„Hillbilly-Elegie“: Die Krise der weißen Arbeiterschicht in den USA

Am 8. November 2016 blieb die Welt stehen und schaute geschockt auf ein Land, in dem bald ein Mann regieren würde, der gerne Frauen begrapscht und Behinderte imitiert – Donald Trump war zum Präsident der Vereinigten Staaten gewählt worden. Wer hatte ihn gewählt und warum? Der junge Autor J. D. Vance hat ein Buch geschrieben, was manche als Teil der Antwort sehen – aber es ist noch viel mehr als das.

Das Buch „Hillbilly-Elegie“ beginnt mit einem Geständnis: „Ich finde die Tatsache, dass es dieses Buch gibt, das Sie in den Händen halten, einigermaßen absurd.“ Der junge Autor, James David Vance, 31 Jahre alt, verheiratet, angestellt, Jura-Absolvent findet sein Leben gewöhnlich, unbedeutend – aber gerade das ist das Besondere an ihm: „Ich habe […] geschrieben, weil ich etwas ziemlich Gewöhnliches erreicht habe – was den meisten Kindern, die so aufwachsen wie ich, eigentlich nie passiert.“

Vance wuchs im Mittleren Westen der USA in Ohio auf, aber sein Familienclan stammt aus Kentucky, mitten in den Appalachen – aus dem Land der Hillbillys. So werden die Angehörigen der weißen Arbeiterschicht im Südosten der USA genannt. Sie sind die Nachfahren von ursprünglich aus Schottland und Nordengland stammenden Einwanderern, welche sich im 18. Jahrhundert in den Appalachen niederließen – eine Region, die sich von den Laubwäldern Pennsylvanias im Norden bis zu den Flusslandschaften des Staates Mississippi im Süden erstreckt.

Hillbilly-Sein bedeutet nicht nur, weiß zu sein und in den Appalachen zu leben, diese Menschen zeichnet eine Subkultur mit einem eigenen Dialekt und eigener Musik aus, und – wie Wikipedia lakonisch anmerkt – ein niedriges Einkommen. Armut, hohe Scheidungsraten und Drogenkonsum sind es, welche die weißen Arbeiter zur pessimistischsten Gruppe der ganzen USA machen, obwohl sie ethnisch gesehen zu den Privilegierten gehören.

Er wächst auf, ohne Vater, aber mit ständig wechselnden Beziehungen der Mutter.

Der junge James David, J. D. genannt, wächst mit all dem auf: ohne Vater, dafür aber mit den ständig wechselnden Beziehungen der Mutter konfrontiert. Der Umgangston befindet sich irgendwo zwischen Gebrüll und häuslicher Gewalt und seine Mutter treibt mit der Zeit immer stärker in ihre Drogensucht ab. Eine Episode, die dem Leser besonders schmerzhaft im Gedächtnis bleibt: Als Teenager wird J. D. von seiner Mutter um eine saubere Urinprobe angebettelt. Um weiter als Krankenschwester arbeiten zu können muss sie nachweisen, keine Drogen mehr zu nehmen, doch ihr eigener Urin ist verschmutzt. J. D. ist fassungslos und wütend, er beleidigt seine Mutter aufs Schlimmste – und gibt ihr die Urinprobe am Ende doch. Der Familienzusammenhalt der Hillbillys ist stärker als individuelle Gefühle. Die Menschen, die ihm von klein auf diesen Familiensinn eingeimpft haben, werden schließlich zu J. D.‘s Rettung: Seine Großeltern, vor allem die Oma, genannt Mamaw. „Mamaw hatte die Hoffnung nie aufgegeben, obwohl sie Kummer und Enttäuschungen erlebt hatte, die für mich schier unfassbar waren. Ihr ganzes Leben schien nur darauf ausgerichtet, ihr Vertrauen in die Menschen zu zerstören, und trotzdem fand Mamaw immer wieder einen Weg, an diejenigen zu glauben, die sie liebte.“

Diese Großmutter ist eine der sonderbarsten Figuren des Buchs. Sie steckt voller Widersprüche: Einerseits verkörpert sie als Matriarchin die raue Hillbilly-Kultur, sie ist weit davon entfernt eine sanfte, übertrieben liebevolle Oma zu sein. Doch andererseits ist sie die Einzige, die es vermag J. D. eine konstante, sichere Heimat zu bieten und die es ihm damit ermöglicht, einen erfolgreichen Lebensweg zu gehen: Nach dem Schulabschluss verpflichtet er sich zunächst beim Militär, um danach an der Elite-Uni Yale Jura zu studieren. Ihm ist das Außergewöhnlich-Gewöhnliche gelungen, das aus seinem Milieu fast kein Kind schafft: ein sozialer Aufstieg, auch der amerikanische Traum genannt.

Ein Klagelied über das Heimat Milieu des Autors.

Vances Buch erschien 2016 in den USA, mitten im Präsidentschaftswahlkampf. Obwohl der Name Donald Trump nicht einmal im Buch vorkommt, bezeichnete es die Süddeutsche Zeitung als „das wichtigste politische Buch des Jahres“. Ein Buch, dass den Wahlsieg von Donald Trump erklären kann? Es erklärt eher den Misserfolg der etablierten Politiker, die einfach nichts mit den Menschen der Appalachen gemeinsam haben. Vance beschreibt, dass der vorherige Präsident, Barack Obama, den Hillbillys wie ein Außerirdischer vorgekommen wäre mit seiner umfangreichen Universitätsbildung und seiner perfekten Aussprache. Er meint im Interview mit der Süddeutschen, dass sowohl die demokratische als auch die republikanische Partei die Krise der weißen Arbeiterschicht nicht ernst genommen hätten. Vance beschreibt in seinem Buch, das neben einer Aufzeichnung seiner Familiengeschichte auch eine Reflexion über die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Heimat ist, eine zunehmende Entfremdung der weißen Arbeiterschicht gegenüber dem Staat, es gibt wenig Vertrauen in die Presse oder andere Institutionen. Diese Entwicklung könnte dazu geführt haben, dass viele Hillbillys ihre Stimme dem Kandidaten gaben, dem sie als einzigem einen Wandel zutrauten. Betrachtet man die Wahlergebnisse aufgeschlüsselt nach Countys so fällt durchaus auf, dass Donald Trump im Vergleich zum vorhergehenden republikanischen Kandidaten Mitt Romney in der Appalachenregion viel mehr Stimmen holte, in manchen Countys gab es eine Erhöhung über 30 Prozentpunkte und mehr. Im Mittleren Westen, wohin nach dem Zweiten Weltkrieg viele Hillbillys in Scharen gezogen waren, sieht es ähnlich aus. Trotzdem waren es wohl kaum allein die Hillbillys, diese Nachfahren der Ulster-Schotten, welche Donald Trump zum Präsident machten. Für eine Mehrheit brauchte es noch viele andere Wähler. Doch in Vances Buch geht es eben nur um die Hillbillys, das zeigt ja schon der Titel: „Hillbilly-Elegie“. Ein Klagelied über das Heimat Milieu des Autors.

Man tut diesem Buch Unrecht, wenn man es als eine Erklärung der Präsidentschaftswahl 2016 versteht. Denn es ist so viel mehr: Eine sehr aufschlussreiche Studie über eine soziale Gruppe und ihre Geschichte, aber auch ein ganz persönliches Erzählen einer Lebensgeschichte. Es wirft den Blick auf zerrüttete Familien und traumatisierte Kinder, die es überall auf der Welt gibt. Und nicht zuletzt ist es eine Liebeserklärung an Vance‘ Großeltern, Mama und Papa.


Join the Conversation