Katastrophenfilme der 70er

Warum nur sind wir heute noch so fasziniert von den Katastrophenfilmen der 70er Jahre? Schon die Titel lesen sich aus heutiger Sicht sensationsheischend, durchschaubar und irgendwie amüsant und die Filme wirken konstruiert, wenig glaubwürdig und punkten lediglich durch unfreiwillige Komik. Tatsächlich jedoch steckt hinter den Filmen eine reaktionäre Geisteshaltung, die wenig amüsant ist und unter Trump eine unheimliche Renaissance erlebt.

New Hollywood

Denkt man an das Kino der 70er Jahre, kommen einem unwillkürlich erstmal die großartigen Filme des New Hollywood in den Sinn: anspruchsvolles Kino mit filmischen Experimenten. Häufig wurden gegenkulturelle und gesellschaftskritische Themen aufgegriffen. Der Protagonist ist Einzelgänger und Außenseiter der Gesellschaft, ein Happy End nicht in Sicht und auch die musikalische Einrahmung widerstrebt Mainstream und Popkultur und entspricht so der unglamourösen Ästhetik und Stimmung der Filme: The Doors, Steppenwolf, Simon and Garfunkel oder Bob Dylan sorgen für authentische Untermalung.

Der Regisseur wurde nach europäischem Vorbild zum „Auteur“ und Namen wie Roman Polanski, Francis Ford Copolla oder Martin Scorsese besitzen noch heute Kultstatus. Die Filme des New Hollywood entstammen verschiedenen Genres: George A. Romeros „Night of the Living Dead“ (1969), William Friedkins „Der Exorzist“ (1971) und Roman Polanskis „Rosmarys Baby“ (1968) sind den Horrorgenre anzurechnen, Stanley Kubricks „2001 Odyssee im Weltraum“ (1968) und Ridley Scotts „Alien“ (1978) dem Science Fiction. Aber auch der Kriminalfilm („China Town“, „Der Pate“), der Western („Little Big Man“) und die gesellschaftskritische Komödie („Großstadtneurotiker“) gehören zum New Hollywood.

Gesellschaftliche Missstände im Spiegel der Filmproduktion

Bei aller Unterschiedlichkeit ist diesen Filmen gemeinsam, dass sie neben der unglamourösen, experimentellen und individuellen Ästhetik sowie der dichten Atmosphäre ins Psychologische greifen. Sie deuten in ihrer melancholischen, manchmal gar depressiven Grundstimmung auf gesellschaftliche Missstände hin und spiegeln so das Amerika der 70er Jahre, welches sich – oftmals unter dem Deckmäntelchen spießiger Sonntags- und Familienidylle verborgen und unausgesprochen – ernsthaften Problemen gegenübersah. Die Folgen des Vietnamkriegs, Rassenunruhen, Drogensucht und Verunsicherung des politischen und wirtschaftlichen Systems brechen hier auf und werden offenbar. Das Vertrauen in das politische und gesellschaftliche System schien verloren und die Hoffnung und der Glauben der Hippies, eine neue und bessere Welt erschaffen zu können, war gescheitert.

In ästhetisierender, manchmal verstörender und atmosphärischer Weise wurde der zeitgenössischen Gesellschaft ein Spiegel vorgehalten, manchmal symbolisch verschlüsselt oder überhöht.

Kino als Eskapismus

Was war aus der goldenen Ära des Kinos geworden mit Traumpaaren wie Doris Day und Rock Hudson, mit echten Helden wie John Wayne und unterhaltsamen Musical Einlagen wie die von Fred Astaire? Das Bedürfnis nach diesen eskapistischen Mechanismen und damit dem Leugnen der gesellschaftlichen Realität war nach wie vor vorhanden. Lösung bot der Katastrophenfilm.

Gestrickt waren diese Filme nach immer demselben Muster: eine Gruppe von Menschen muss sich angesichts einer Katastrophe behaupten und ein normaler amerikanischer Bürger wächst über sich hinaus und erweist sich als Held, der die anderen aus der ausweglos scheinenden Situation rettet. Dabei ist es egal, ob es sich um einen Flugzeugabsturz oder ein brennendes Hochhaus oder eine Naturkatastophe handelt. Die Figuren sind als Stereotype angelegt, die Special Effects befriedigen die Sensationsgier des Publikums, das Happy End und der amerikanische Held haben restaurative Funktion und bestärken den (wie gesagt erschütterten) Glauben in die amerikanische Gesellschaft und ihre Werte. Dies wird auch dadurch unterstützt, dass Zweifler, Kritiker des Systems oder gegen die typischen bürgerlichen Werte verstoßenden Charaktere im Laufe des Filmes einen grauenvollen Tod sterben müssen.

Die Filme trugen sensationsträchtige Titel wie „Flammendes Inferno“, „Höllenfahrt des Poseidon“ oder „Erdbeben“ und wurden in traditioneller Hollywood Manier dem Kino des New Hollywood entgegen gesetzt.

Kommerzieller Erfolg

Der Siegeszug der Katastrophenfilme begann bereits 1970 mit „Airport“ und zog eine ganze Reihe von Filmen mit Flugzeugkatastrophen nach sich. Nach und nach folgten Variationen des Katastrophenthemas wie das bereits genannte „Flammende Inferno“ von 1974, welches einen Hochhausbrand thematisierte oder verunglückte Schiffe, Stürme oder Überschwemmungen.

Mit hohen Kosten, aufwändigen neuen Techniken wie dem Dolby Surround Sound System und einem Staraufgebot avancierten die Filme zu Kassenschlagern und Publikumsmagneten. Uns mag es heute befremdlich erscheinen, warum viele Zuschauer solchen Filmen den Vorzug vor den Filmen des New Hollywood geben konnten. Wir fühlen uns regelrecht veräppelt von platter Story, der stereotypen Charakterisierung in immer wieder kehrender und somit voraussehbarer Storyline. Der heutige Zuschauer ist abgestoßen von der Sensationsgier und gleichsam seltsam fasziniert von der Wirkungsmacht der Bilder, dem naiven Glauben an den amerikanischen Helden und der Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung. Und genau hierin liegt wohl der Erfolg der Filme bei den Zeitgenossen, die fiktive Katastrophe blendet die reale, echte gesellschaftliche Katastrophe aus und legt darüber das Deckmäntelchen einer am Ende doch obsiegenden schönen heilen Welt.


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