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Mensch & Zeugs

Mühelos, Wahllos, Dreist. Meine Erfahrungen mit Online Dating

Hey na“ – Kreative Nachrichten wie diese erreichen mich mehrmals täglich, seit ich mich auf einer Online-Dating-Plattform angemeldet habe. Dabei war meine größte Befürchtung zu Beginn, mit Fotografien diverser männlicher Prachtstücke überhäuft zu werden, doch in der Hinsicht wurde ich enttäuscht. Kein einziger Mann machte sich bis jetzt die Mühe, sein Genital für mich abzulichten, wohl weil sich die meisten nicht einmal die Mühe machen, hinter ein kurzes „wie gehts“ (sic) ein Fragezeichen zu setzen.

Das echte Leben

Ich stelle mir vor, jemand würde sich an der Bushaltestelle oder im Café zu mir gesellen, mich gründlich von oben bis unten betrachten und mir dann ein lockeres „Hey na“ entgegen werfen.
Ich wüsste nicht, was ich darauf antworten sollte. „Selber na“? Abgesehen davon, dass es keinerlei Grundlage für ein Gespräch gibt, lässt es auch nicht erahnen, weshalb dieser jemand gerade mit mir in Kontakt tritt. Man könnte sich natürlich so einiges denken, aber wäre es nicht schöner, sich zumindest einen ganzen Satz abzuringen, der das Interesse am anderen Menschen als Person erklärt?

Warum also ist diese Floskel, die man nicht einmal als Anmachspruch bezeichnen kann, so simpel und inhaltslos ist sie, beim Online Dating so extrem verbreitet? Wahrscheinlich liegt es daran, dass Menschen, die im echten Leben unterwegs sind, meistens mit irgendetwas beschäftigt sind, das nicht gerade mit Dating zu tun hat und man sich daher erst als der kostbaren Aufmerksamkeit würdig erweisen muss, wogegen man beim Online Dating eher davon ausgeht, dass das Gegenüber zu genau diesem Zweck hier ist und nur auf eine – irgendeine – Nachricht wartet.

Das Gespräch

Vielleicht habe ich mich von Disneyprinzessinnen blenden lassen, will gehörig umworben werden, doch es fühlt sich ein wenig an, als würden die Herren im Supermarkt durch die Regale schlendern und mit einem Handgriff (oder viel mehr einer kopierten Nachricht) alles in den Einkaufswagen werfen, was nicht gerade Grünkohl ist. Besonders wertgeschätzt fühle ich mich nicht, wenn das Gegenüber mir zum Kennenlernen ganze fünf inhaltslose Buchstaben anbietet.
Aber man soll das Buch nicht nach dem Cover beurteilen, also ließ ich mich am Anfang noch mit einem Vertrauensbonus auf solche Nachrichten ein. Bald lernte ich aber, dass Chats, die so inhaltslos beginnen, kaum eine Chance haben, im Laufe des Gesprächs noch interessanter und tiefgründiger zu werden.

Der Fairness halber gilt es zu erwähnen, dass nicht alle Männer diesen stumpfen, zweisilbigen Begrüßungs-„Satz“ wählen. Selten kam mir ein mehr oder weniger subtiles finanzielles Angebot unter, einmal die Chance auf eine kostenlose Kreuzfahrt, häufiger die Unterstellung, ich würde bestimmt sowieso nicht auf die Nachricht antworten, weil ich ein Fake-Profil sei (was natürlich die Chancen enorm steigert, dass ich Lust habe, auf die Nachricht zu antworten).


Manch einer gibt sich aber auch außerordentlich viel Mühe mit einem längeren Vorstellungstext und generischen Komplimenten, wobei ich mir nie sicher kein kann, ob er sich diesen Text wie bei einer Jobbewerbung einmal aus den Fingern gesogen hat und dann überall hin kopiert.

