Lieber arm dran als Arm ab!

Humorvoll und bildlich. Altmodisch und konservativ. Sprichwörter haben viele Seiten. Ein Essay.

Jeder ist seines Peches Schmied, obwohl die Pflaume nicht weit vom Strauch fällt und was Hänschen nicht lernt, lernt Paul nimmermehr. Da sollte Paul abwarten und Kaffee kochen, denn andere Mütter haben auch schöne Tanten, oder? Und auch ein taubes Huhn findet mal einen Apfel.

Sprichwörter scheinen oft so langweilig und altbacken, dass sie nach einem etwas „kreativeren“ Umgang geradezu schreiend verlangen. Viele Menschen benutzen Sprichwörter dann, wenn sie selber nichts mehr zu sagen haben und nicht mehr weiter wissen. Sprichwörter sind wie „Mini-Lebensratgeber“. Ein bisschen scheinen sie auch wie Zitate in einer wissenschaftlichen Arbeit. Man legitimiert seine eigenen Gedanken mit ihnen. Immer nach dem Motto: „Das ist eine allgemein anerkannte Wahrheit – sieh das auch so.“

Und oft passen sie zu bestimmten Situationen einfach „wie die Faust aufs Auge.“ Obwohl, heißt das eigentlich sie passen gut oder schlecht? Da scheiden sich die Geister und es wird ein Nachteil an Sprichwörtern deutlich: Sie sind zu beliebig. Binsenweisheiten, die alles und gleichzeitig nichts bedeuteten. Niemand will nach einer Trennung hören, dass andere Mütter ja auch schöne Töchter oder Söhne haben. Stattdessen erhofft sich der an Liebeskummererkrankte einen persönlichen Rat, etwas was speziell auf ihn oder sie zugeschnitten ist. Hier stoßen Sprichwörter an ihre Grenzen.
Wer gedankenlos ein Sprichwort nachplappert, spart sich die Mühe selbst denken zu müssen, Dinge zu hinterfragen und zu reflektieren: Blut ist eben dicker als Wasser und das Leben ist kein Wunschkonzert. So war es schon immer und so wird es auch bleiben. Und damit basta.

Sprichwörter sind also sozusagen ein konservativer, traditioneller Teil unserer Sprache. Aber wie das mit Tradition so ist: Sie repräsentiert eben auch die Kultur und somit die Menschen, die sie hervorgebracht haben.

Sprichwörter sind also ein bisschen wie die Creative Commons der Sprache.

Besonders beliebte Protagonisten in Redewendungen sind Tiere. Nur frühe Vögel fangen angeblich Würmer und geschenkten Gäulen sollte man nicht in ihre Mäuler schauen. Natürlich geht es eigentlich um die menschliche Gesellschaft, aber vielleicht machen die tierischen Metaphern alles etwas harmloser. Niemand fühlt sich direkt angesprochen, aber doch alle irgendwie. Und auch jeder kann sie benutzen. Anders als bei richtigen Zitaten ist nicht sofort der Urheber präsent, denn bei einem wahren Sprichwort ist dieser unbekannt. Manchmal werden auch Zitate zu Sprichwörtern, indem sie so oft benutzt werden, dass ihr eigentlicher Kontext verblasst. Die Axt im Haus erspart den Zimmermann eben inzwischen auch ohne den Verweis auf Schillers apfelschießwütiges Drama. Sprichwörter sind also ein bisschen wie die Creative Commons der Sprache: Jeder darf sie benutzen und niemand erhebt ein Recht auf sie. Sie sind für alle da.

Der Wert eines Pferdes wird beim Kauf durch die Überprüfung des Gebisses festgestellt. Daher kommt die Redewendung: „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.“ Doch neunzig Prozent derer, die diese Redewendungen benutzen, haben mit Pferdehandel ungefähr so viel am Hut wie Donald Trump mit Mexikanern. Trotzdem verstehen alle, was gemeint ist. Irgendjemand muss also irgendwann auf die Idee gekommen sein, diesen Satz auch irgendwo anders als auf dem Pferdemarkt zu benutzen. Wer das war, darüber können wir nur rätseln. Jedenfalls gab es dieses Sprichwort schon im Lateinischen, und Kirchenvater Hieronymus benutzte es wahrscheinlich in einem Bibelkommentar, weswegen heute in vielen europäischen Sprachen ähnliche Versionen existieren. So wurde gewissermaßen mit dem Sprichwort auch ein Wissen über Pferde und Pferdehandel bewahrt zusätzlich zu der Wertvorstellung, Geschenke nicht zu hinterfragen. Eine erstaunliche Leistung für so einen kleinen Satz!

Eben jene Redewendungen mit Tieren sind unglaublich bildlich. Hier liegt der große Vorteil der Sprichwörter, ihr Zacken in der Krone, ihr begrabener Hund, wenn man so will: Sprichwörter zeigen uns, wie kreativ wir alle mit Sprache umgehen können. Jeder von uns kann neue Sprichwörter erfinden und es gibt meiner Meinung nach einfach viel zu wenig moderne Sprichwörter. Hier ein paar Vorschläge. „Nicht jedes Instagram-Profil, das glänzt, ist Gold.“ „Das Apple fällt nicht weit vom Vorgängermodell.“ „Selfies machen und Bubble-Tea trinken.“


Join the Conversation