Ich bin Moral – holt mich hier raus!

Die nachfolgende Sendung ist für Zuschauer mit einem IQ über 16 nicht geeignet

Für mich ist es nicht weniger als ein Vorgeschmack auf den endgültigen Untergang des Abendlandes, ein Vorbote der finalen Niveaukatastrophe, ein Gruß aus der Hölle des Privatfernsehens: Das Dschungelcamp.

Oh Herr, erbarme dich! Als wäre die Fernsehshow Das Dschungelcamp nicht schon Scheiße genug, jetzt musste der Sender RTL den Mist auch noch weiterdrehen. Seit kurzem läuft Ich bin ein Star, lasst mich wieder rein. Das sind Ex-Kandidaten, die sich in einer abgespeckten Version der Dschungelshow um einen Platz in der nächsten Staffel streiten. Gut, so sei es. Wenn RTL alten Dreck wieder aufwärmt, dann kann ich das auch. Denn es gibt ein Dschungelcamp-Trauma, das ich nie verwunden habe … Seit mittlerweile elf Jahren verfolgt es mich in jenen finsteren Nächten, in denen mich das Wissen um den Niedergang der Zivilisation quält: Der Untergang unserer Kultur manifestiert sich in diesem Drama!

DSCHUNGELCAMP, dachte ich, da geh ich doch lieber aufs Klo und guck danach ’ne Stunde in die Schüssel, da hab ich genauso viel Scheiße gesehen!

Ich habe mich nicht aufgelehnt, höchstens im Privaten revolutioniert, mit kleiner Faust das Gegebene akzeptiert. Offensichtlich hatte ich mich trauriger Weise daran gewöhnt, dass deutsches Privatfernsehen zusehens auf menschenverachtende und erniedrigende Formate herunter degradiert zu sein scheint. Bis zu diesem verhängnisvollen Tag, damals vor zweieinhalb Jahren. Das Maß war voll, die Faust hoch erhoben, DAS FEUER ENTFACHT! Widerstand war mein Geld, und ich wollte es gerne zahlen! Der augenöffnende Schlag ins Gesicht kam am 29. Januar 2013 in Form einer Pressemitteilung: Grimmepreis-Nominierung für Das Dschungelcamp!

Chapeau, dachte ich und wollte sterben … Es ist halt wie’s ist, sagten sie mir. Kannste eh nix ändern, sagten sie. Und Kopf hoch. Kopf hoch? Wozu?? Damit ich besser sehen kann, wie schnell die Sonne sich verdunkelt?

Unterhaltung ist ein heikles Feld, da stimme ich den Herren und Damen Grimme zu. Bleibt die Frage, wo Unterhaltung aufhört und menschenunwürdiges Spektakel beginnt. Darum mein Vorschlag: Bei Menschen, die unter ständiger Beobachtung der Lächerlichkeit preisgegeben und mit einer Selbstverständlichkeit erniedrigt werden, die mich würgen lässt.

Herzlichen Glückwunsch, Menschheit!

Die Freiwilligkeit der Akteure? Ja genau … Kennt ihr das Paternalismus-Prinzip in der Ethik? „Die Freiheit einer Person kann eingeschränkt werden, wenn dadurch verhindert wird, dass sie sich selbst Schaden zufügt.“ Psychopathen müssen vor sich selbst geschützt werden. Dasselbe gilt für sogenannte Prominente, die für einen Fetzen Medienpräsenz auch ihre eigenen Kinder fressen würden.

Mal ehrlich: Verzweifelte C-Promis treten in Ekelprüfungen gegeneinander an, gehen in einer Art miteinander um, die unserer vermeintlich entwickelten Gesellschaft absolut unwürdig ist. Sie benehmen sich wie die letzten Menschen mit dem Ziel von BILD das Attribut „Dschungelzicke“ oder „Campmacho“ verliehen zu bekommen. Und das alles um möglichst heftig zu polarisieren, um aufzufallen, um das nächste Voting zu überstehen. Herzlichen Glückwunsch, Menschheit! Ich schätze genau das hat Darwin gemeint, als er von der höchstentwickelten Spezies des Planeten sprach!

Meinetwegen, hirnloses, sattes, medienüberflutetes Volk: Guckt euch doch die Birne matschig, aber dass das Grimme-Institut, dessen Preis seit jeher mit Begriffen wie Qualität und Niveau konnotiert war, dieses unmenschliche Format bei seinen Nominierungen berücksichtigt hat, das ist peinlich und empörend. Was war da los, liebes Grimme-Institut? Eingeknickt vor der dumpf vor sich hin brütenden Masse der RTL-Zuschauer? Sich endlich vor dem alles fressenden Ungeheuer „Quote“ gebeugt?

Reflektiert, Freunde, reflektiert!

Diese Nominierung war ein fatales Signal an all jene, die wenigstens noch versuchen, qualitativ hochwertiges und trotzdem unterhaltsames Fernsehen zu machen. Dass es das gibt, hat das Grimme-Institut in den Jahren zuvor durch seine Auszeichnungen mehrfach bewiesen. Mit der Nominierung des Dschungelcamps hat es aber seinen eigenen Preis so dermaßen abgewertet, dass ich mich als Preisträger schämen würde. Öffentlich verbrennen würde ich das Ding!

Und da hilft es auch nicht, dass kluge Zungen von einem generellen Wertewandel in der Gesellschaft sprechen. Auch nicht, dass Sternonline schreibt, Das Dschungelcamp sei gesellschaftsfähig geworden und, dass Medienjournalisten finden, die Show appelliere nicht nur an die niedersten Instinkte, sondern spreche auch das Gehirn intelligenter Menschen an. Hackt’s? Einfach nein. Die Dschungelshow spricht vielleicht die niedersten Instinkte intelligenter Menschen an, die haben die nämlich leider auch. Nur bleibt jenen im Gegensatz zur dumpfen Masse auch die Möglichkeit zur Reflexion.

Reflektiert, Freunde, reflektiert! Denn was bleibt, ist eine einfache Quintessenz: Die Legitimation des Dschungelcamps ist der Verfall der letzten mickrigen Werte, die diese Gesellschaft noch vor der endgültigen Verrohung und umfassenden Verdummung bewahrt haben.

Ich bin der Geist, der stets verneint, und das mit Recht! Denn alles, was entsteht ist wert, dass es zugrunde geht!


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