Die Geschichte von Otjivero: Bedingungsloses Grundeinkommen in Namibia

Im Jahr 2008 herrschte in dem 1000-Seelen-Dörfchen in Namibia bitterste Armut. Dann zahlte die BIG Coalition zwei Jahre lang jedem Bewohner 100 namibische Dollar pro Monat. Was hat sich geändert hat und wie sieht es in Otjivero heute aus?

Frieda Nembaya steht hinter der Ladentheke ihres Wellblechverschlages. Sie gibt einem Mädchen Brot, eingewickelt in Zeitungspapier und bekommt dafür ein paar Münzen. Später zeigt sie dem Kamerateam der Deutschen Welle stolz ihren neuen Herd. Die junge Mutter hat ihre eigene Bäckerei eröffnet. Das beschriebene Video entstand vor bald zehn Jahren: Am 1. Januar 2008 beginnt die sogenannte Basic Income Grant Coalition (deutsch. Grundeinkommenskoalition) damit, jedem Bürger in Otjivero monatlich 100 namibische Dollar auszuzahlen. Geht man vom heutigen Umrechnungskurs aus, sind das knappe sieben Euro.

Das kleine Dorf am Rande der Savannenregion Omaheke war dabei eine Art Versuchslabor für etwas, das nach dem Pilotprojekt eventuell in ganz Namibia eingeführt werden sollte: Das bedingungslose Grundeinkommen. Seit 2002 wurde dieser Vorschlag in dem südwestafrikanischen Land diskutiert. 2004 gründeten Kirchen, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen, die das BIG befürworteten, die BIG Coalition, um die Regierung vom bedingungslosen Grundeinkommen zu überzeugen.

Wenn in Deutschland die Frage nach einem bedingungslosen Grundeinkommen gestellt wird geht es um die Befreiung vom Zwang zur Arbeit.

Als im Jahr 2008 der Human Development Index Report erscheint, berichtet er von einer Wahrscheinlichkeit von über 35 Prozent, in Namibia vor dem 40. Lebensjahr zu sterben. Knapp ein Viertel der Kinder unter fünf Jahren gilt als unterernährt und mehr als die Hälfte der Menschen muss auf weniger als zwei Dollar am Tag zurückgreifen, um sich zu ernähren.

Wenn in Deutschland die Frage nach einem bedingungslosen Grundeinkommen gestellt wird geht es um die Befreiung vom Zwang zur Arbeit, um die Unabhängigkeit von Arbeitnehmern oder sogar auch Unternehmern, welche dann ihre verpflichtende Arbeitgeberrolle ablegen könnten. In Otjivero, in Namibia dagegen ging es ums Überleben, darum jeden Tag satt zu werden. Im April 2009 erscheint ein Bericht der BIG Coalition. Das Projekt wird von Wissenschaftlern begleitet. Folgendes hatte sich innerhalb von zwölf Monaten mit bedingungslosem Grundeinkommen geändert: Die Dorfbevölkerung bildet aus eigenem Antrieb ein 18-köpfiges Komitee, welches den Bewohnern bei der richtigen Investition des BIG helfen soll. Der Anteil der Haushalte unter der sogenannten „food poverty line“ fällt von 76 Prozent auf 37 Prozent. Der Anteil von Personen, welche wie Bäckerin Frieda zusätzlich Geld verdienen steigt um elf Prozent. Im November 2008 ist nur noch jedes zehnte Kind unterernährt, ein Jahr vorher ist es fast die Hälfte aller Kinder. Die Zahlen in dem Bericht zeigen, dass der kleine Betrag von 100 Dollar im Monat das Leben der Menschen in Otjivero verbessert hat.

Die Besserverdienenden hätten also etwas mehr Steuern zahlen sollen, um ein BIG mitzufinanzieren.

