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Mensch & Zeugs

Sag mir wie Du heißt. Und ich sag Dir, wer Du bist. – Über die Psychologie des Spitznamen

Seit dem 17. Jahrhundert wird die Bezeichnung Spitzname verwendet, um eine Abwandlung, Verballhornung, oft neckende oder verletzende – eben spitze – Variation des Eigennamens zu bezeichnen. Der Spitzname unterscheidet sich vom Kosenamen dadurch, dass er individuell auf Eigenschaften, Aussehen oder Charakter des Trägers angepasst und allgemein gebräuchlich ist.

Unterschied Kurznamen und Spitznamen

Doch wie bekommt man einen Spitznamen? Mir ist aufgefallen, dass Menschen mit einem zweisilbigen Vornamen der Verballhornung meist entgehen, während bei dreisilbigen Vornamen, der Name auf zwei herunter gekürzt und zuweilen durch das Anhängen eines „i“ oder eines „e“ ergänzt wird.

So wird dann aus Alexander – Alex, aus Simone – Moni und aus Katharina – Kathi. Diese Abkürzungen haben oft etwas liebevolles, wie ein Kosename, doch sind sie wenig individuell, wie es ein richtiger Spitzname ist.

Ein richtiger Spitzname zeichnet sich dadurch aus, dass eine herausragende Eigenschaft, die den Charakter oder das Aussehen eines Menschen betrifft namensgebend wirkt und den ursprünglichen Eigennamen ersetzt oder abwandelt.

Psychologischer Hintergrund des Spitznamens – der Haloeffekt

Auch wenn wir herausragende Eigenschaften nicht immer benennen, filtern wir in unserer Personenwahrnehmung besonders auffällige Eigenschaften heraus. In früheren Zeiten war dieses schnelle Filtern von Äußerlichkeiten überlebensnotwendig, da wir so Freund und Feind unterscheiden konnten und noch heute hilft es uns, uns in unserer Umwelt zurecht zu finden.

Besonders bei Berufsgruppen mit Kundenkontakt, wie Kellner oder Verkäufer, ist ein solch schnelles Einordnen vorteilhaft. Ich habe mich schon oft gefragt, warum die Bedienung im Restaurant mir nie das Bier hinstellt, sondern die Rhabarberlimo oder das Rhabarbersaftschorle. Offensichtlich sehe ich nach Rhabarbersaftschorle aus, auch wenn ich wenig rosa und lang bin. Dies vereinfacht vieles bei der Zuordnung der Getränke, hat mir zum Glück aber noch keinen diesbezüglichen Spitznamen verschafft. Vielleicht wäre dies anders, würde ich Barbara heißen, dann wäre ich sicherlich schon zu einer „Rhabarbara“ geworden.

Wenn nun aber eine Eigenschaft eines Menschen in einer solchen Weise hervorsticht, dass sie alle anderen Charaktereigenschaften „überstrahlt“ und unser Urteil entsprechend trübt, spricht man in der Psychologie vom Halo Effekt (vom Englischen Halo – Heiligenschein abgeleitet).

So wird eine Blondine als dumm klassifiziert, ein dicker Mensch als gutmütig und jemand mit aufrechter Körperhaltung als verstockt. So wird dann als Spitzname „Blondie“ oder „Goldlöckchen“ verwendet und berühmt wurden für das Komikerpaar Stan Laurel und Oliver Hardy die Spitznamen „Dick“ und „Doof“.

Gefahr des Vorurteils

Manche dieser Spitznamen sind  nun wenig Schmeichelhaft und der Halo-Effekt birgt die Gefahr, dass wir vorurteilsbehaftet Charaktereigenschaften mit dem Aussehen in Verbindung bringen und Menschen dadurch von vornherein aburteilen, im schlimmsten Falle ausgrenzen oder sozial benachteiligen.

