Idylle aus Cellophan

Die knisternde Plastikfolie der Verpackung abziehen, die kleinen Papierschildchen abtrennen, der leichte Duft von Weichmachern und Appretur, und dann kommt das Allerbeste, der Moment, in dem der Karton geöffnet wird.

Jagdfieber

Es ist so befriedigend, etwas Neues auszupacken, es anzufassen und zu bewundern, man fühlt sich an die Freude erinnert, die man als Kind unterm Christbaum empfand, oder an Geburtstagen. Für einige Minuten oder Stunden ist man mit sich selbst und der Welt im Reinen. Dieses wilde Verlangen nach etwas Neuem, es stellt sich leider zu schnell wieder ein, man ist nur kurz mit dem Erworbenen zufrieden. Wenn das Wohlgefühl nach dem Erjagen und Erlegen der begehrten Beute verschwunden ist, bleibt einem nichts außer einem Gegenstand, den man kaum benötigt hat, der jetzt aber vorwurfsvoll im Schrank hängt oder in der Schublade klemmt.

Trotzdem stürzen wir uns dann gleich wieder auf ein neues Objekt der Begierde, wenn sich in jeder Saison, also viermal im Jahr, die Mode ändert. Da es inzwischen sogar Zwischenzwischensaisons gibt, liegt die Ware in den meisten Geschäften nur wenige Wochen aus, bevor sie dann wieder gegen neue ausgetauscht wird. Da ergibt sich sehr oft die Gelegenheit, auf die Pirsch zu gehen und der Verlockung nachzugeben.

Obsoleszenz

Mithin entkommt man den neuen Dingen gar nicht mehr, wenn man zurechtkommen will. Technische Geräte veralten immer schneller, so dass sie mit anderen, neueren nicht mehr kompatibel sind. Kleidung und Haushaltsgeräte werden in einer Qualität hergestellt, die unweigerlich nach kurzer Zeit ein Ende der Lebensdauer bedeutet. Das muss nicht einmal der vielgerühmte programmierte Tod sein, aber wozu sollte man durch aufwändige Herstellungsverfahren und teure Grundstoffe etwas herstellen, das schon nach wenigen Monaten aus der Mode kommt und entsorgt wird. Es ist ein Teufelskreis – gesellschaftlich gewollte ständige Veränderung, kurze Intervalle für Trends, minderwertige Rohstoffe und nachlässige Herstellungsprozesse lassen das Karussell immer schneller drehen.

Es heißt, Konsum befeuert die Wirtschaft. Dann wäre unser Wohlergehen nicht nur abhängig vom kurzen Moment der Freude über neu Erworbenes, sondern wir wären geradezu gesellschaftlich verpflichtet, uns immer wieder zu erneuern. Denn die Gier nach Neuem bedeutet nicht nur jedes Jahr neue Möbel. Sie bemächtigt sich auf ganz andere Art unseres Lebens.

Im Kleinen fängt es mit der monatlich wechselnden Haarfarbe an. Wozu akzeptieren, was wir von der Natur mitbekommen haben? Neue Haare, andere Augenfarbe oder noch besser, gleich ein neuer Hintern oder neue Brüste. Das Fitnessstudio ermöglicht es uns, ständig neue Körperstellen zu optimieren, immer besser, und nach Möglichkeit immer jünger statt immer älter zu werden.

Jungbrunnen

Überhaupt, die Jugend. Sie hält länger als früher und soll nach Möglichkeit für immer bleiben. Maximal glatte Muskeln an einem Körper, der sich gerade am Übergang zur Pubertät befindet, das ist das Ideal, dem alle nacheifern. Von jeder Plakatwand lächeln uns strahlend weiße Zähne an, die gerade aus dem Kiefer geschossen scheinen. Die Haut so zart retuschiert, dass ein wirkliches Baby daneben wie ein Greis wirkt. Durch Enthaarung oder plastische Chirurgie können selbst Geschlechtsteile so frisch und jung wirken, als wären sie gerade erst der Kindheit entwachsen. Dabei befinden wir uns in einem seltsam zeitlosen Zustand, in dem Kindheit und sexuelle Reife gleichsam parallel koexistieren.

Wobei, der Sex passt sich dem Wunsch nach immer Neuem auch an. Die meisten leben in „serieller Monogamie“ – wenn die alte Partnerschaft langweilt, legt man sich flugs eine Neue zu, damit man wieder den Kitzel verspürt. Den Kitzel frischer Leidenschaft, dann den Beginn eines neuen Zusammenlebens, so lange, bis man sich wieder auseinanderlebt. Wenn das Flattern der Schmetterlinge leiser wird, ist es Zeit, sich nach was Neuem umzusehen.

