Sieben Tage ohne

Die digitale Mobilität: Was uns zahllose Vorteile schenkt, macht uns zugleich zu Sklaven. Können wir überhaupt noch ohne? Ein Selbstversuch in sieben Tagen.

Samstag

Heute entscheidet es sich endgültig, dass ich das Experiment starten werde. Und zwar bereits zwei Tage später. Sehr schnell merke ich, dass es gar nicht so einfach ist. Definitionen müssen formuliert werden. Verzichte ich auf die Sozialen Medien? Auf das Smartphone? Auf das Internet? Ohne längerfristig geplanten Urlaub kann ich nicht komplett auf das Internet verzichten, das wird mir schnell klar, und ich halte folgende Ausnahmen fest:

1. Mein rein geschäftlicher E-Mail-Account sowie die Nutzung von Websites und Suchmaschinen, sofern sie unmittelbar für meine berufliche Arbeit relevant sind, bleibt erlaubt. Das schließt auch Internetseiten ein, ohne die ich die Bearbeitung einer gerade laufenden Fortbildung nicht machen könnte.

2. Online-Banking.

Auf alles andere verzichte ich. Keine sozialen Medien. Keine Messengersysteme. Kein Handy. Keine private oder auch nur semiprivate Internetnutzung. Das Smartphone bleibt sieben Tage komplett ausgeschaltet. Telefonisch bleibe ich weiterhin erreichbar über zwei Festnetztelefone: im Büro und Zuhause.

Sonntag

Immer mehr Dinge fallen mir ein, auf die ich an diesen sieben Tage werde verzichten müssen. Keine App des Öffentlichen Nahverkehrs (die Zeiten, in denen wir uns nur anhand von aushängenden Fahrplänen orientierten, erscheint mir als Steinzeit). Und plane ich eine Reise in diesen sieben Tagen, brauche ich eine Zugverbindung oder eine Mitfahrgelegenheit? Und was, wenn über meinen privaten E-Mail-Account dringliche Nachrichten eintreffen, ich meine: wirklich dringliche Nachrichten? Ich richte zum ersten Mal in meinem Leben auf meinem Privat-Account eine Abwesenheitsnotiz ein. Nach kurzem Zögern gebe ich meine berufliche E-Mail-Adresse für dringliche Weiterleitungen an.

Der Tag rast dahin mit organisatorischem Kleinkram. Schuldbewusst werde ich mir der vielen E-Mails bewusst, die unbeantwortet sind und eine weitere Woche unbeantwortet bleiben werden. Ich schreibe einen Blogartikel und stelle ihn für den Mittwoch in drei Tagen ein und informiere, weil es sich um eine Rezension handelt, vorab den betreffenden Verlag bereits über die Besprechung. Die Verteilung des Artikels über die einschlägigen sozialen Medien werde ich dann nach Ablauf der Woche nachholen. Einen zweiten Artikel möchte ich fertigschreiben und für das kommende Wochenende vorprogrammieren, aber es ist bereits später Abend und irgendwann gebe ich auf, weil ich merke, ich schaffe das nicht mehr.

Twitter und Instagram lasse ich links liegen, niemand wird mich dort für eine Woche so sehr vermissen, dass daraus Missstimmung oder gar Schaden entstehen würde. Auf ello war ich eh schon lange nicht mehr, das juckt niemanden. Bleibt von den sozialen Medien noch meine Lieblingsbaustelle Facebook. Am späten Abend poste ich, sichtbar für die Freundesliste, dass ich sieben Tage offline sein werde. Ein paar Reaktionen treffen noch ein, bevor ich mich ausklinke. Für einen kleinen Kreis sehr guter Freunde stelle ich einen zweiten Post ein, dass ich zwar eine Woche offline, deswegen aber nicht aus der Welt bin und rufe in Erinnerung, dass ich übers Festnetz weiterhin erreichbar bin.

Ich bin aufgeregt. Kann es mir noch gar nicht vorstellen, so unwirklich kommt es mir vor, während die Uhr gegen Mitternacht rückt, und zugleich spüre ich eine zarte Freude. Wie wird es sein?

Montag

Morgens will ich in der Küche als Erstes zum Smartphone greifen und dann dämmert mir: Nein, verboten. Es ist ein merkwürdiges Gefühl. Auch mit einem Café con leche neben mir das Netbook aufzuklappen, ist nicht drin. Als unfertiger Mensch verlasse ich das Haus und stelle in der U-Bahn fest, dass ich vergessen habe, ein Buch einzupacken. Was mache ich nun? Wenn ich wenigstens Vokabelkarten dabeihätte, um mich zu beschäftigen. Ich hatte schlecht geschlafen, weil ich am Vorabend zu lange und zu hektisch am Computer gesessen hatte. Blaues Licht und hoher Puls – das beste Mittel gegen einen gesunden Nachtschlaf.

