Momo – Das zeitlose Buch voller Zeit

Für Michael Endes Roman Momo muss man sich Zeit nehmen. Denn genau die spielt in dem Kinder- und Jugendbuch eine zentrale Rolle. Das Doodad-Magazine zeigt euch, warum man dieses Werk nicht leichtfertig als Kinderbuch abtun sollte und welche wichtige Botschaften es uns Menschen mitteilen möchte.

Nach gefühlten Stunden des Suchens fand ich es endlich. Das Buch hatte sich vor mir versteckt. Da war es also: Momo. Jetzt aber schnell, sonst fehlte mir wieder an allen Enden die Zeit. Ich blätterte die Seiten durch und landete irgendwann auf Seite 61: „Es gibt ein großes und doch alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber.“

Sie werden auch als Zeit-Diebe bezeichnet.

Zu Beginn des Buches macht der Leser erst einmal Bekanntschaft mit dem Amphitheater, welches am Rande einer kleinen Stadt liegt. Dort beginnt auch die Hauptgeschichte des Buches. Seitdem es seine glänzenden Tage hinter sich gebracht hat steht es nämlich verfallen, einsam und leer. Bis dort eines Tages das Straßenmädchen Momo auftaucht. Die Bewohner der angrenzenden Stadt sind selbstverständlich verwundert darüber. Doch sie heißen sie herzlich Willkommen und freuen sich trotz ihrer Armut sich um sie zu kümmern. Momo wird also oft von ihren neuen Freunden im Amphitheater besucht. Besonders gut versteht sie sich mit Beppo Straßenkehrer und Gigi Fremdenführer. Doch anders herum ist Momo selbst auch für die Stadtbewohner da, hat ein offenes Ohr für sie und hört ihnen bei ihren Problemen zu. Dies wird im weiteren Verlauf der Geschichte zu einer der entscheidenden Eigenschaften Momos, die ihr letztendlich dazu verhelfen ihre Freunde und alle anderen vor der drohenden Gefahr zu retten. Denn ohne große Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen schlichen sich die Grauen Männer in das Unterbewusstsein der Stadtbewohner. Diese zehren von der Zeit der Menschen, stehlen ihre Zeit um zu Leben. Daher werden sie auch als Zeit-Diebe bezeichnet. Die Stadt ist den schlimmsten Zuständen ausgesetzt. Insbesondere die Erwachsenen investieren ihre Zeit in Arbeit. Darüber hinaus vergessen sie ihre Kinder, die nun lediglich die Funktion des „Menschenmaterials“ der Zukunft erfüllen und in sogenannte „Kinder-Depots“ verfrachtet werden, in welchen sie praktisch auf das Arbeitsleben vorbereitet werden. Momo jedoch bemerkt die Veränderungen welche in ihrer Umgebung geschehen. Also beschließt sie ihren Freunden zu helfen und hört ihnen zu. Mit dem Zurückschenken der Zeit der Menschen werden die ‘Grauen Männer’ auf sie aufmerksam und lauern ihr auf. Durch die Schildkröte Kassiopeia gelangt sie so zu dem Verwalter der Zeit: Meister Secundus Minutius Hora. Mit seiner Hilfe gelingt es ihr letztendlich ihre Freunde und die anderen Menschen von den Grauen Männern zu befreien und ihnen ihre Zeit zurück zu schenken.

„Dieses Geheimnis ist die Zeit“

„Es gibt Kalender und Uhren um sie zu messen, aber… jeder weiß, dass einem eine Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Anblick vergehen…Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

Wenn man es sich recht überlegt ist diese Aussage die wirkliche Definition von Zeit. Diese Form von Zeit die man nicht auf die Sekunde genau bestimmen kann, da sie komplett subjektiv ist und immer anders von ihr ausgegangen wird. Es ist eher die Art und Weise wie wir leben und unsere Zeit verstreicht. Für den einen schneller, für den anderen langsamer. Genau dies ist ein Grund, weshalb Endes Roman Menschen verzaubert. Er berührt sie dort, wo ihre größten Träume, Wünsche und Sehnsüchte liegen. Und auch wie schnell wir durch das Bedürfnis diese zu erreichen im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit vergessen. Die Protagonistin Momo ist eher eine ruhige Person, die lieber anderen Menschen zuhört. Doch dies tut sie gerne und schenkt ihrem Gegenüber so ihre Zeit. Das ist wohl eine Gabe, die vielen Menschen unserer Zeit abhandengekommen ist. Denn wer wirklich ehrlich mit sich ist, da schließe ich mich nicht aus, wird feststellen, dass wir oftmals gedanklich abdriften. Vielleicht sind wir gestresst, überarbeitet oder müde. Oder wir haben selbst Probleme und anstehende Aufgaben. Es hat viele Gründe. Durch soziale Netzwerke und Medien kommt es meist überhaupt nicht zur direkten Kommunikation zwischen Menschen. Auch gemeinsame Essen bei Tisch werden durch den Arbeitsalltag zunehmend reduziert, was ungemein schade ist, da dem Menschen dabei so viel verloren geht. Was sind wir denn, wenn wir anderen kein offenes Ohr mehr schenken können?

