¡Hasta la Coca-Cola siempre!

Seit einigen Wochen flattert vor der neu eröffneten Botschaft der USA in Havanna wieder eine amerikanische Flagge. Ob mit der Fahne auch ein frischer Wind des Aufschwungs kommt, wird sich zeigen …

„Die Isolation Kubas hat nicht funktioniert“ sind sechs kleine Worte, die eine über 50-jährige Eiszeit beendeten. Am 17.12.2014 verkündeten US-Präsident Obama und Kubas Staatschef Castro zeitgleich live im Fernsehen eine Sensation: Die USA und Kuba nehmen wieder offizielle Beziehungen auf.

Dass die beiden Länder kaum unterschiedlicher sein könnten, wurde schon bei den Pressekonferenzen deutlich. Obama gewohnt patriotisch, mit amerikanischer Flagge, nach 3 Minuten und 28 Sekunden war der Spuk vorbei. Castro, 9 Minuten und 16 Sekunden Kampfgeist in der Stimme, vor diesem 70er Jahre Hintergrund, mit dieser miesen Tonqualität… haben die das eigentlich direkt vom Filmset von Fawlty Towers übertragen?? Beinahe erwartet man eine fesche Kellnerin, die mit einem Drink ins Bild läuft und Castro zu seinem Schnurrbart gratuliert.

In Kuba gibt es nicht besonders viele Fernsehsender. Kubaner schalten den Fernseher hauptsächlich für ihre tägliche Soap ein, dann steht das Leben für kurze Zeit still auf den Straßen. Es gibt einen Musiksender, von jungen Leuten für junge Leute, auf dem Kinderkanal wird erklärt, wofür Wimpern gut sind, auf einem weiteren Sender kann man Sprachen lernen. Und in den USA? Da nehmen die Leute am Leben der Kardashians teil, begleiten Kinder im Fernsehen zu Schönheitskonkurrenzen und haben bis zu ihrem zwölften Lebensjahr auf dem Bildschirm schon rund 4.000 Morde gesehen. Danke Pressefreiheit! Demnächst kommen also vielleicht auch Kubaner in den Genuss von Fox News und können endlich adäquat ihr Gehirn rückbilden.

Vielleicht wissen viele Kubaner gar nicht, was sie erwartet, wenn die USA die Schleusen öffnen.

In Kuba haben manche junge Erwachsene Smartphones, aber kein Internet. Wenn sie sich unterhalten und eine Frage kommt auf, dann diskutieren sie, da wird nicht gegooglet, nicht gechattet im Café. Zu welchem Preis, mag mancher nun sagen. Die sind doch dafür null informiert. Nun, habt ihr schon mal versucht, euch im Dschungel aller amerikanischen Fernsehsender, Zeitungen und Radiostationen über aktuelles Weltgeschehen zu informieren? Viel Glück! Das ist wie die Suche nach der Nadel im Müllhaufen.

In der Psychologie heißt das cognitive overload. Wir sind überhaupt nicht in der Lage so viel Information zu verarbeiten. Mit dem Ergebnis, dass Kubaner mit ihrem viel geringeren Angebot an Information, um welches sie sich aktiv kümmern müssen, im Endeffekt oft besser informiert sind als so mancher US-Amerikaner.

Vielleicht wissen viele Kubaner gar nicht, was sie erwartet, wenn die USA die Schleusen öffnen. Dass das Land sich verändern wird, und vielleicht nicht nur zum Guten. Dass mit mehr Wohlstand, mit mehr Playstation, mit den Cheeseburgern auch die dunkle Seite des Kapitalismus kommt. Der Druck, der Arbeitsmarkt, die soziale Isolation und die immer weiter werdende Schere zwischen arm und reich. Vielleicht geht es den amerikanischen Firmen gar nicht darum, den Wohlstand der Kubaner zu verbessern. Vielleicht wollen sie hauptsächlich Profit machen. Und von fern grüßt ein Puerto-Ricaner, mit müdem, abgearbeitetem Lächeln… Der amerikanische Traum hat zwei Fehler: Erstens, er beansprucht schon im Namen einen ganzen Kontinent, der ihm nicht zusteht. Zweitens, er behauptet exklusiv ein Traum der US-Amerikaner zu sein. Dabei ist der Durst nach einem besseren Leben, nach Wohlstand durch Arbeit, nach Freiheit, der Traum eines jeden Menschen. Ein Traum, für den die meisten Menschen alles geben würden. Womöglich auch ihre Identität. So wie Kuba und seine Menschen.

Wünsche ich ihnen das?

Womöglich ja.

Denn dieser 17. Dezember war trotz allem eigentlich ein guter Tag. Zwischen informierten Bürgern, freier Krankenversicherung, freiem Zugang zu Kultur, freier Bildung und der niedrigsten Analphabetenrate des Kontinents leidet Kuba. Kuba leidet schon lange. Und Kuba hat lange genug gelitten. Für viele Menschen dort war diese Ankündigung das Tor zu unbegrenzten Möglichkeiten.

Ein wenig Zynismus schwingt mit in diesem Wort: Unbegrenzt … Zu einer endgültigen Umkehr der Kubapolitik muss nämlich zunächst das Handelsembargo aufgehoben werden. Dummerweise hat der Kongress da ein Mitspracherecht. Und in dem sitzen Republikaner. Tja, in Kuba wäre dieses Problem jetzt einfach gelöst …

Kuba und die USA, das ist ein bisschen wie eine Beziehung, und ich bin der Freund, der, als Schluss war, eine Seite wählen musste. Das ist scheiße. Ihr kennt das. Man wird nie beiden Seiten gerecht. Zum Glück geben die beiden sich jetzt eine zweite Chance.

Euch kann ich raten: Falls es euch nach Kuba zieht, geht jetzt! Erlebt das Land, solange Havanna noch keinen McDonalds hat, solange Havanna sich noch unterscheidet von Chicago, von Madrid.

Nach der großen Ankündigung der beiden Staatsoberhäupter hat das Fernsehen in Havanna übrigens einen tanzenden Mann auf der Straße interviewt. Sie fragten ihn, ob er, glücklich wie er war, wohl von der Neuigkeit gehört habe. Der tanzende Mann fragte verwundert: „Welche Neuigkeit?“


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