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Mensch & Zeugs

Obdachlose – Menschen wie Du und ich

Sie sind überall, die Menschen mit leeren Blicken und zerrissener Kleidung, manchmal in Gruppen, manchmal in Begleitung eines Hundes und manchmal ganz allein. Egal ob in der Einkaufspassage, am Bahnsteig, auf der Parkbank oder unter der Brücke: Jeder kennt sie, jeder sieht sie.

Jeder außer unserer Bundesregierung, die sich bis heute weigert, verlässliche Statistiken zur aktuellen Situation der Obdach- und Wohnungslosigkeit in Deutschland erheben zu lassen. Dabei wäre es anlässlich der schätzungsweisen dramatisch ansteigenden Zahlen dringend nötig, ein Stück weit Gewissheit in diese immer ernster werdende Problematik Deutschlands zu bekommen, anstatt sie weiterhin zu verdrängen so wie bisher. Die durch verschiedene Hilfsorganisationen, wie beispielsweise Caritas oder die Arbeiterwohlfahrt, veröffentlichten Fakten geben allen Grund zur Sorge: In den letzten Jahren stieg die Zahl der Wohn- und Obdachlosen rasant an, für 2018 belaufen die Schätzungen sich gar auf über eine Millionen. Zum Vergleich, 2014 waren es gerade einmal ca. 226 000 Menschen.

So schnell kann’s gehen…

Warum dies heutzutage in einem Land wie Deutschland geschehen kann – einem reichen Land, einem Land mit etlichen Hilfsorganisationen und staatlicher Unterstützung – das ist eine hochkomplexe Frage, deren Beantwortung sehr unterschiedliche Aspekte der Thematik beleuchtet. Unterhält man sich mit Obdachlosen, erfährt man nicht selten, dass sie früher eine ganz normale Familie hatten, einen Job, eine Wohnung. Ihm sei ganz plötzlich gekündigt worden, hat mir der Straßenzeitungsverkäufer einmal erzählt, es folgten familiäre Probleme, die Scheidung kam, er verlor alles, was ihm wichtig war bis er letztendlich auf der Straße landete.

„Selber schuld“

„Musste es denn wirklich so weit kommen?“, fragen sich jetzt sicher viele, „Es gibt doch genügend Hilfsangebote. Selbst Schuld, wenn er sie nicht angenommen hat.“ Doch solche Unterstellungen werden der Problematik, mit der sich in die Obdachlosigkeit abdriftende Menschen konfrontiert sehen, überhaupt nicht gerecht. Überforderung, Schock, womöglich Traumata und dazu die Scham, die Angst vor Stigmatisierung und Verurteilung treiben gefährdete Menschen nicht selten dazu, lieber allein alles durchstehen zu wollen, was in den meisten Fällen leider nicht funktioniert. Sich Hilfe zu holen, sich einzugestehen, einer Situation alleine nicht gewachsen zu sein, das fällt wohl vielen Menschen schwer, doch ob es nun darum geht, einmal nach dem Weg zu fragen oder nach Hilfe beim Reifenwechsel, oder aber ob man offenbaren muss, eventuell seine ganze Existenz zu verlieren, das sind nun doch ganz unterschiedliche Herausforderungen. Zudem kommt oftmals das Bedürfnis, dem Staat nicht auf der Tasche liegen zu wollen, niemandem zur Last zu fallen und deshalb keine finanziellen Hilfen in Anspruch zu nehmen.

Obdachlos ist nicht gleich obdachlos

Prinzipiell ist es wichtig, den allgemeinläufigen Begriff der Obdachlosigkeit zu differenzieren in tatsächliche Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit. Ersteres umfasst alle Leute, die wortwörtlich kein Dach über dem Kopf haben und irgendwo auf der Straße schlafen, diese machen glücklicherweise nur einen kleineren Anteil der Menschen ohne festen Wohnsitz aus. Zweiteres meint all diejenigen, die zwar keinen aktuellen Mietvertrag haben oder eine eigene Wohnung, jedoch bei Freunden, Bekannten oder in Hilfseinrichtungen unterkommen und somit nicht komplett auf der Straße leben müssen.

