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Kultur & Zeugs

The Windup Girl

Die Tage werden kürzer, das Wetter trüber, der Wind kalt. Mit einem guten, spannenden Buch eingekuschelt auf dem Sofa lässt es sich am besten aufwärmen und entspannen. Frösteln sollte man jetzt eher wegen feinem Grusel und gepflegtem Entsetzen.

Wenn man im Buchladen an der deutschen Übersetzung von Paolo Bacigalupis nicht mehr ganz neuen Roman The Windup Girl vorbeigeht, konnte man das Buch entweder übersehen, oder für einen reißerisch aufgemachten Wissenschaftsthriller halten. Der deutsche Titel Biokrieg ebenso wie das cleane Design des Buchcovers deuten auf Reinräume, Laborkittel und Geheimdienstmachenschaften. Wenn man sich aber von dieser Aufmachung abschrecken lässt, entgeht einem einer der vielleicht interessantesten Science-Fiction-Romane des letzten Jahrzehnts.

2009 erschienen, beschreibt das Buch die möglichen Auswirkungen einer neuen technologischen Revolution. Bacigalupi entwickelt die Vision einer Welt, in der genetisch veränderte Organismen Alltag sind. Verbunden mit dem Ende des Ölzeitalters und den Folgen einer galoppierenden Klimaerwärmung entsteht eine Umgebung, in der sämtliche Sicherheiten der heutigen Realität verschwunden sind. Nichts ist mehr, was es scheint – weder die Frucht, in die man beißt, noch der Mensch, der einem begegnet.

Gegenteil zum Buchcover

Zwischen den Seiten findet man das genaue Gegenteil des Buchcovers. Das dreckige, schwitzende, brutale Bangkok der Zukunft wird lebendig. Einer Zukunft, in der schwere Arbeiten durch genetisch manipulierte riesige Urelefanten verrichtet werden, Energie mit Hilfe von Federn gespeichert wird und Luftverkehr durch Luftschiffen durchgeführt wird. Das Buchcover der englischen Originalausgabe entspricht viel eher dem Gefühl eines Retrofuturismus, das das Buch verströmt.

Das Thailand einer unbestimmten, aber mindestens hundert Jahre entfernten Zukunft wehrt sich als eines der letzten souveränen Länder gegen die Übermacht westlicher Kalorienkonzerne, die gegen den selbstverursachten Nahrungsmangel ankämpfen. Nachdem diese in ihrem wahnwitzigen Konkurrenzkampf künstliche Erreger auf die Monokulturen der Gegenseite losließen, versuchen sie, sich die kümmerlichen Reste nicht kontaminierter DNA mit allen Mitteln anzueignen. Pflanzen, Tiere und auch Menschen wurden und werden von unzähligen dieser Erreger befallen, verstümmelt und getötet, hinter jeder köstlichen Verlockung kann der Tod lauern. Dank einer Genbank ist in Thailand die Lebensmittelversorgung weitgehend gesichert. Um diesen Schatz zu heben, versuchen die Konzerne mithilfe eines Agenten, das Land zu destabilisieren.

Dieser Agent, Anderson Lake, ist ein Relikt unserer Zivilisation. Einerseits völlig skrupellos, wenn es um das Erreichen seiner Ziele oder die Zukunft der Menschheit geht, zeigt er gegenüber einzelnen Individuen, wie seinem Faktotum Hock Seng oder dem titelgebenden Aufziehmädchen Mitgefühl und Anteilnahme. Er ist ein Spiegel der amerikanischen Seele, die sich anonymen Ländern oder Völkern gegenüber gnadenlos zeigt, aber von Einzelschicksalen zutiefst berühren lässt.

Die meisten Gestalten sind wie Lake Opfer und Täter zugleich. Auch wenn der Leser mit ihnen mitfühlt – keiner der Protagonisten ist rein, sie alle haben schon grausamste Taten begangen, sind getrieben von Schuld, Rache oder Gier und manchmal von schierem Überlebensinstinkt. Ob Polizisten, Biohacker, Flüchtlinge: die verrottende Umgebung ist nur ein Spiegel ihrer Seele.

