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Mensch & Zeugs

Schatz, dich liebe ich morgen. Polygame Beziehungen – die Monogamie von gestern?

Beziehung. 

Ein Wort, das manchen von uns sämtliche Haare unseres Körpers zu Berge steigen lässt.

Ein Wort, das uns erschaudert, uns Angst macht. 

Für manche für uns das Sinnbild von Gefangenschaft, Unterwerfung. Das Ende.

Das ganze Leben lang mit nur einer einzigen Person. Der Albtraum eines jenen Beziehungphobischen.

Warum das so ist?

Fragen wir einmal das 21. Jahrhundert, das das Zeitalter der chronisch beziehungskranken beschreibt.

Wir alle suchen die Liebe – sind aber nicht offen für sie, weil mindestens ein Kapitel unseres Buches noch nicht zu Ende gelesen wurde, wir Angst vor Veränderung haben, wir nach Perfektionismus im Menschen streben

und weil wir gleichzeitig immer frei sein möchten und somit stets offen bleiben für das, was uns eventuell noch erwarten könnte.

Wir glauben an Wunder und daran, dass uns eines Tages der Blitz treffen und unser/e Traummann/Traumfrau vor uns stehen wird in all seiner/ihrer Perfektion, die wir uns für unser Leben wünschen.

Und solange wir darauf warten, dass dieser Blitz einschlägt, uns verzaubert, uns mit Liebe verkokelt , da halten wir uns alle Türen unserer Gefühle offen.

Bis dass der Tod uns scheidet. Denn besteht die Wahrscheinlichkeit von einem Blitz getroffen zu werden bei unschlagbaren 1: 6Millionen.

Für diejenigen, die das Warten satt haben darf ich eine etwas andere Art der Beziehung vorstellen, bei der es schlicht und ergreifend möglich ist, unseren Traumpartner in mindestens zwei unterschiedlichen Menschen vorzufinden.

Ganz á la : „Heute liebe ich Dich. Und dich Schatz, liebe ich morgen.“

Unkompliziert, moralisch wertvoll, attraktiv und vollkommen legitim.

Denn im Vergleich zu offenen Beziehungen, dem lockeren Techtelmechtel, klassischem Fremdgehen oder der ganz „normalen“ monogamen Beziehung, ist dies ein Schritt in eine neue Richtung.

Polyamorie.

Was genau bedeutet das überhaupt? Googlen wir dieses Wort, wird es uns als normalste Form von Lebensphilosophie dargestellt. Es bedeutet „mehr als eine Person zur selben Zeit erotisch zu lieben.“

Ist doch das Gleiche wie zweigleisig fahren.

Nein, das ist es eben nicht. So die reine Definition. Denn im Gegensatz zum Fremdgehen, wissen bei einer poly amoren Beziehung mindestens beide (oder auch mehrere) beteiligte Liebhaber/innen über die jeweils andere/n Person/en Bescheid. Denn ein offener Umgang ist dem Protagonisten in dieser Geschichte offensichtlich Gold wert.

Im Vergleich zu ähnlichen nicht monogamen Lebensstilen unterscheidet sich diese Art Beziehung laut klassischer Definition im Wesentlichen dadurch, dass folgende Aspekte vordergründig sind:

Ehrlichkeit

Gleichberechtigung

Langfristige Orientierung

Beginnen wir einmal mit genanntem Punkt Numero eins.

Ehrlichkeit. Diese finden wir in einer intakten monogamen Beziehung meistens oder ich sage einmal vorsichtig; hoffentlich doch gut und gerne wieder. Denn ist es nicht genau der Aspekt, der den meisten von uns am allerwichtigsten ist, wenn wir uns einlassen auf einen Menschen, mit dem wir uns vorstellen können, mehr als nur eine Nacht zu verbringen?

Wir möchten alles zusammen teilen, möchten über alles genauestens Bescheid wissen. Wollen die dunkelsten Geheimnisse unseres Partners teilen und gemeinsam bewahren. Und nicht zuletzt schwören wir uns gegenseitig die Treue, die mit Ehrlichkeit gemeinsam auf Platz 1 unserer Top Ten der Beziehungsregeln steht.

Doch was, wenn Ehrlichkeit und Treue sich einmal im Wege stehen?

Die Treue der Ehrlichkeit nicht stand halten kann. Wenn die Treue die Ehrlichkeit betrügt?

Passiert uns dieses Szenario, bezeichnen wir das vorerst als klassisches Fremdgehen.

Wir schwören unserem Partner die Treue und die absolute Ehrlichkeit. Treffen uns aber hinterrücks mit anderen Personen, die wir durchaus attraktiv und anziehend finden. Frage an uns selbst? – Warum treffen wir uns überhaupt mit diesen Menschen, wo uns doch einst Treue und Ehrlichkeit oberstes Gebot und höchste Priorität waren?

Warum lassen wir uns überhaupt ein auf etwas, das zum Scheitern verurteilt ist und uns eine Menge Probleme und Schuldgefühle einbringen wird?