Dann sitzen faltenlose Pärchen in Wohnzimmern mit strahlend weißen Wänden auf Sofas aus zartem, hellem Wildlederimitat. Ihre hochglanzlackierten Küchen glänzen fleckenlos mit den Oberflächen der neuesten Bildschirme um die Wette. Pastellfarbene Blüten, Kissen, Vorhänge, von allem lieber weniger als mehr, und schon sieht das Leben aus wie eine Fotostrecke aus „Schöner Wohnen“. Eine Idylle in Cellophan.

Alterserscheinungen

Das ist die Ästhetik des Neuen, des Reinen, Jungen, Frischen. Je unübersichtlicher die Welt wird, umso eher versuchen wir, zu einer Klarheit zurückzufinden, die uns abhandengekommen zu sein scheint. Dabei streben wir eine Perfektion an, die in der Realität niemals erreicht werden kann: die glänzende Küche bleibt nur bis zur ersten selbstgekochten Mahlzeit makellos, die weiße Hose verschmutzt, sobald wir uns mit ihr das erste Mal ins Gras setzen, der Duft des frisch ausgepackten Tablets verweht nur Minuten, nachdem die Schutzfolie vom Bildschirm gelöst ist. Unsere Haut wird unweigerlich erschlaffen, die Schönheit früher oder später vergehen, die Blüte verwelken.

Dieser Drang macht es uns unmöglich, ein nachhaltiges Leben zu führen. Je neuer, reiner und klarer die Dinge sind, die uns umgeben, je häufiger sie ersetzt werden, umso stärker sieht man den Zahn der Zeit an ihnen nagen. Dann müssen sie ersetzt werden, ein durchaus befriedigender Vorgang, der einem das Gefühl gibt, mit der neuen Einrichtung auch gleich ein neues Leben zu beginnen, alles Schlechte hinter sich zu lassen. Eine Illusion, die den Teufelskreis der Erneuerung immer schneller dreht.

Wer sich diesem Kreislauf entziehen möchte, stößt schnell an seine Grenzen. Bei technischen Geräten ist der Benutzer auf Kompatibilität mit neuester Technik angewiesen, um sie überhaupt benutzen zu können. Bekleidung und Möbel werden mittlerweile ohne Rücksicht auf ihre Haltbarkeit produziert, so dass selbst Reparaturen sinnlos werden. Vergleicht man alte, gebrauchte Gegenstände am Besten noch aus der Vorkriegszeit, mit heutigen merkt man den Unterschied. Auch wenn sie oberflächlich baugleich sind, merkt man schnell, dass die Alten immer noch tadellos ihren Dienst tun, während die Neuen schnell ihren Geist aufgeben.

Dies gilt nicht nur für Unbelebtes. Wenn man ständig von jugendlich wirkenden Menschen umgeben ist, wirkt jede Falte in einem Gesicht verwelkt und abstoßend, wo sie doch Zeugnis von gelebtem Leben ist. Um ewig jung zu bleiben, müsste man nicht nur sich selbst stets neu erschaffen, sondern auch die Menschen, mit denen man sich umgibt.

Handglanz

Das alles ist anstrengend, zeitraubend und im Grunde genommen vergeblich. Wer die ständige Jagd nach Neuem ruhen lässt, kann auf andere Weise Schönheit entdecken. Seit einiger Zeit bieten manche Hersteller Schuhe mit lebenslanger Garantie an. Wenn der Schuh beschädigt oder alt wird, soll er entweder repariert oder ersetzt werden. Wenn dann die Schuhe zu Hause neben einem ähnlichen Modell ohne Garantie stehen, merkt man, dass die Schuhe aus schwererem, dickerem Leder bestehen. Die Sohle ist steifer, wie auch die Schnürsenkel. Tatsächlich ist es ein anderer Schuh, dem die Leichtigkeit fehlt, der Zuwendung und Pflege braucht, bis er wirklich bequem sitzt. Im ersten Moment wirkt der Schuh klobig, doch wenn man ihm Zeit gibt, passt er sich an wie eine zweite Haut.