Wohnungslose Kinder

Was auf den ersten Blick nach einer guten Nachricht aussieht, birgt leider ebenfalls viele Schattenseiten. Von den schätzungsweise über einer Millionen wohnungslosen Menschen sind knapp zehn Prozent alleinstehende Kinder und Jugendliche. Meist flüchten sie aufgrund von Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung und/oder schwerem Streit innerhalb der Familie, viele laufen jedoch auch aus Jugendhilfeeinrichtungen weg. Gerade unter den jungen Wohnungslosen ist das so genannte „Sofa Hopping“ weit verbreitet, sie schlafen bei unterschiedlichen Menschen auf dem Sofa und wechseln immer wieder die Wohnungen. Manche Kinder haben Glück und kennen gute Freunde und Bekannte, bei denen sie sicher und geborgen unterkommen können. Die meisten jedoch laufen fort in fremde Städte um weniger schnell gefunden zu werden, was zur Folge hat dass sie oftmals jegliche soziale Kontakte verloren haben und ganz auf sich alleingestellt sind. Nicht selten nutzen Erwachsene diese Notlagen schamlos aus und versprechen den Kindern und Jugendlichen einen sicheren Schlafplatz im Gegenzug für sexuelle Dienstleistungen oder die Kinder werden, einmal in der fremden Wohnung angekommen, direkt missbraucht. Zudem birgt das Übernachten bei Fremden natürlich tendenziell immer sehr hohe Gefahren.

Schutzlos ausgeliefert

Doch auch die andere Alternative, öffentliche Hilfseinrichtungen, bietet gerade für Mädchen und Frauen oft keine wirkliche Erleichterung. Sexuelle Belästigungen, Missbrauch, verbale sowie körperliche Attacken sind verschiedenen Erfahrungsberichten nach geradezu an der Tagesordnung. Die oft unterbesetzten und überarbeiteten Sozialarbeiter haben bei der Fülle an Menschen wenig Chancen, überall durchgreifen zu können und schützend entgegenzuwirken. Ein wertvoller Ansatz könnten hier durchaus geschlechtergetrennte Angebote sein, von denen verschiedene kleinere Modelle bereits gut funktionieren, doch um diese im großen Rahmen durchzusetzen, fehlen sowohl finanzielle als auch personelle Mittel. Hinzu kommt gerade bei minderjährigen Wohnungslosen die permanente Angst aufgegriffen und den Eltern oder Erziehungsberechtigten wieder ausgehändigt zu werden, weshalb öffentliche Hilfseinrichtungen oftmals gemieden werden.

Wer sind diese Menschen?

Eine Zielgruppe, die überdurchschnittlich häufig von Wohnungslosigkeit bedroht ist, umschließt Menschen, die ihr Leben lang am gesellschaftlichen Abgrund standen, nicht selten gebrochene Biografien und lückenhafte Lebensläufe haben. Bei ihnen trifft trauriger Weise oft die sich selbst erfüllende Prophezeiung zu. Von Klein auf gelernt zu haben, nichts wert zu sein, nichts zu können und nichts je zu erreichen führt bei Vielen zu einer Art Resignation und erlernter Hilflosigkeit, sie ergeben sich ihrem Schicksal und rutschen immer weiter ab, weil sie es nie anders gezeigt bekommen haben. Wen man außerdem noch häufig auf der Straße antrifft, sind junge Erwachsene, zu früh und zu schnell aus Jugendhilfeeinrichtungen oder Ähnlichem in die Verselbstständigung entlassen worden, welche mit der plötzlichen neu gewonnen Freiheit nicht umgehen können, zu wenig Unterstützung erhalten und zurück in alte Verhaltensmuster fallen.