So hat man in früheren Zeiten geglaubt zusammengewachsene Augenbrauen würden bei Männern auf einen dämonischen Sexualtrieb hinweisen, kleine Augen kennzeichneten den Dieb und ein niedere Stirn und eine Stupsnase seien Ausweis für Dummheit und mangelnde Intelligenz.

Wir lachen zwar heute, wenn wir von solchen Klassifizierungen lesen, doch sind solche Stereotype noch immer weit verbreitet und die Besetzung von Rollen in Hollywoodfilmen wird nach solchen Mustern vorgenommen. Neueste Untersuchungen zeigten außerdem, dass sogar bei Bewerbungen solch äußerliche Merkmale sich vorteilhaft oder nachteilig auswirken.

Spitznamen als Gesellschaftsspiel

Meist jedoch sind Spitznamen harmlos, sorgen für Erheiterung und wie gesagt zur Benennung besonderer Charaktereigenschaften, oft in liebevoller Art und Weise. So wird in der Bürogemeinschaft, der überpünktliche und ordentliche Kollege als „Streber“ bezeichnet und die gechillte und immer ausgeglichene Tischnachbarin als „Schlaftablette“. Gerne werden auch Tiernamen vergeben und Freunde und Kollegen nach dem wuseligen „Eichhörnchen“ benannt, dem schlauen „Fuchs“ oder dem geschwätzigen „Papagei“. Auch Variationen und Wortspiele mit Eigen- und Nachnamen sind sehr weit verbreitet.

Tatsächlich kann es ein lustiges Gesellschaftsspiel oder ein Zeitvertreib sein, entsprechend dem Aussehen und den Eigenschaften von Freunden und Kollegen Tiernamen oder Spitznamen zu erfinden.

Spitznamen der Promis

Auch kennen wir manche Promis nur unter ihrem Spitznamen. „Dick“ und „Doof“ habe ich schon benannt, doch wenn man in der Geschichte zurückgeht kennt man beispielsweise den berühmten Renaissancemaler Sandro di Mariano di Vanni Filipepi unter dem Namen Sandro Botticelli (Botticelli = das Fässchen), Michelangelo Merisi wurde nach seinem Herkunftsort einfach Caravaggio genannt.

Aktuelle Beispiele sind die Benennung „Leonardo Retardo“, begründet durch die Begriffsstutzigkeit von Herrn di Caprio oder „Boo-Boo“ für Britney Spears, womit ihre Tölpelhaftigkeit zum Ausdruck gebracht werden sollte.

Den Dingen einen Namen geben

Auch Gebrauchsgegenstände und Konsumgüter haben zuweilen einen Spitznamen, so ist der VW-Bus als „Bulli“ bekannt, der VW Golf Kabrio als „Erdbeerkörbchen“ und der Designklassiker die Radio-Plattenspieler Kombination von Dieter Rams und Hans Gugelot als „Schneewittchensarg“.

Ich habe zudem die für meine Mitmenschen seltsam anmutende Angewohnheit Gebrauchsgegenständen meiner Umgebung Namen zu geben. Es mag seltsam erscheinen, dass ich mit meinem Toaster, meinem Auto und anderen Dingen im Haushalt persönlich bekannt bin, aber tatsächlich steckt hinter jedem Namen eine lustige Geschichte. Laut der Aussage eines Freundes tun das nur „Hippies“, aber ich halte es hier eher mit Hartmut Rosa, der von der „Anverwandlung der Dinge“ spricht. Wenn wir die Dinge benennen und uns so zu nutzen machen, besitzen wir die Dinge und nicht die Dinge uns. Auch führt uns dies zu einem bewussteren Umgang mit Konsumgütern – aber das ist ein anderes Thema.

Ein Kommentar

  1. Ich hatte mir immer gewünscht, dass ich mal so einen coolen Spitznamen bekomme wie „Pille“, Günni oder Icke. Alex finde ich schon sehr einfallslos..

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