Ich, ich, nochmal ich. Ein Tagebuch der schönen Dinge

Selfies. Jeder kennt sie, jeder macht sie, kaum einer mag sie.

Man sieht sie an jeder Ecke. Menschen mit ausgestrecktem Arm, verkrümmter Hand mit einem Smartphone darin. Es wird gelächelt, geduckfaced, gepeaced und gezwinkert. Würde man davon ein Foto machen, wäre es wohl nicht sehr schmeichelhaft. Ist jedoch auch völlig unwichtig, denn was zählt ist das Foto aus der Hand. Das Selfie, das Selbstportrait der modernen Zeit.

Es ist ja nichts Neues, dass Menschen sich selbst auf Bildern sehen möchten. Selbstportraits in der Malerei gibt es seit der Renaissance, die ersten Fotografien hatten eine solch lange Belichtungszeiten, dass es überhaupt kein Problem darstellte, sich selbst mit zu fotografieren. Und auch die Digitalkameras sorgten mit dem Selbstauslöser für die Möglichkeit sich selbst zu verewigen. Was also ist das Besondere an dem Selfie?

In Zeiten von Facebook, Snapchat, Instagram und Co. ist das Selfie nicht mehr wegzudenken. Es ist ein fester Bestandteil der Selbstpräsentations-Kultur der heutigen Gesellschaft. Man zeigt sich in allen Lebenssituationen. Vor dem Sport, währenddessen und danach, beim Essen, beim Feiern, beim Grillen mit Freunden. Mal ganz von der Diskussion abgesehen, ob das wirklich sein muss, jeden einzelnen Schritt seines Lebens zu dokumentieren, stellt sich die Frage, weshalb diese Dokumentation nicht das relevante Umfeld, auf das man ja eigentlich aufmerksam machen möchte, zeigt, sondern vordergründig das eigene Gesicht. Wieder und wieder. Meistens immer dieselben vier bis fünf Motive, denn hat man einmal all seine Gesichtsausdrücke aus allen möglichen Kamerawinkeln durchgeknipst, weiß man, welche Kombination die vorteilhafteste für einen ist. Und das ist wichtig zu wissen, denn einmal auf Social-Media angekommen, ist es bis zum ersten Selfie nicht mehr weit.

Social-Media und Selfies passen wunderbar zusammen. Beides dient er Selbstinszenierung vor Freunden, Familie, Kollegen oder Fremden. Man präsentiert die interessanten Aspekte des eigenen Lebens, zeigt sich von seiner besten Seite, führt ein Tagebuch der schönen Dinge. Und die Welt schaut zu, liked, kommentiert und teilt. Gibt einem die Aufmerksamkeit, die einem im wahren Leben fehlt. Für die kleinen Dinge, als auch für die Großen. Du isst gerade Trauben auf der Terrasse? Hast du ein schönes Leben! Du machst gerade Urlaub auf Hawaii? Ich bin ja so neidisch, hast du es gut! Du liest gerade ein Buch? Wow, intellektuell bist du auch noch! Und du siehst sogar toll aus, direkt nach dem Aufstehen!

Egal was man tut, man muss auf einmal perfekt dabei aussehen.

Keiner sieht, was hinter einem Foto steckt. Ob du das Buch gerade einfach irgendwo aufgeschlagen hast und dich damit fotografierst, oder ob du es wirklich gelesen hast wird keiner hinterfragen. Auch daran, wie lange du vor dem Spiegel standest und wie viele Foto-Versuche du schon hinter dir hast, wird keiner denken. Man hat die Chance sein Leben so aussehen zu lassen, wie man es selbst gerne hätte. Und so kommt es, dass vermeintlich ein Traumleben neben dem anderen existiert und dabei sehen alle auch noch so gut aus!

Der Druck ist groß. Die kleinen Dinge, dürfen jetzt nicht mehr klein sein. Du isst Trauben auf dem Balkon? Ich trinke einen Cocktail im Garten! Süß, aber der nächste isst sein Eis auf einer Einhorn-Badeinsel im eigenen Pool. Und alles schön dokumentiert auf einem perfekten Selfie, dem 200 unperfekte, gelöschte Selfies vorhergehen. Egal was man tut, man muss auf einmal perfekt dabei aussehen.

#wokeuplikethis #nomakeup #nofilter.

Wir lügen uns was vor, tun so als hätten wir ein perfektes Leben und sind nebenbei auch noch im kompletten Einklang mit uns selbst und unserem Körper. Zeigen uns hochmütig durch unsere Selfies. Die eigentliche Sünde ist jedoch die Wahrheit dahinter. Wenn der angespannte Bauch sich wieder in den Schwimmring, der einen eigentlich täglich begleitet, zurückverwandelt, das perfekte Lächeln schwindet und mit dem Entfernen des Make-Ups, die Sorgenfältchen und Stresspickelchen wiederauftauchen. Wenn der Push-Up-BH neben dem Bett liegt, die Haare wirklich nicht mehr gemacht sind und wir vor dem Einschlafen durch Instagram scrollen und das noch tollere Leben der Anderen sehen. Denn man selbst weiß ja, dass die eigenen Fotos nicht der Wahrheit entsprechen, die der Anderen könnten aber ja tatsächlich deren Realität widerspiegeln. Und auf einmal sind wir gar nicht mehr hochmütig, sondern ganz klein. Und wissen gar nicht, dass jemand anderes gerade durch unsere Selfie-Sammlung scrollt und sich genauso klein fühlt wie wir.


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