Ich sehe was, das du nicht hörst – es schmeckt nach Leben.

Weil wir nicht immer alles erklären können, das wahr ist. Und weil das Herz mehr sieht, als unsere Augen jemals sehen werden. Eine Geschichte über den Klang der Stille und die Sicht des Herzens.

Die Vögel zwitscherten. Das Meer rauschte und die Wellen sprudelten die Hoffnung ans Ufer.

Die Hoffnung jenen Mannes, der an einem wunderbaren sonnigen und warmen Tag wie gewöhnlich im Sand gesessen hatte und den Blick über den Ozean schweifen lies. Für ihn jedoch waren es bloß stumme Klänge der Natur.

Noch nie hatte er das Meer rauschen gehört, den Wind durch die Palmblätter pfeifen hören oder das tobende Bellen einiger Straßenhunde, die jeden Tag am Strand miteinander spielten, wahrgenommen.

Er war taub. Er nahm das Leben auf seine Weise wahr.

So passierte es eines Morgens, als er wie gewohnt heißes Wasser für seinen Kaffee aufsetzte, und eine frische Kokosnuss zubereitete, dass einer der Straßenhunde sich in seine Räume verirrte. Da der Mann nichts hören konnte, hatte er ihn nicht bemerkt. Er drehte sich um mit einer Tasse Kaffee in der einen und einem Schälchen mit Kokosnuss Stücken in der anderen Hand, und fiel geradewegs auf die hölzernen Dielen seines Küchenbodens, als er über den kleinen Besucher stolperte.

Er stieß einen von Schmerz erfüllten Laut aus und rieb sich den Kopf, den er sich an einem seiner Holzschränke angestoßen hatte. Nicht sonderlich schlimm, doch es pochte.

Er blickte sich um und suchte nach dem Grund für seinen Sturz, doch konnte nichts finden. Er hatte lediglich kurz etwas Weiches an seinen Beinen gespürt. Als er die Kokosnuss vom Boden aufsammeln wollte, stellte er fest, dass diese verschwunden war.

Er stand auf, stellte den leeren Teller zurück in die Küche und ging hinaus auf seine Veranda.

Genüsslich schlürfte er einen Schluck seines brühwarmen Kaffees und blickte auf die unendliche blaue glitzernde Fläche, die sich vor seinem zu Hause erstreckte. Seine kleine Hütte lag direkt in der einsamen Bucht einer Insel im Osten des indischen Ozeans. Rechts von ihm standen zwei weitere bunt bemalte Hütten, die er gelegentlich für Urlauber vermietete, welche ihrem stressigen Alltag auf die Insel und in die Einsamkeit entfliehen wollten. So hatte auch er es getan. Nachdem er Jahre lang ein Hotel im Norden Thailands geleitet hatte, verspürte er eines Tages den Drang, dieses zu verkaufen und sich auf jener Insel abzusetzen und die Ruhe in sich einkehren zu lassen.

Das Leben genießen  – hatte er immer gesagt. Jeden einzelnen Moment.

Und auch wenn er von Geburt an niemals hatte hören können, so nahm er die Welt und das Leben um sich herum auf seine ganz besondere Art und Weise wahr. Er sah das Leben intensiver, als andere Menschen. Er schmeckte das Leben genüsslicher als alle anderen. Und wenn er etwas fühlte, dann tat er es, als wäre jede Muschel und jeder Stein ein zerbrechliches Unikat, das behutsam berührt werden musste, damit es nicht in all seiner Schönheit zerbrach.

Es lag bereits viele, viele Jahre zurück. Als jener Mann, der nun alleine auf einer Insel lebte, die Welt bereiste und all sein Geld, das er verdiente in die Schönheit der Kultur und des Lebens investierte. Er hatte das Herz Indiens gesehen, den Zauber Bhutan’s, war den Himalaya hinauf geklettert, hatte Sri Lankas Wellen geritten.

Er hatte nie gezögert, wenn ihm jemand ein Land schmackhaft gemacht hatte, kurz danach war er ans andere Ende der Welt geflogen um sich selbst zu überzeugen. Er war durch die Steppen Südafrikas gefahren, hatte in der Wüste Marokkos übernachtet und Europa mit einem alten holprigen Bus durchquert.

Er hatte sämtliche Nächte zum Tage und die Tage zu Nächten gemacht. In jener dieser Nächte wurde ihm das wertvollste Geschenk gegeben, das er sich je hätte erträumen lassen.