Wir sind wandelnde überarbeitete Zombie-Wesen, die von einer Station zur nächsten hetzen. Momo selbst vergleicht Zeit mit Musik, die zwar immer da ist, aber man sie nicht immer hören kann. Auch die weiteren Charaktere in Momo wurden gut durchdacht und stehen alle in Zusammenhang mit dem besonderen Mädchen. Momos engste Freunde Beppo Straßenkehrer und Gigi Fremdenführer sind die Gegensätze in Person. Der alte Beppo ist die Art von Mensch, die mit der Zeit nicht sparte und auch seine Arbeit bewusst erledigte. Der jüngere Gigi hingegen, der den Touristen seiner Stadt die außergewöhnlichsten Geschichten auftischt, träumt davon so schnell wie möglich berühmt zu werden in Ruhm und Reichtum zu leben. Und dann wären da noch die grauen Herren als entscheidende Gegenspieler der Geschichte. Die sogenannten Zeitdiebe sind keine Menschen. Sie existieren nur, weil wir, also die Menschen im Buch ihre Existenz überhaupt zulassen. Sie ernähren sich wie bereits erwähnt von der Zeit des Menschen, die sie über den Rauch ihrer Zigarren zu sich nehmen, welche aus „Stundenblumen“ bestehen. Also werben sie unwissende Leute für ihre „Zeitsparkasse“ an und machen sie praktisch zu Kunden ihrer Bank. Nur ist die Währung eine entscheidend bedeutendere, und kostbarere als Geld. Sie agieren nur im Untergrund. Sobald sie ihr Ziel erreicht haben verschwinden sie aus den Köpfen der Menschen. Niemand außer Momo bemerkt überhaupt, dass es sie gibt. Sie sind so unscheinbar und transparent, und dennoch lenken sie fortan ihr gesamtes Leben. So wird das gemütliche Bistro des Stadtbewohner Ninos zum Beispiel zu „Ninos Schnellrestaurant“.
„Sie werden doch wissen, wie man Zeit spart! Sie müssen zum Beispiel schneller arbeiten und alles Überflüssige weglassen“

Dann geh doch zu Momo

Doch wozu spart man Zeit? Was erhofft man sich davon? Da es doch gerade die kleinen, in den Augen der Zeitdiebe überflüssigen Dinge sind, die das Leben schön machen. Die grauen Herren symbolisieren für mich die eingesparte Zeit in Person. Sie sind der graue, alltägliche Trott und Stress und die Zeit die wir uns nicht nehmen um uns nach unserem Gegenüber zu erkundigen. Außerhalb der Zeit Leben Meister Hora, der wie sein sprechender Name bereits verrät, Verwalter der Zeit zusammen mit seiner Schildkröte Kassiopeia ist, welche genau dreißig Minuten in die Zukunft sehen kann. Sie haben auch ein Auge auf die „Stundenblumen“ der Menschen. Somit wären die wichtigsten Figuren des Buches komplett: Momo, das Mädchen, das zuhören kann und Zeit schenkt, Beppo Straßenkehrer, der sich einfach Zeit nimmt für Dinge, die er tut, Gigi Fremdenführer, der mit seinen Gedanken auf die Zeit hin wartet, bis er reich und berühmt ist, die grauen Herren, die die Zeit der Menschen erschwindeln, und Meister Hora sowie Kassiopeia, die einfach außerhalb der Zeit leben. Und alle Charaktere stehen also alle wunderbar im direkten Zusammenhang mit der Zeit, die wie gesagt ein sehr wichtiger Teil des Romans ist.

Was generell noch zu dem Buch gesagt werden muss ist, das der Schreibstil Endes wie auch sein Witz einfach wundervoll zu lesen sind. So erfindet er Sprichwörter wie „Dann geh doch zu Momo“, lässt Meister Secundus Minutius Hora der lieben Momo geheimnisvolle Rätsel stellen oder benennt Kapitel des Romans mit Überschriften wie „Die Rechnung ist falsch und doch geht sie auf“. Auch gefällt mir der Appell an die Kinder sehr gut, nicht nur zuzuhören, sondern auch ihre Kreativität zu nutzen anstatt sich auf einseitig einsetzbare Roboter-Spielzeuge zu beschränken. Das Buch berührt und regt wirklich zum Nachdenken an. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein wirklich zeitloses Buch. Es ist ein Thema, das uns nie loslassen wird. Jeder Mensch verfügt über ein bestimmtes Kapital an Zeit. Wie man diese Zeit nutzt ist jedem selbst überlassen.

„Was die Menschen mit ihrer Zeit machen, darüber müssen sie selbst bestimmen“


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