als Opfer ist stark veraltet.

Wo zieht man die Grenze?

Toxische Beziehungen haben unendlich viele Erscheinungsformen und genau das macht eine Befreiung aus ihnen auch so schwer. Körperliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Demütigungen, Beleidigungen, permanente Schuldzuweisungen, Einschränkungen in der persönlichen Freiheit, alles ist möglich und genau deshalb fällt es einzelnen Betroffenen auch so schwer, eine Grenze zu ziehen.
Was ist noch normal und wo fängt bewusster Missbrauch an? Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten, pauschal lässt sich jedoch sagen, dass man dann von missbräuchlichen Beziehungen sprechen kann, sobald die Beziehung, egal in welcher Form auch immer, mindestens einem Partner nicht länger guttut.
Um diese Erkenntnis zu erlangen, braucht es viel Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen in sich selbst seitens der Betroffenen.

Was geändert werden muss

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass der einzig richtige Ansatz wäre, solch ungesunde Beziehungen nicht länger zu romantisieren und normalisieren. Stattdessen sollte die Gesellschaft ihr Augenmerk lieber darauf richten, wie man besser sensibilisieren, vorbeugen und unterstützen kann.

Hier ist ein Artikel darüber, wie Frauen auf ihren Körper reduziert werden. 

Hier ist ein Artikel, wie Frauen und Mädchen sexualisiert statt ernst genommen werden.

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