In der Entfernung wird alles Poesie – ferne Menschen, ferne Berge, ferne Begebenheiten

Beim Begriff „Romantik“ denken viele an Candlelight-Dinner, kitschige Sonnenuntergänge oder Strandlandschaften mit Palmen. Dass diese Bilder sich mit unserer Vorstellung einer romantischen Zweisamkeit vereinen ergibt sich aus dem alltäglichen Sprachgebrauch. Mit der Epoche der Romantik, hat dieses Verständnis des Wortes allerdings nichts zu tun. Die Romantik ist kulturhistorisch eine der bewegendsten und fantasievollsten Kunstrichtungen. Sie läutet die Moderne ein und bildet eine umfassende Umwälzung des Denkens, gesellschaftlicher Veränderungen und unserer Auffassung von Kunst ab.

Die Romantik – Sehnsucht nach dem Ungreifbaren

Tatsächlich leitet sich der Epochenbegriff vom Wort „Roman“ oder auch „Romanze“ ab, womit im 19. Jahrhundert eine romanhafte sprich erdachte Erzählung bezeichnet war. Entsprechend verwendeten die Romantiker selbst „romantisch“ als Synonym für eine bestimmte Geisteshaltung, welche das phantastische, märchenhafte, unbestimmte, offene und zweideutige bevorzugte.

Die Romantik ist somit als Gegenbewegung gegen den Klassizismus zu betrachten, der sich durch die Betonung der Ratio, der Ordnung, des Geschlossenen und Festgefügten auszeichnete. Gleichsam stellt die Romantik aber auch eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit dar: das Zerbrechen der Ständegesellschaft, die den Menschen bislang einen Platz in der Welt zugesichert hatte, das Aufstreben des Bürgertums als neue Schicht, das Untergraben der Wert- und Weltordnung durch Aufklärung und Wissenschaften lösten gleichsam das Gefühl aus, in einer Zeit zu leben die in Auflösung begriffen ist.

Entsprechend regte sich sowohl das Bedürfnis nach einer Verzauberung der Welt, einer neuen Sinngebung und Zielsetzung. Das wehmütige Gefühl etwas verloren zu haben und das gleichzeitige Verlangen etwas Neues zu finden, dass an die Stelle des Alten tritt ist ein Grundzug, der sich durch romantische Dichtung, Kunst, Musik und Philosophie zieht. Es ist das Motiv der Sehnsucht, poetisch in den Worten der Romantiker ausgedrückt: die Suche nach der blauen Blume.

Die Romantik ist außerdem die Epoche mit der die Moderne eröffnet wird und zwar mit einem Paukenschlag. Sie ist die Befreiung der Kunst von Grenzen, Regeln und Vorschriften. Der Künstler ist nicht mehr Ausführender seiner Auftraggeber, sondern wird zum Kreativen, der aus sich selbst schöpft. Die Romantik ist eine Zeit in welcher der Mensch zum Individuum wird, sich aus dem Ständesystem befreit und sich somit auf die Suche nach sich selbst, seiner Sinngebung und seinem Platz im Leben macht. Scheinbar unendliche Freiheit der Persönlichkeitsentwicklung, Euphorie und Utopie gehen Hand in Hand mit düsteren Visionen, einer psychologischen Durchdringung der dunklen Seite der Seele und Vereinzelung, dem Gefühl des Verlorenseins.

Stil und Motive

Entsprechend individuell ist die Stilbildung und Formensprache romantischer Künstler. Sie schaffen nicht mehr nach Vorgaben und Wünschen der Auftraggeber, sondern schöpfen aus sich selbst heraus. Die Motive spiegeln seelische Vorgänge: hochaufragende gotische Metropolen, mittelalterliche Visionen, aber auch Ruinen, Katastrophenbilder und düstere Landschaften finden sich. So gibt es keinen einheitlichen romantischen Stil, auch die Motive variieren.

Es ist die Geisteshaltung, welche Kunst, Musik und Literatur der Romantik eint. Charakteristisch ist eine Faszination für das Ferne, Ungreifbare und Unbegreifliche. Das Offene und damit der Begriff der Freiheit ist ein Charakteristikum romantischer Kunst. Entsprechend werden sowohl in Musik, Literatur und Malerei akademische Regeln und Gesetzmäßigkeiten gebrochen. Es tritt an die Stelle eines vorgefertigten Formenkanons eine individuelle und oft fantasievolle Umsetzung.

Novalis formuliert das Prinzip romantischen Denkens und Schaffens folgendermaßen: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

Die bislang von der akademischen Kunst als minderwertige Gattung klassifizierte Landschaft wird zu einem der Hauptthema der Zeit. Neben Landschaft treten Märchen und Sagen, das Mittelalter sowie Katastrophen- und Schicksalsbilder.