Befinden wir uns nun in beschriebener Situation, haben wir die Qual der Wahl. Da wir  bereits mit der Treue nicht nur unseren Partner, sondern ebenso uns selbst betrogen haben, liegt es nun an uns, es wenigstens mit der Wahrheit ehrlich zu meinen.

Plan A: Wir legen die Karten offen auf den Tisch und erzählen unserem Partner, was geschehen ist.

Plan B: Wir behalten unser kleines dreckiges Geheimnis für uns und wahren den Schein aufrecht

Wie überall im Leben haben beide Kategorien ihre Vor,-und Nachteile.

Die offenen Karten, mit denen wir spielen, reinigen zwar auf der einen Seite unser Gewissen, jedoch nicht unbedingt das vertraute Verhältnis gegenüber unserem Partner. Ab diesem Moment herrscht nicht nur Misstrauen, sondern auch Kontrolle, paranoides Verhalten, Streit bis hin zur  möglichen Trennung –  nicht gut – vorausgesetzt es war nicht unser Ziel, diese wegen eines/einer anderen bewusst einzuleiten.

Lassen wir die Karten verdeckt, wird uns unser Gewissen höchstwahrscheinlich plagen. Denn haben wir nicht nur eine Regel, sondern inzwischen zwei gebrochen. Das Motto hierbei „Was er/sie nicht weiß, macht ihn/sie nicht heiß“

Liebe Leute. Wie war das so schön mit der Wahrheit? Genau. Alles kommt irgendwann ans Tageslicht, so dunkel die Geheimnisse auch sein mögen. Ehrlich wert noch immer am längsten.

Wir sind uns einig; Fremdgehen ist mitunter wohl nicht die netteste Geste, die wir unserem Partner zeigen, um es mal untertrieben zu formulieren. Und wir können nur bloß hoffen, dass dieser uns unseren Fauxpas verzeihen kann.

Denn scheinbar ist es keine Seltenheit, dass wir uns gerne einmal anderweitig umschauen, so zumindest eine Statistik, die besagt, dass knapp 45% der befragten Paare gestanden haben, ihren Partner bereits mindestens einmal betrogen zu haben.

Dabei kehren wir die Dunkelziffer einmal ganz bewusst unter den Teppich.

Doch was, wenn wir plötzlich die Freiheit und die offizielle Erlaubnis haben, uns auch anderen schönen Geschöpfen und potenziellem Paarungsmaterial zu widmen?

An alle Beziehungsinkontinenten unter uns;

Man präsentiere uns die sogenannte „offene Beziehung“.

Ein herzliches Willkommen im 21. Jahrhundert.

Im Reich der Dauersingles oder wie ich es immer gerne betitle „beziehungsgestörte Singles mit Emotionshintergrund“.

Denn nicht allzu wenige von uns können sich in dieser Beschreibung einordnen und wiederfinden.

Sind wir uns doch alle einig, dass es in diesem Zeitalter nicht gerade die einfachste Aufgabe ist, unsere zweite erhoffte bessere Hälfte zu finden. Dabei ist nicht unbedingt das Finden das Problem, sondern meistens noch das Halten.

So lernen wir Jemanden kennen, sind hin und weg. Alles passt. Alles stimmt. Die Hochzeitsglocken in unseren Köpfen beginnen schon zu läuten. Das Kind schreit in der Wiege und der Bauch ist gefühlt schon das zweite Mal rund.

Da werden wir aus unseren Träumen geweckt und ins eiskalte Becken der Realität geworfen. Denn unsere rosarote Wolke ergießt sich in herzzerreißendem Regen, ehe wir das Wort Liebe überhaupt aussprechen können.

Meistens wissen wir doch schon im Vorhinein, dass das Schöne, das zu schön ist um wahr zu sein, doch einen gewaltigen Haken mit sich bringt.

Gedemütigt geben wir uns ab mit Hypothesen wie „ich habe nicht genug Gefühle für Dich“, „es ist sehr kompliziert“, oder aber auch dem Standardsatz des Stereo Typ Beziehungsinkontinent „Ich suche nichts Festes“ – Ja, dann lass mich doch in Ruhe!

Liebe Frauen und Männer. Warum treffen wir uns miteinander, wenn wir doch eigentlich gar keine ernsten Absichten hegen? Wenn es doch abzusehen ist, das mindestens eine/r von uns bereits in Gedanken einen völlig anderen Weg eingeschlagen hat. Und warum bitte können wir diesen Weg nicht einfach mal gemeinsam gehen?

Leider müssen wir uns zugestehen, dass wir selbst in manchen Situationen nicht einmal besser sind, als jene Damen und Herren der Schöpfung, die uns mit diesen Sätzen abspeisen.

Woran das liegt? Sind wir zu anspruchsvoll? Sind wir gar zu romantisch? Haben wir Angst, etwas zu verpassen? Oder kriegen wir einfach niemals genug?