Sein Hinterkopf schmerzte und als er sich über die pochende Stelle rieb, bemerkte er, dass diese leicht blutete. Er ging hinein um aus einer Kommode Desinfektion und einen kleinen Verband zu suchen. Während er in einer der Schubladen kramte, fiel sein Blick auf ein in dunkles Teakholz gerahmtes Foto. Es war schon leicht vergilbt, doch würde er niemals das freudestrahlende Lächeln dieses zarten Gesichtes vergessen, welches ihm darauf entgegen strahlte.

Nie hatte er das Lachen seiner Tochter hören können. Immer nur hatte er sie mit den Augen fixiert und ihrer Stimme mit dem Herzen gelauscht.

Es kam jedoch der Tag, an dem sich sein Leben schlagartig verändern sollte. Der Tag, an dem er wie gewohnt auf einer kleinen verlassenen Insel den Morgen anbrach, und ohne es zu Hören den Klang eines ganz besonderen Herzens vernahm.

Es war das Schlagen eines Herzens, das er bis heute tief in seiner Seele verborgen hielt.

Das schlagende Herz eines Kindes. Seines Kindes.

Er war nur einen kurzen Moment lang unachtsam gewesen. Nur einen winzigen Moment. In diesem winzigen Moment wurde ihm klar, dass es die kleinsten Momente sind, die das Größte in uns bewirken können. Er war zu den Palmen gegangen, um sich und seiner Tochter eine frisch geschlagene Kokosnuss zu holen. Sie liebte den Geschmack, doch wie eine Kokosnuss aussah, das wusste sie nicht. Und würde sie niemals erfahren.

Und während er Schlag für Schlag die harte Schale einer Kokosnuss entfernte, ging seine kleine Tochter Schritt für Schritt näher ans Wasser heran. Er hatte es ihr immer verboten. Er hatte ihr klar gemacht, es sei zu gefährlich, sie solle immer auf ihn warten. An diesem Tage waren die Wellen besonders unruhig gewesen und das Meer hatte seine Wut schäumend ans Ufer getragen.

Sie hatte sich noch umgedreht, doch konnte sie ihren Vater nicht sehen. Schlag für Schlag. Schritt für Schritt. Das Klopfen eines kleinen besonderen Herzens. Verstummte. Und ihr Vater hatte es nicht gehört.

Jahre lang hatte er sich Vorwürfe gemacht. Er hätte aufpassen müssen. Hätte sie niemals aus den Augen lassen dürfen.

Denn seine Augen waren ihre Augen gewesen. Er hatte seine kleine blinde Tochter alleine am Strand zurückgelassen und hatte es nicht einmal gehört, als die Wellen sie in den Strudel der Stille rissen.

Seit jenem Tag an war es jener Mann, der Tag für Tag an einem verlassenen Strand gesessen und den Wellen des Meeres mit dem Herzen gelauscht hatte. Der darauf wartete, das kleine schlagende Herz irgendwo inmitten blauer glitzernder Schönheit wiederzufinden.

Er wurde aus seinen Gedanken geholt, als ihn erneut etwas am Bein streifte. Er erschrak. Es war derselbe Hund, der bereits zuvor in seine Hütte gekommen war. Jetzt konnte er ihn sehen. Er blickte ihn an. Seine Augen sprachen eine traurige Sprache. Irgendetwas stimmte mit diesem Hund nicht, dachte er bei sich.

Er stand auf und ging hinaus an den Strand. Das Meer war ruhig und der klare hellblaue Himmel spiegelte sich auf der glitzernden Oberfläche. Die Sonne strahlte und ihm lief der Schweiß den Nacken hinunter. Es war ein heißer Tag und auch wenn er die Hitze bereits gewohnt war, hielt er es an diesem Tage kaum aus.

Er schaute mit einem wehleidigen Blick in die Ferne. Auf das Meer, das ihm seine kleine Tochter genommen hatte.

Er war an den Strand gerannt, als ginge es um sein Leben. Nein, es ging um das Leben seines Kindes. Er war gerannt, der Sand war aufgewirbelt und das Wasser platschte auf seinen Körper. Die Stille unter Wasser war die gleiche Stille gewesen, als er auftauchte um Luft zu holen. Mehrere Stunden war er im Meer geschwommen und hatte nach Spuren eines kleinen schlagenden Herzens gesucht. Mehrere Stunden war er umher getaucht, außer Atem, ohne Kraft. Das salzige Gift in seinen Lungen. Erst als ihm schwarz vor Augen wurde und die Dunkelheit einbrach, war er auf den ausgekühlten weichen Sand gefallen. Tränen überströmt. Schwach. Und ohne Gefühl.