Die Landschaft als Gotteserlebnis und Spiegel der Seele

Inspiration findet sich in der Landschaft, vor allem in der erhabenen Landschaft, die in ihrer Großartigkeit dem Menschen seine eigene Vergänglichkeit bewusstmacht und ihn so zum Erschauern bringt. Entsprechend haben die Künstler eine Vorliebe für die norwegische und nordische Landschaft entwickelt: Hochmoore, Wasserfälle, dunkle Wälder, Gebirgslandschaften, gerne auch mit gotischen Ruinen und anderen Spuren der Vergangenheit erfüllt, sind beliebte Motive. Sie lösen die bislang in der Kunst vorherrschende arkadische Landschaft ab, für welche die italienische Campagna Vorbild war und die mit goldenem Licht und weichem Laub, sanften Hügeln und antiken Tempelchen nicht nur auf Bildern dargestellt wurde, sondern auch in Form von Gartenkunst Verbreitung fand.

Einer der bekanntesten Vertreter der deutschen Frühromantik, Caspar David Friedrich zeigt diesen Prototyp der romantischen Landschaft in seinem „Wanderer über dem Nebelmeer“ in der Hamburger Kunsthalle. Die Landschaft ist im Nebel versunken, ungreifbar und in die Ferne gerückt. Doch ist sie dem Betrachter, der durch die Rückenfigur seltsam verdoppelt schein sehnsüchtig verbunden: wir treten durch diese gleichsam ins Bild, sehen uns der Landschaft gegenüber, jedoch wird im selben Moment der Ausblick durch eben jene Identifikationsfigur versperrt. Die Ambivalenz von Nähe und Ferne, von Hingezogen sein und Nicht-erreichen-können ist typisch für die Romantik. Ebenso wie das fließen der Linien über die Grenzen des Bildes hinweg: die Landschaft ist nicht gerahmt oder begrenzt, sondern breitet sich in die Unendlichkeit aus. Durch die Unbestimmtheit, den Nebel und die Ferne erlangt die Landschaft eine Verzauberung und verzaubert gleichsam den Betrachter.

Hier begegnet der Mensch im Verständnis der romantischen Naturphilosophie nicht Gott, aber den Spuren des Göttlichen in der Welt. Angesichts der Großartigkeit der Natur fühlt der Mensch seine Vergänglichkeit und Nichtigkeit und ihm wird die Größe und existentielle Weite der Natur bewusst.

Psychologische Themen

Die Romantik hat auch eine Vorliebe für psychologische Themen. Nicht nur wird die Landschaft zum Spiegel der Seele und von Stimmungen. Vor allem in der Literatur werden Ängste, Bedürfnisse und das Unbewusste thematisiert. Schriftsteller wie Edgar Allan Poe oder E. T. A. Hoffmann erzählen nicht nur schön schaurige Geschichten, sondern bilden seelische Prozesse ab, die sie in ausdrucksstarke Bilder kleiden. So begegnet Medardus in den Elexiren des Teufels seinem Doppelgänger, der letztendlich die verdrängten und unbewussten Teile der eigenen Psyche repräsentiert. In Poes Untergang des Hauses Usher wird das Haus zum Sinnbild der menschlichen Seele. Damit werden menschliche Bedürfnisse aufgezeigt und Ängste und Unsicherheiten thematisiert.

Auch der Menschen als Einzelwesen im Angesicht eines Schicksalsschlages wird zum Thema von Literatur und Kunst. Die Reaktion des Einzelnen auf eine existentielle Situation wird verarbeitet und gleichsam auf das Grundthema der Zeit hingewiesen: Vereinzelung und Verlorensein. Der Mensch steht als Individuum im Angesicht des Universellen, kein rettender Gott zeigt sich hier.

Erschaffung von Traumwelten – Mittelaltersehnsucht

Um zu wissen, wer wir sind und wo wir hingehören, müssen wir danach forschen woher wir kommen. Dem Gefühl der Vereinzelung entspringt zeitlich und örtlich die Sehnsucht nach einem Ort, an den wir gehören. Entsprechend entwickelten die Romantiker ein Interesse und eine Vorliebe für vergangene Zeiten. Sie erforschten das Mittelalter und sammelten Märchen und Volksbräuche. Dies hielten sie in Erzählungen, Kunstmärchen aber auch auf Gemälden fest. In einer Zeit der Verunsicherung wurden somit Welten geschaffen, die den Menschen einen Halt verschafften, märchenhafte Idyllen, in welche man sich hineinträumen konnte, die die eigene Welt verzauberten.

Gleichsam finden wir in der Innenausstattung die Erschaffung von Traumwelten. Nach den bescheidenen, gemütlichen Gestaltung des eigenen Hauses, erstmals mit Zimmerpflanzen und Vögeln im Biedermeier wird in der Spätromantik alles pompöser, großartiger und überdimensioniert: Im Historismus, einer Stilrichtung der Architektur und des Designs werden inspiriert von vergangenen Epochen theaterhafte Raumfluchten geschaffen, die gleichsam die Wirklichkeit ausschließen, dieselbe jedoch im Interesse an vergangenen Zeiten und der Auseinandersetzung im Sinne einer Identitätsfindung auch widerspiegeln. Eines der bekanntesten und sicherlich auch spektakulärsten Gebäude des Historismus ist das Schloss Neuschwanstein, welches König Ludwig II von Bayern zwischen 1869 und 1886 erbauen ließ und das auch dem Märchenschloss in Disneyland zum Vorbild diente. Im Schloss Neuschwanstein findet sich unter anderem eine künstliche Grotte mit künstlichem See, einem Schwanenboot und wechselnd farbiger Beleuchtung.


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