Der Mensch als Objekt

Aus diesem Sumpf erhebt sich als einzig Unschuldige das Aufziehmädchen Emiko, ein seelenloses, künstliches Geschöpf ohne Rechte. Sie wird ausgenutzt, missbraucht, gequält und verfolgt, und verliert dennoch nicht die Hoffnung auf Freiheit. Sie beginnt als das schwächste Glied der Gesellschaft und lehnt sich dann zunehmend gegen die ihr aufgezwungene Rolle auf. Sie ist der nächste Schritt auf der evolutionären Leiter, den natürlichen Menschen in vielem überlegen, doch unbeholfen und kindlich auf dem Weg in die Zukunft.

Dass sie von der Gesellschaft als seelenloses Objekt wahrgenommen wird, eröffnet eines der wichtigsten Themen dieses Buches. Bacigalupi führt die Gesellschaft in eine primitivere, brutalere Form zurück, die sich aber nur oberflächlich vom Hier und Heute unterscheidet. Die politischen Konflikte im Roman sind nur aus der Gegenwart fortgeführte Konflikte, von der Konkurrenz großer Nahrungsmittelkonzerne bis zum Kampf um Ressourcen. Letztendlich steht Emiko beispielhaft für das größte Problem all dieser Konflikte: früher oder später führen sie dazu, dass Menschen als Objekte betrachtet werden. Ob es das genetisch veränderte Aufziehmädchen ist, oder der Flüchtling Hock Seng, die Armen und Verlassenen – sie alle werden von ihren Gegnern entmenschlicht, um sie leichter kontrollieren und bekämpfen zu können.

Die Frage, warum der Autor als Schauplatz gerade Thailand wählt, inmitten ethnischer Konflikte aber dennoch als starken Gegenpol des Westens, stellt sich, wenn man bedenkt, dass das Buch für ein westliches Publikum geschrieben wurde. Amerikanische Rezensenten sehen darin eine Ermächtigung Asiens und eine begrüßenswerte Hinwendung zu farbigen Protagonisten. Tatsächlich ist die Anzahl westlicher Figuren sehr überschaubar und dient nur der Veranschaulichung der politischen Verhältnisse zwischen dem Westen und Asien.

Die Darstellung von Korruption, Aberglauben und technischer Rückständigkeit als inhärenten Problemen des zukünftigen Thailand, wenngleich auch in der Gegenwart vorhanden, verleitet den Autor dann auch zu einer Relativierung in den Danksagungen. Es scheint, als wäre der thailändische Hintergrund gewählt worden, um durch ein heute schon unglaublich heißes, korruptes und sowohl brutales wie wunderschönes Land leichter die Vorstellung einer ebensolchen Zukunft zum Leben zu erwecken.

Biotechnologischen Entwicklungen der Gegenwart

Besonders reizvoll an dem Roman ist, dass es die biotechnologischen Entwicklungen der Gegenwart vorwegnimmt. Drei Jahre nach seiner Veröffentlichung wurde die CRISPR/Cas-Methode vorgestellt, mit der es unfassbar einfach wird, genetische Manipulationen vorzunehmen. Erst jetzt, da Genome-Editing für jedermann erschwinglich wird, erhält die Bezeichnung „Biohacker“ wirklich Bedeutung. Die im Buch vorkommenden genetisch veränderten Organismen erscheinen nicht mehr nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich.

Im Buch mag diese Möglichkeit nur als Vehikel dienen, Missstände der gegenwärtigen Weltwirtschaft und Politik zu zeigen. Doch die wissenschaftliche Entwicklung hat das Buch bereits überholt, die Klimaerwärmung scheint nicht aufzuhalten. Welche seltsamen und verheerenden Organismen die Zukunft für uns bereithält, wissen wir nicht. Bacigalupis unaufhaltsame Cheshire-Katzen, die heimlichen Stars des Romans, zeigen uns aber, worauf wir uns gefasst machen müssen: the end of the world as we know it.

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