Die Selbstreflexion

„Schreib mich an, ich bin faul.“

Mit diesem Satz als Profilbeschreibung habe ich mein Recht zu Meckern eigentlich verwirkt. Dabei bin ich lange nicht die einzige Frau auf der Plattform, die sich gerne zurücklehnt und von den eintönigen bis absurden Anfragen verschiedenster Männer berieseln lässt, um den Großteil direkt abzulehnen. Diverse Profilbeschreibungen verweisen ohne Umschweife auf Instagram, fordern ganz unverblümt, dass der Mann sich bei der ersten Nachricht gefälligst ordentlich Mühe geben soll oder mindestens 1,85 m mit Bart sein muss.

Ganz unverständlich ist das Bedürfnis auszufiltern nicht, wenn man sich einmal als Frau auf einer solchen Plattform nach fünf Minuten aktiven Nutzens am nächsten Tag durch zwanzig neue Anfragen klicken darf. Nun bin ich diejenige, die durch Supermarktregale läuft und sich tausenden Dosenravioli der Marke „Hey na“ gegenüber sieht.

Daraus ergibt sich ein ewiger Teufelskreis. Mann gibt sich keine Mühe beim Schreiben, weil seine Nachricht sowieso keine Antwort bekommt. Frau antwortet nicht auf eine mühelos daher geschriebene Nachricht. Mann gibt sich noch weniger Mühe beim Schreiben. Frau antwortet erst recht nicht.

Die Lösung

Online Dating ist ein Spiegel der heutigen schnelllebigen und oberflächlichen Welt. Es ist unpersönlich und schürt Vorurteile. Menschen verstecken sich hinter generischen Profilen mit retuschierten Fotos und urteilen über das ihnen vorgelegte Datingmaterial aufgrund eines generischen Profils mit retuschierten Fotos.

Männer schreiben versteckt hinter einem Pseudonym mühelos und wahllos alles weibliche an, was ihnen der Algorithmus vor die Füße wirft, in der verzweifelten Hoffnung, dass eine dabei sein wird, die darauf anspringt.

Frauen ergötzen sich täglich an fremden Komplimenten und genießen es, sich ganz bequem aus den etlichen werbenden Verehrern den 1,85 m großen, bärtigen Fake herauszusuchen.

So einfach könnte man die Thematik mit einem Sündenbock abschließen. So einfach möchte ich es mir aber nicht machen. Schließlich habe ich mich selbst oft genug dabei ertappt, wie ich ziellos durch die Angebote geswiped und mir hier die roten Schuhe, da den Emoji im Namen, dort das gepiercte Ohrläppchen als Ausschlusskriterium zurecht gelegt habe. Ich kann nicht leugen, dass ich Teil meines eigenen Problems bin.

Lässt die Plattform keine andere Interaktion zu, als die unpersönliche, oberflächliche? Hat mich die Plattform damit zu dem gemacht, über das ich zuvor gelästert habe oder macht es mir die Plattform nur leichter als im normalen Leben, meiner insgeheimen Oberflächlichkeit freien Lauf zu lassen?
Letztendlich zwingt die Plattform selbst niemandem etwas auf. Ich entschied mich frei, sie zu nutzen und ich entschied mich frei, sie auf diese oberflächliche Art zu nutzen, genau wie jeder Mann, der mir schrieb, sich frei für sein „Hey na“ entschieden hat. Letztendlich sind wir, die Nutzer, das, was die Plattform ausmacht und es liegt an uns, wie wir sie nutzen.

Wer sich mit dieser Art des Online Dating nicht anfreunden kann, für den stehen auf dem Markt genügend Alternativen bereit, die beispielsweise Personen aufgrund angegebener Eigenschaften statt Fotos zusammenbringen oder nur einen Gesprächspartner pro Tag anbieten, um der Flut an Profilen entgegen zu wirken.

Oder man begibt sich auf das nächste Spiellevel und versucht es doch im guten alten echten Leben.

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