Ein Buch, dessen Seiten schon viele Finger geblättert haben, wetzt an den Kanten ab und wird weicher und glatter. Die Liebe der Leser lässt es lebendig werden. Altes Leder überzieht sich durch das Hautfett und die Pflege der Benutzer mit einer sanften Patina, einem Glanz, der künstlich kaum erreicht werden kann. Das Licht lässt altes Kiefernholz in einem unvergleichlich honigfarbenen Ton leuchten. Auch so verändert sich alles, aber auf eine stetige, langsame Weise, die statt sofortiger Befriedigung der Jagdlust eine wachsende Verbundenheit und Freude beim Betrachten und Berühren der Gegenstände bewirkt.

Eine Spielart dieses Vergnügens an Altem und Abgegriffenem bietet die traditionelle japanische Ästhetik. Aus einem Mangel geboren, wird hier das Alter und die Unvollkommenheit zur Kunstform erhoben. Ein alter Teekessel, durch Gebrauch geschwärzt, wird gerade wegen seiner Patina geschätzt, und nicht ihr zum Trotz. Tanizaki Junichiro beschreibt dies in seinem Essay „Lob des Schattens“ aus dem Jahr 1933 als einen Kontrast zur Ästhetik des Westens: „…es ist unser Schicksal, dass wir nun einmal Dinge mit Spuren von Menschenhänden, Lampenruß, Wind und Regen lieben oder auch daran erinnernde Farbtönungen und Lichteinwirkungen.“

Für diese Qualität des Gebrauchten gibt es im japanischen einen eigenen Begriff: „nare“, das „Abgegriffensein“. Es beschreibt die Eigenschaft eines Gegenstandes, auf dem sich die Spuren vieler Hände und häufiger oder langer Nutzung finden. Dies mag ein Türknauf sein oder ein Treppengeländer, eine Holzschale oder ein Pfannenstiel – allein durch die Nutzung und ihre Auswirkung entsteht dem Gegenstand ein eigener Wert. Besonders stark tritt diese Eigenschaft bei Gegenständen aus Holz oder Leder hervor, deren poröse Oberfläche Schweiß und Fett besonders leicht annimmt und sich dadurch verwandelt, aus etwas Stumpfem, Mattem in etwas sanft Glänzendes.

Man stelle sich ein weiß gefliestes, helles europäisches Badezimmer vor. Die gesamte Einrichtung besteht aus weißem Porzellan oder Steingut, sie leuchtet hell und klar und zeigt stolz ihre makellose Reinheit. Jede Spur von Dreck würde sofort sichtbar und als störend empfunden werden. Ein traditionelles japanisches Badezimmer hingegen ist mit Holz eingerichtet, das altern darf. Die mit dem Alter deutlicher werdende Maserung des Holzes und seine Wärme erscheinen Tanizaki wertvoll genug, um dafür die unbestreitbaren hygienischen Qualitäten des weißen Porzellans zu opfern.

Ein Blick zurück, ein Blick nach vorne

Dieser besondere Wert des Alters an sich ist etwas, das uns abhandengekommen zu sein scheint. Auch wenn gebrauchte Gegenstände und Kleidung immer noch weitergegeben werden, so geschieht dies nur, wenn sie in einwandfreiem Zustand sind und zumindest neu wirken. Wer würde schon eine Pfanne kaufen, die durch eingebranntes Fett schwarz geworden ist, deren Stiel speckig glänzt? Dabei dient die schwarze Schicht auf der Pfanne als hervorragende Antihaftbeschichtung, ungiftig und haltbar, und sollte gepflegt werden.

Wie Fett in einer alten Pfanne, so lagern sich auch auf unserer Oberfläche, der Haut, unsere Erlebnisse und Gefühle ab. Diese Falten und Runzeln sollten wir im Alter eher stolz zeigen, denn verbergen, denn wir haben hart für sie gearbeitet. Statt uns in der Jugend die Haare Granny-grau zu färben, könnten wir dann in freudiger Erwartung den ersten grauen Haaren entgegensehen, die uns Hoffen und Bangen gebracht haben. Die Plagen des Alters lassen sich leichter ertragen, wenn man sie als „nare“ betrachtet, als sichtbares Zeichen für das, was wir erreicht haben.

Und wenn wir dann kurz vor dem Ende im Garten sitzen, auf dem Stuhl, den unser Großvater gezimmert hat und dem unser Enkel die Armlehne brach, können wir zufrieden lächeln. Der Kirschbaum, dem wir einst pflanzten, ist großgeworden und spendet uns jetzt Schatten, und um den Tisch scharen sich Freunde, die so lange zu uns hielten. Dann trinken wir Wein und erzählen von früher, und niemandem fällt das kleine Stück Plastikfolie auf, das von der Verpackung der neuen Schnabeltasse unter den Tisch gefallen ist.

 


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