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Kultur & Zeugs

Rhabarberbarbera

Was ich mit Rhabarber verbinde sind viele Kindheitserinnerungen: Zungenbrecher, die im Eiltempo und ohne Pause aufgesagt einen Knoten in die Zunge zaubern, bis man sich vor lauter Lachen den Bauch halten muss; saures Kompott, welches zu den lustigsten Grimassen führt und selbstverständlich den besten Rhabarberkuchen der Welt: den von meiner Mum, der nach Sommer, Nostalgie und Kindheit schmeckt.

Kindheitserinnerung

Die Hitze flirrt über dem Asphalt, so dass die Luft verschwimmt und man auch mit zusammengekniffenen  Augen nicht mehr scharf sehen kann. Es ist unmöglich mit bloßen Füßen auf einer Stelle zu stehen, da der Boden so heiß ist. Entsprechend hüpfend und springend, die Schuhe in der Hand geht es die Straße runter nach Hause. Vor der Türe heißt es dann erst nochmal den Sand aus den Schuhen klopfen und von den Kleidern schütteln und dann die Klingel gedrückt. Nicht nur einmal, sondern so oft hintereinander, bis Mama öffnet. Und rein geht’s in die angenehme Kühle des Treppenhauses. Schummerlicht fällt durch das abgerundete Fenster auf dem ersten Treppenabsatz, die Füße patschen auf dem Steinfußboden. Es geht vorbei an der halb geöffneten Kellertür, aus welcher ein feuchter Dunst hervorweht. Die Türe führt gleichsam zu einem Durchgang in den Hof sowie zu einer weiteren Öffnung in den Tiefkeller. Hier husche ich immer besonders schnell vorbei, den Blick auf das Licht gerichtet, welches durch das Fenster sickert.

Eine Stiege hinauf und noch eine, jede Treppenstufe wird gezählt, so erscheint der Weg kürzer und mit den Fingern streife ich das glatt polierte Holz des gedrechselten Geländers entlang. Endlich stehe ich vor der Wohnungstüre, werde begrüßt, angehalten, die Hände zu waschen. Erst hier bemerke ich wie hungrig und durstig ich bin. Doch Mama hat schon an alles gedacht. Auf dem schattigen Balkon, mit Blick auf den Innenhof stehen die Teller, Gläser mit Sprudel und der selbstgebackene Rhabarberkuchen.

Ich esse in Schichten: erst den Guss, dann folgt der Belag aus Rhabarber, faserig und sauer und zum Schluss das Beste: der Kuchenboden: unten fest und knusprig, oben ein bisschen aufgeweicht, vom Rhabarbersaft getränkt. Er ist krümelig und saftig gleichzeitig und schmeckt auch heute noch sauer-süß, nach Sommer, Nostalgie und Kindheit.

Familiengeschichte

Tatsächlich hat der gemeine Rhabarber, wie wir ihn aus Mutters Küche kennen eine spannende Geschichte. Die Nutzpflanze stammt ursprünglich aus dem Himalaya und wurde ab dem 11. Jahrhundert aus Zentralasien zunächst in die arabische Welt gebracht, wo er für medizinische Zwecke Verwendung fand. Die Nutzung betraf vor allem die unterirdischen Teile der Pflanze, die zu Arzneimitteln verarbeitet wurden und so schließlich auch Verbreitung in der europäischen Welt fanden.

Als Pflanze für die Nahrungsversorgung arbeitete sich der Rhabarber erst später Stück für Stück nach Westen vor: im 16. Jahrhundert wurde der Rhabarber in Russland angebaut, dann gelangte er im 18. Jahrhundert bis nach Frankreich und über Holland erreichte er schließlich auch England, wo er sich noch heute vor allem in Yorkshire großer Beliebtheit erfreut.

In Deutschland folgte der erwerbsmäßige Anbau von Rhabarber erst ab 1848 und fast 100 Jahre später, seit dem Jahr 1947 wird der Rhabarber auch in den USA gesetzlich als Obst klassifiziert.

Rhabarberfest in Yorkshire

In England hat sich der Rhabarberanbau inzwischen zur Tradition gemausert und ist in Yorkshire zum Teil des Selbstverständnisses geworden. Im Winter wird dort in geheizten, dunklen Hallen Rhabarber zum Austreiben gebracht. Um die Ernte zu schützen wird mit Kerzenlicht geerntet und seit viktorianischer Zeit herrscht in den Rhabarberhallen ehrfürchtige Stille.

Als lokale Spezialität trägt dieser Rhabarber die geschützte Bezeichnung „Yorkshire Forced Rhubarb“. Damit ist der Rhabarber aus Yorkshire bereits früh im Jahr erhältlich und hat durch seine besondere Anbaumethode einen intensiveren Geschmack und ist auch von der Struktur zart und nicht so faserig, wie unsere hiesigen Pflanzen. Entsprechend wird der in Yorkshire angebaute Rhabarber auch als „Champagner-Rhabarber“ bezeichnet.

Mitte Februar wird dann auch ein Rhabarber Festival gefeiert: das „Wakefield Festival of Food, Drink and Rhubarb“. Dem Namen entsprechend wird hier nicht nur gefeiert, sondern es finden Prämierungen der heiligen Pflanze statt und in Showküchen wird der Rhabarber zubereitet.

Comeback

Ein Grund für das Comeback des Rhabarbers in den letzten Jahren liegt sicherlich nicht allein im Interesse an alten, traditionellen Obst und Gemüsesorten, die regional und nachhaltig angebaut werden, sondern ist außerdem im Zuge des Gesundheitstrends zu sehen. Rhabarber enthält mit nur 14 Kilokalorien pro 100 gr. und einem hohen Gehalt an Mineralstoffen wie Kalium, Eisen, Vitamin C und Ballaststoffen eine hohe Nährstoffdichte. Rhabarber gilt außerdem als Schönheitselixier, da das Gemüse Vitamine enthält die wichtig für Haut- und Haar sind. Die enthaltenen B Vitamine B1, B2, B3, B5 und B6 wirken zugleich stressreduzierend.

Inzwischen finden auch die Wurzeln der Pflanze wieder Verwendung in der homöopathischen Medizin und werden bei Verdauungsbeschwerden, Zahnschmerzen, Leber- und Magenproblemen eingesetzt.

Neben dem gesundheitlichen Aspekt ist natürlich der einzigartige Geschmack unschlagbar und vor allem als Limo oder Schorle ist Rhabarber im Sommer ein perfekter Durstlöscher. Zum Comeback beigetragen haben auch Starköche wie Jamie Oliver und Marco Pierre White, so dass der Beliebtheitsgrad für das Gemüse stetig steigt.

Wer bislang noch wenige Berührungspunkte mit Rhabarber hatte, für den ist nun die rechte Gelegenheit. Die Rhabarbersaison hat eben begonnen und dauert bis Juni.

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