Und auch am nächsten, am übernächsten und am darauffolgenden Tag. Die Tage danach. Die Wochen. Jeden Tag hatte er aufs Neue begonnen sein Herz im Herz des Ozeans zu suchen. Niemals hatte er es gefunden. Und niemals wieder hatte er seither einen Schritt ins Meer getan.

Er hatte bloß noch da gesessen und mit seinen Augen, den Augen seines Kindes, aufs Meer gestarrt. Und auf ein Wunder gehofft.

Tag für Tag voller Hoffnung.

An jenem Tage sollte er wissen, dass es die Hoffnung wert gewesen war, die ihn all die Jahre am Leben hielt. Die Hoffnung an Wunder zu glauben und an Dinge, die wir mit bloßem Auge nicht erklären können. Dinge, die wir weder mit den Augen sehen, noch mit den Ohren hören, die wir nicht mit den Händen – sondern mit dem Herzen fühlen.

Es war jener Tag gewesen, an dem das Meer ihm die Hoffnung direkt in die Arme spülte.

Etwas Ungewohntes berührte seine Hand, als er gedankenverloren im Sand saß. Er zog sie irritiert weg und drehte den Kopf nach rechts. Neben ihm saß erneut sein bekannter Streuner.

Was willst du von mir? – dachte er. Doch der Hund saß da, regungslos, und starrte ihn an.

Was ist nur mit deinen Augen? – dachte sich jener Mann. Die trüben Augen des Hundes beunruhigten ihn.

Und doch schien es, als würde er ihm tiefer in die Seele blicken, als manch ein Mensch es zuvor getan hatte.

Er hob die Hand und strich dem Tier behutsam über den Kopf. Erst da merkte er, dass die Augen des Hundes keine Reaktion auf seine Bewegung zeigten. Er nahm die Hand erneut und wedelte vor seinen Augen hin und her. Kein Zwinkern. Kein Blinzeln. Nichts. Der Hund war blind.

Das hat nichts zu bedeuten, dachte er bei sich. Er stand auf und ging zurück in seine Hütte. Er steckte sich ein paar übrig gebliebene Kokosnuss Stücke in den Mund. Als er wieder raus an den Strand ging um sich in den Sand zu setzen, verspürte er mit einem Mal eine Wärme um sein Herz. Es schlug schneller als sonst. Er blickte um sich. Der Hund war verschwunden. Doch dann sah er ihn. Am Wasser. Und als wäre es eine Eingebung gewesen, stand jener Mann an jenem Tage auf und trat das erste Mal nach Jahren wieder so nah ans Ufer, dass das kühle salzige Wasser seine Zehen berühren konnte. Er setzte sich neben den Hund und hielt ihm ein Stück Kokosnuss entgegen.

Er schnupperte, blickte ihm in die Augen ohne zu Sehen, und nahm vorsichtig das Stück entgegen.

Und in jenem Moment, als ein Mann die Hand auf das Herz eines ganz besonderen Hundes legte, um es schlagen zu fühlen, konnte er sie mit einem Male klar und deutlich hören. Schlag für Schlag. Schritt für Schritt.

Er war wieder dort. Am Strand, wo er die harte Schale einer Kokosnuss abgeschlagen hatte. Er drehte sich um und sah seine kleine Tochter. Wie sie am Meer stand. Er ließ die Kokosnuss fallen, rannte zu ihr und hielt sie fest. Gemeinsam setzten sie sich in den Sand und blickten aufs Meer.

Das Meer, das sie nicht sehen und er nicht hören konnte. Das sie beide durch ihre Herzen spürten.

Durch das Herz eines ganz besonderen Hundes. Der in einem ganz besonderen Moment mehr als nur ein Hund gewesen war.

Und er wusste ab diesem Moment, dass es die kleinsten Momente sind, die uns die größte Freude bereiten. Auch wenn es Dinge gibt, die mit bloßem Auge nicht zu Sehen sind, die wir mit den Ohren nicht Hören können, die wir mit unserer Sprache nicht erklären können, so gibt es sie tief ins unseren Herzen. Da, wo wir alles Sehen und Fühlen, das uns zur richtigen Zeit am richtigen Ort den richtigen Moment beschert. Ein Leben lang, wenn wir niemals aufhören zu Glauben. An die Macht unserer Sinne. Und an die Wunder, die jeden Tag passieren.

Denn die Schönheit des Lebens gehört denen, die die Welt mit ihrem Herzen sehen.


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