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Mensch & Zeugs

Glücksspiel: Leidenschaft = Krankheit?

Wer träumt nicht davon? Einmal im Lotto gewinnen oder bei einem Spielautomaten das große Geld zu machen. Doch wie läuft es in einem Spielcasino wirklich ab? Wie schnell wird man spielsüchtig und wie es ist Spielsüchtigen bei ihrem Spiel zu zusehen? Unsere Autorin Melisa Özel berichtet von ihren Erfahrungen, die sie während ihrer Arbeit in einem Casino gemacht hat:

Es war Samstag, kurz vor 6 Uhr morgens. Meine Schicht in einem Spielcasino würde gleich beginnen und ich bereitete alles vor, bevor die ersten Gäste eintrafen. Währenddessen erinnerte ich mich daran, was mein Chef mir bei der Einstellung gesagt hatte: „Sei bitte nicht nett zu den Menschen, denn sonst versucht man dich auszunutzen. Du wirst schon bald wissen was ich meine.“ Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht wirklich was er meinte, aber ich war dennoch aufgeregt, da nun ich sehen würde, wie es in einem Casino wirklich zugeht.

5:59 Uhr: Ich schloss die Tür auf

Zu meiner Überraschung, standen bereits mehrere Menschen am Eingang und konnten den Einlass kaum erwarten. Dabei war es doch erst 6 Uhr! Schlafen da nicht die meisten Menschen noch? Ich begrüßte die Gäste freundlich und ging mit ihnen die Treppen hoch in den Raum, in dem sich die Automaten befinden. Sobald wir oben waren, riefen mir einige „Kaffee“ zu. Verwundert darüber, dass kein „Bitte“ und „Danke“ kam, schenkte ich den Gästen Kaffee ein. Im Raum stank es nach kurzer Zeit schon nach Zigaretten, weil alle Gäste pausenlos rauchten, aber ich konnte das Fenster nicht öffnen, weil es Winter war.

Zumeist saßen Männer über 40 an den Automaten. Viele von ihnen waren so auf das Spiel fokussiert, sodass keiner bemerkte was um ihn herum geschah. Auf den Monitoren der Automaten erschienen viele bunte Bilder und es hatte den Anschein, dass die Spieler davon besessen wären, da sie den Blick nicht davon abwandten. Immer wieder ging ich zu den Gästen, um sie zu fragen, ob sie denn noch etwas bräuchten, doch wurde ich zum Teil ignoriert und schien unsichtbar. Manche schrien, ohne sich zu mir umzudrehen, immer wieder „Kaffee“ zu und ich fragte mich, ob man ihnen Manieren beigebracht hatte. Irgendwann gewöhnte ich mich jedoch daran, denn umerziehen konnte ich die Menschen hier nicht.

Ich wusste nun, warum nicht freundlich sein sollte

Die lauten Klänge der Automaten und der starke Rauch verursachten mir bereits an meinem ersten Tag Kopfschmerzen. Zu Beginn war ich überzeugt, dass die Menschen Freude am Spiel hatten, doch musste ich bereits nach wenigen Arbeitswochen feststellen, dass ich es wohl eher mit Spielsüchtigen als mit Spielfreudigen zu tun hatte. Wie zu Beginn erwähnt, wurde ich gewarnt nicht allzu freundlich zu den Menschen zu sein und nun wusste ich weshalb. Einige meiner Gäste, zu denen ich freundlich war, aber kein freundschaftliches Verhältnis eingehen durfte, baten mich um Geld, dass sie mir immer „gleich“ zurückzahlen würden. Ich durfte dies leider nicht tun, doch taten mir die Menschen irgendwie leid.

Ich liebte es Menschen zu beobachten und auf die Details zu achten, weshalb ich erschrocken feststellen musste, dass einige meiner Gäste mit Einkaufstüten kamen, in denen sich Baby Windeln befanden oder Spielzeuge. Wieso waren diese Menschen am Samstagmorgen hier und nicht bei ihrer Familie? Doch die Antwort wurde mir nach einigen Wochen bewusst: Diese Menschen sind davon überzeugt, endlich das große Geld zu gewinnen, um endlich ihren Kindern und Frauen materielle Dinge zu ermöglichen. Die Realität war aber, dass sie nicht oft gewannen und wenn sie mal gewannen, dann hatten sie viel mehr an die Automaten verloren als gewonnen. Trotzdem konnten sie nicht aufhören zu spielen, weil die Hoffnung doch etwas zu gewinnen sie immer wieder zum Spielen zwang. Sie wurden spielsüchtig

Spielsucht – was ist das?

Das pathologische Spielen, dass auch Spielsucht genannt wird, wird durch die Unfähigkeit gekennzeichnet, dem Impuls zu spielen zu widerstehen, auch wenn das gravierende Folgen im familiären, persönlichen oder beruflichen Umfeld zur Folge haben kann. Versuche diesen Drang zu widerstehen sind nahezu unmöglich und das Spielen selbst wird vor den Familienangehörigen verschwiegen, weshalb Familien nach einiger Zeit finanziell ruiniert werden und in die Brüche gehen können. Auch kommt es wiederholt vor, dass Spielsüchtige sich an Familienmitglieder oder Freunde (oder auch Angestellte wie mich) wenden und nach Geld bitten, um weiterspielen zu können.

Nach meinen Beobachtungen wird es dann gefährlich für den Menschen, wenn dieser Anfängerglück hat und gleich zu Beginn der Spielerkarriere eine hohe Summe gewinnt. Oft geschieht es denjenigen, die noch nie gespielt und dies zum Spaß getan haben. Daraufhin können die Menschen nicht mehr auf das Spiel verzichten und versuchen immer wieder das Schicksal herauszufordern. Doch irgendwann wird deutlich, dass das Spielen, den Spielern keine Freude mehr bereitet, sondern sie nur noch des Spieles wegen, da sie dieses nicht unterbrechen können, und nicht des Geldes wegen spielen. Die Spielsüchtigen verlieren jegliche Art von Kontrolle und befinden sich über mehrere Stunden hinweg an demselben Ort, ohne überhaupt die Zeit im Auge zu behalten. Doch klingelt während dieser Zeit oftmals das Handy des Spielers, dass jedoch ständig ignoriert wird.

Ich habe teilweise zu viel gesehen

Für mich waren allein die Geräusche der Automaten anstrengend, doch kamen noch die ständigen Anrufe dazu. Viele Male bin ich Zeuge geworden von Gästen, die sich im Flur, weit weg von den Automaten befinden und ihren Frauen am Telefon sagten, nur schnell zum Bäcker zu gehen und gleich wieder nach Hause zu kommen. Zu viele Male … Ich bin Zeuge davon geworden, dass viele Menschen, Männer und auch Frauen, sich selbst in den finanziellen Ruin getrieben haben und ihr Leben vergeudet haben. Das klingt erschreckend, doch kann ich meine Geschichte nicht auf eine positive Weise enden lassen.

Gerade in diesem Moment sitzen vermutlich tausende Menschen vor ihren Automaten und vergessen alle Sorgen um sich herum. Sie sind wie Geister, die auf bunte Monitore schauen und jegliche Art von Freude vergessen haben. Ich war von Anfang an so erschrocken von dem, dass sich vor meinen Augen abgespielt hatte, dass ich bis heute niemals selbst ein Spiel gewagt habe. Es klingt zwar verlockend, ohne viel Mühe und Arbeit viel Geld zu gewinnen, doch ist es viel süßer, sein Geld selbst und auf ehrliche Weise zu verdienen.

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