Ausländische Obdachlose

Auffällig sei laut den erhobenen Werten der rasante Anstieg von EU-Ausländern unter den von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffenen Personen. Häufig, jedoch nicht immer sind hierbei Sinti und Roma betroffen, eine gesellschaftliche Randgruppe die kaum wahrgenommen wird. Gerade bei ausländischen Obdachlosen kommt noch die Sprachbarriere sowie wenig bis keine Aufklärung über mögliche HIlfe als immenses Problem hinzu. Niederschwellige Hilfseinrichtungen sind meist leicht und unbürokratisch zu erreichen, doch was hilft das, wenn Viele nicht einmal von deren Existenz wissen, da es in den Herkunftsländern nichts Vergleichbares gegeben hat? Andere finanzielle Hilfe zu bekommen ist außerdem in Deutschland zwar möglich, jedoch ein selbst für deutschsprachige Menschen immens schwer zu bewältigender Bürokratie-Aufwand, welcher von nicht-deutschsprachigen Menschen mit womöglich auch noch niedrigem Bildungsstand nahezu nicht zu bearbeiten ist ohne Hilfe.

Die Polizei, nicht immer Freund und Helfer

Ein weiteres Problem mit welchem sich viele wohnungs- und primär obdachlose Menschen konfrontiert sehen ist sehr schwerwiegender Art. Häufig, so die Erfahrungen der verschiedenen Betroffenen, sei man als auf der Straße lebender Mensch mehr oder weniger vogelfrei für die Gesellschaft und immens hoher Gefahr ausgesetzt, Opfer von Straftaten zu werden, so wie einige traurige Beispiele belegen. Zusätzlich belastend ist hierbei noch der Fakt, dass diesen Opfern die Polizei oftmals nicht als schützende Instanz erscheint sondern eher als zusätzliche Gefahr. Minderjährige Obdachlose schweigen aus Angst, von der Polizei zurück in die Familien geschickt zu werden, eventuell illegal eingewanderte Menschen müssen fürchten, abgeschoben zu werden. Hinzu kommt das oftmals nicht sehr freundliche Auftreten der Polizei den Obdachlosen gegenüber, was sich selbstverständlich äußerst kontraproduktiv auf das gegenseitige Vertrauensverhäktnis auswirkt. Des weiteren sind einige (nicht alle!) Obdachlose aufgrund schwieriger Umstände unbeabsichtigt in die Illegalität abgerutscht indem sie Lebensmittel klauen, sich bereits als Minderjährige prostituieren, mit Drogen dealen oder Ähnliches tun um sich ihr tägliches Überleben sichern zu können. Dies erschwert einen positiven und unbelasteten Kontakt zur Polizei, deren Schutz gerade im Bezug auf so ausgelieferte Randgruppen dringend nötig wäre.

Was tun?

Hilfsansätze gibt es mehr als genug: Städte und Länder sollen privaten Wohnraum ankaufen und bezahlbar zur Verfügung stellen, Quoten für Vermieter, welche an Wohnungslose vermieten, mehr niederschwellige Hilfsangebote, besser geschulte Polizisten, geschlechtersensible Betreuung… Die Liste nimmt und nimmt kein Ende. Das einzige was all diese vielfältigen Hilfsansätze gemein haben ist das Problem der Finanzierung. Wer also wirklich etwas tun will, sollte sich mit Spenden nicht zurückhalten, wobei auch Sachspenden immer gern gesehen sind und manchmal schon ein Paar weicher Stricksocken einem Menschen zu einem besseren Leben verhelfen kann. Auch Unterstützung, beispielsweise als ehrenamtlicher Helfer in der Suppenküche oder dem Kältebuss, bedeutet eine große Entlastung der hauptamtlichen Mitarbeiter.
Schaut nicht weg
Neben materieller, finanzieller oder personeller Unterstützung kann man jedoch auch einfach hin und wieder grüßen, nett lächeln, sich ein paar Minuten Zeit nehmen und sein Gegenüber behandeln wie einen Menschen. Manchmal sind es diese kleinen Gesten, die bereits ausreichen, jemanden daran zu erinnern, nicht für alle unsichtbar zu sein. Gesehen und gehört zu werden, auch wenn es viel zu oft nicht den Anschein hat.

Quellen:

https://www.bagw.de/de/themen/zahl_der_wohnungslosen/index.html
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-11/wohnungslosigkeit-obdachlose-fluechtlinge-armut

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