Im Büro fahre ich den Computer hoch, öffne mein Geschäfts-E-Mail-Konto und freue mich schon fast über diese kleinen Zugeständnisse an die digitale Welt. Mehr ist nicht drin, nicht jetzt, nicht später, nicht zwischendrin … Ich bin unruhig, denke immer wieder an einen Blick in meine privaten E-Mails, in Facebook, in die Website einer Zeitung. Ausgeschlossen. Gleichzeitig arbeite ich konzentrierter als sonst. Mittags ist die Versuchung am größten. Nur ein kurzer Blick, bevor ich in die Pause gehe? Ich zwinge mich weg vom Computer. Die Fantasie spielt verrückt. Angst vor Kontrollverlust: Was, wenn irgendetwas eskaliert und ich kann nicht darauf reagieren? Wenn irgendjemand meiner Freunde einen elenden Scheiß auf meine Pinnwand postet, um herauszufinden, ob ich wirklich wirklich off bin? So viel Vertrauen habe ich also in meine digitalen Freunde …

Immer wieder ertappe ich mich, wie ich einen Gedanken, ein Zitat, eine kleine Beobachtung spontan posten möchte. Und merke dann, nein, geht ja gar nicht. Es bleibt also alles bei mir. Bleibt unausgesprochen. Aber reift vielleicht auch, statt sofort ins digitale Nirwana geblasen zu werden.

Abends auf dem Weg nach Hause mit ein paar Unterbrechungen für Erledigungen merke ich, dass mir eines nicht fehlt: der ständige Griff in die Tasche zum Smartphone. Ich habe meine Umwelt im Blick und mir fällt es bereits auf, wenn ich andere diesen zwanghaften Griff machen sehe. Nein, meine Hand fährt nicht an die Tasche, sie sucht nicht nach dem flachen Ding.

Als ich Zuhause bin, wird es dann doch schmerzhaft, beinahe überfallartig. Wie schön es wäre, jetzt zum Feierabend ein bisschen durch die sozialen Medien zu segeln, zu kommentieren, mit Freunden und Bekannten zu quatschen … Ich fühle mich hilflos, um nicht zu sagen orientierungslos. Nein: isoliert! Isoliert von vielen Menschen, die ich sonst um mich herum habe im digitalen Raum. Ich bin froh, wenigstens ein Radio zu haben und greife zum Festnetztelefon. Es ist selten, dass ich tatsächlich jemanden darüber anrufe.

Später gewöhne ich mich an meine relative Einsamkeit und finde die Ruhe zu ein paar Dingen, für die ich sonst nie mehr die Zeit hatte. Gar nicht mal so schlecht, dieses Leben, denke ich mir.

Irgendwann wird mir bewusst, wie fokussiert ich bin. Nebenbei höre ich Musik, die ich selten höre oder schon lange nicht mehr gehört habe, Minimal Music, Bach. Ein wunderbarer Abend. Ich bin frei.

Dienstag

Morgens spüre ich wieder den Reflex, aufs Smartphone zu schauen, danach wird der Tag wie ein Urlaub. Gelegentliche Anwandlungen, doch online zu gehen, verfliegen rasch und ich fühle mich frisch und unbeschwert. Nur mittags mogel ich kurz, indem ich auf die Website der ZEIT gehe. Die Meldungen kommen mir erstaunlich banal vor.

Mittwoch

Unterwegs zu sein ohne Smartphone, daran habe ich mich schon erstaunlich gewöhnt. Der gelegentliche Wunsch nach einer kurzen digitalen Ablenkung, Zerstreuung aber ist da.

Donnerstag

Mal auf Facebook zu schauen, wäre schon nett.

Freitag

Mir meinen E-Mail-Account zu verbieten, nervt. War das notwendig? Hätte es nicht auch gereicht, mir nur die sozialen Medien für die Woche zu verbieten? Und schon ist die Ausrede gefunden: Ich ertappe mich dabei, wie ich mich in meinen E-Mail-Account einlogge. Die Nachrichten sind enttäuschend – meiner drängenden Vorfreude jedenfalls werden sie nicht gerecht.

Samstag

Ich sitze im Zug und begehe den entscheidenden Fehler: Statt sofort mein Buch herauszuholen, greife ich nach dem Smartphone, das ich für Notfälle auf meiner Reise eingesteckt habe. (Ein Fehler? Ein Selbstbetrug?) Beinahe willenlos beobachte ich, wie ich das Gerät anschalte, mich anmelde, mit den Augen all die aufploppenden Symbole für Nachrichten verschlinge und mich in Facebook einlogge. Ich habe verloren.

Sonntag

Mit dem Vortag war der Damm gebrochen, das Experiment ist gescheitert. Einmal ist keinmal? Von wegen. Es ist wie mit einer Sucht. Falsch: Es ist eine Sucht. Wir sind Sklaven. Und es kümmert uns nicht einmal.


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