Das Projekt war zu seiner Zeit einzigartig, zum ersten Mal weltweit wurde ein solcher Versuch zum bedingungslosen Grundeinkommen gestartet. Die Idee ist schon Jahrhunderte alt: Schon in Thomas Morus ’ Roman Utopia von 1516 soll durch ein bedingungsloses Grundeinkommen die Kriminalität gesenkt werden. Trotzdem hatte bis zum Jahr 2008 kein Praxistest stattgefunden. Die Idee, staatliches Geld ohne Gegenleistung und auch ohne Prüfung der Bedürftigkeit zu verteilen ist provokant und in unserer kapitalistischen Gesellschaft revolutionär. Viele Kritiker befürchten, dass mit BIG immer mehr Menschen gar keiner Arbeit mehr nachgehen würden, da der materielle Anreiz fehlen würde. Gerade diese Befürchtung widerlegen allerdings die Erfahrungen in Otjivero, denn auch dort kann man nicht von 100 namibischen Dollar im Monat leben. Ähnlich wie Frieda Nembaya nutzten deshalb viele Dorfbewohner das zusätzliche Geld, um ein kleines Gewerbe aufzubauen, sie brannten Ziegel, verkauften Eis oder nähten Kleider und konnten so noch mehr Geld verdienen. Das ausgezahlte BIG hätte also als Grundsicherung alleine gar nicht ausgereicht, aber es hatte einen anstoßenden Effekt. Immer wieder fällt speziell in Namibia in der Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen auch der Begriff der „Umverteilung“. Die Besserverdienenden hätten also etwas mehr Steuern zahlen sollen, um ein BIG mitzufinanzieren. Der sogenannte Gini-Index zeigt, wie stark die Einkommensunterschiede innerhalb eines Landes sind, also wie groß die Schlucht zwischen Arm und Reich auseinanderklafft. Laut der CIA, dem Nachrichtendienst der USA, liegt Namibia im weltweiten Vergleich auf Platz sieben im Ranking nach dem Gini-Index, nur in sechs anderen Ländern sind die Armen also noch ärmer und die Reichen noch reicher. Doch wo Geld ist, ist meist auch Macht und die Mächtigen ließen sich trotz den ermutigenden Ergebnissen aus Otjivero letztendlich nicht von der Idee des landesweiten bedingungslosen Grundeinkommens überzeugen.

Viele Bewohner dort sind enttäuscht.

Die BIG Coalition begann zwar, mit ihren Zahlen für das Big zu werben und erhielt zunächst Zuspruch unter anderem vom damaligen Wirtschaftsminister Namibias, Hage Geingob. Doch die Regierung als Ganzes hatte das Projekt in Otjivero zwar genehmigt, stand einer Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens aber schon davor ablehnend gegenüber. Außerdem wurden die Ergebnisse der BIG Coalition von dem deutschen Wirtschaftswissenschaftler Rigmar Osterkamp, der zu dieser Zeit in Namibia unterrichtete als unwissenschaftlich angezweifelt und kritisiert. Der Internationale Währungsfond und einige konservative Regierungsmitglieder schlossen sich dieser Position an. Trotzdem sah die Lage in den Augen der BIG Coalition zunächst vielversprechend aus. Als sich aber 2012 sowohl der namibische Premierminister als auch der Präsident gegen das BIG aussprachen und argumentierten, es mache die Menschen faul, war klar: Auch das Pilotprojekt in Otjivero hatte nicht alle wichtigen Menschen in Namibia überzeugt und das landesweite bedingungslose Grundeinkommen rückte wieder in weite Ferne.

In Otjivero war unterdessen das zweijährige Projekt zu Ende. Bis März 2012 bekamen die Dorfbewohner zwar noch ein reduziertes Grundeinkommen, doch dann konnte die BIG Coalition auch das nicht mehr regelmäßig finanzieren. Die Zahl der Kinder, deren Eltern Schuldgeld mit BIG Schulgeld bezahlen konnten ging wieder zurück und die Perspektivlosigkeit kam.

Ob sich das Grundeinkommen also in Europa langsam durchsetzen wird, werden die nächsten Jahre zeigen.

Viele Bewohner dort sind enttäuscht. Die beginnende Entwicklung, die sich in Otjivero abzeichnete, wurde wieder gestoppt. Trotzdem ist die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht tot: In immer mehr Staaten wird sie diskutiert, vor allem auch in Industrieländern wie den Niederlanden, Kanada oder Italien. In Finnland läuft seit Beginn des Jahres sogar das weltweit erste landesweite Pilotprojekt: 2000 Menschen, die Arbeitslosengeld beziehen, wurden zufällig ausgewählt und bekommen nun pro Monat 560 Euro. Erst am Ende des Projekts im Jahr 2019 werden die Entwicklungen untersucht und dokumentiert. Allerdings finden sich auch jetzt schon Berichte von Finnen, die durch das Grundeinkommen das Risiko einer Geschäftsgründung auf sich genommen haben. Ein ähnlicher Effekt wie in Otjivero also, obwohl die Lebensumstände zwischen Finnland und Namibia wohl kaum größer sein könnten. Ob sich das Grundeinkommen also in Europa langsam durchsetzen wird, werden die nächsten Jahre zeigen. Auch, ob es ein wirklich bedingungsloses sein wird: Denn das ist in Finnland nicht der Fall, wenn nur an Arbeitslose bezahlt wird. Ein Grundeinkommen soll nämlich auch die Pflicht nehmen, die eigene Bedürftigkeit nachzuweisen und damit niemandem mehr das Stigma der Armut und Arbeitslosigkeit aufzwingen. Das könnte im Endeffekt zu einer Auflockerung der Grenzen und Vorstellungen von Arm und Reich führen. Arbeit wäre nicht mehr nur dann etwas wert, wenn sie sich finanziell auszahlt. Ein bedingungsloses Grundeinkommen hätte also das Potenzial, unsere Gesellschaft wirklich zu verändern. Doch es könnte noch etwas viel Wichtigeres: Menschen in Entwicklungsländern beim Überleben helfen.


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