Das bekannte Topf und Deckel Symptom. Was sich finden soll, findet sich. Und was zusammen gehört, findet zusammen. So weit die Theorie. In der Praxis eine echte Herausforderung.

Wir sind nie zufrieden mit dem, was wir haben. Immer wollen wir mehr. Stets auf der Suche und lauernd wie ein Raubtier auf die eine Person, die besser sein könnte, als diese die wir im Hier und Jetzt gerade treffen.

Ich frage mich ernsthaft; Was ist nur los mit uns?

Können wir nicht zufrieden sein mit einem Menschen, der uns ein Lächeln ins Gesicht zaubert, mit dem wir auf gleicher Wellenlänge schwimmen, der die gleichen Interessen teilt wie wir und mit dem es sich ganz einfach gut anfühlt? Ist gut nicht mehr gut genug? Muss es denn immer nur besser sein?

Die offene Beziehung öffnet uns hierbei die Türen in die Endlosschleife. Und wir werden süchtig. Süchtig nach Anerkennung,  nach Aufmerksamkeit, nach Bewunderung, nach Abwechslung, nach dem Neuen, dem stetigen Gefühl von Abenteuer. Und irgendwo tief in uns drin versteckt an einem kleinen Platz unseres Herzens, weit weg von lockeren Affären und Ungezwungenheit, da finden wir sie ebenfalls. Die Sucht nach Liebe.

Es scheint wohl in unserer Natur zu liegen. In unserem Ursprung, unserem Streben nach Fortpflanzung.

Denn ist der Zauber der Liebe und das Kribbeln und der von hoffnungslosen Romantikern erfundene sogenannte „Funke“ einmal verflogen, die Jahre dahin, und unsere Liebe bloß noch eine Erinnerung verstaubt in den Tiefen unseres Herzens.

Dann ist genau das der Angriffspunkt , an dem wir schwach werden und offen für das Neue, das Abenteuer, das uns bei all dem Alltag zu fehlen beginnt.

Ich darf euch beruhigen ihr alle Langzeitbeziehungsaktivisten, die ihr tapfer durchhaltet.

Und auch diese, die so tun, und gekonnt den Schein wahren.

Denn die neue Art Beziehung ermöglicht es uns vollkommen legitim und moralisch wertvoll all unsere Liebe zu verteilen.

Wir dürfen lieben wen wir wollen. Wo wir wollen.  Wie oft wir wollen.

Wir haben also ganz offiziell die Freiheit mehrere Partner gleichzeitig zu lieben.

Denen wir gleich viel Aufmerksamkeit schenken. Denen wir stets ehrlich gegenüber treten. Mit denen wir uns glücklich fühlen und welche uns all das geben, was trauriger weise nur ein einzelner Mensch nicht im  Stande gewesen wäre.

Zwei Menschen, die sich und uns ergänzen und an denen uns nichts mehr zu fehlen scheint.

Ein Traum der wahr wird?

Oder doch eher ein Trauer Szenario.

Denn ganz so rosig wie der Gedanke sich auch anhören mag, gibt es auch hier den berühmt berüchtigten Haken.

Waren unsere Affären und Seitensprünge doch meistens rein platonisch und ohne große Gefühle, sodass wir entweder früher oder später den Absprung geschafft haben oder wir selbst verlassen wurden.

Bloß in den seltensten Fällen resultierten hier ernsthafte Gefühle. Oder die Erkenntnis, unseren Seelenverwandten gefunden zu haben.

Ich frage mich nun: Wie also ist es möglich, bei der Komplexität der Suche nach nur einer Person, die für uns perfekt sein muss, mindestens eine zweite perfekte Person in unser Liebesboot zu holen?

Denn wo Gleichberechtigung in der polyamoren Beziehung groß geschrieben wird, haben wohl die meisten schon sichtlich Probleme, genug Liebe für nur einen Menschen zu empfinden.

Und wo Zukunftsorientierung ein Fremdwort geworden ist, sind doch wahre Traditionen, die aus Liebe heraus resultieren sollten und einer wahren Seelengemeinschaft gewidmet sind, immer unwahrscheinlicher.

Wie wir es auch drehen und wenden. Es wird wohl immer ein Rätsel bleiben, dessen Lösung uns bloß mit reiner Hoffnung und dem Glauben an das Gute gelingen wird. Ein Mysterium, das für sich spricht. Und das wir nur verstehen, wenn wir wissen, dass das Leben und die Liebe ihre Ironie im Kern gefunden hat.

Denn es ist, was es ist. Sagt die Liebe.

Es ist Unsinn –  sagt die Vernunft.

Es ist Unglück – sagt die Berechnung

Es ist nichts als Schmerz – sagt die Angst.

Es ist aussichtslos – sagt die Einsicht.

Es ist lächerlich – sagt der Stolz.

Es ist leichtsinnig – sagt die Vorsicht.

Es ist unmöglich – sagt die Erfahrung.

Es ist was es ist – sagt die Liebe.

(Erich Fried)

Bild: Debora Röltgen

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