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Mensch & Zeugs

Führe sie in Versuchung

Frauen gehen Einkaufen. Das machen sie mit Leidenschaft – so das Vorurteil. Was passiert, aber wirklich, wenn Frau von Welt ihr Geld bekommen hat und nun die Läden locken? Unsere Autorin hat einmal nachgeforscht:

Es ist der Tag der Tage. Der Moment, in dem sie all ihr Verdienst zusammenpacken in ein riesiges Portmonee, das gefüllt ist mit Visitenkarten, Kassenzetteln vergangener Monate – man hätte ja noch etwas umtauschen können – Fotos ihrer Lieben, Tankquittungen, Münzen und einem Notfalltampon. Dieses wird gequetscht in eine viel zu kleine Handtasche oder aber in jene, die so groß ist, dass selbst das überdimensionale Portmonee nicht wiederzufinden ist. Verschollen zwischen Autoschlüsseln hängend an einem tonnenschweren Anhänger, einem Terminkalender, diversen Make-Up-Täschchen, Hygienetüchern und einer Flasche Mineralwasser. Frau von Welt muss schließlich vorbereitet sein, wenn sie mit einem Mal ihr hart verdientes Geld in die aktuellen Modetrends investiert. Und so schlendern sie los.

Dabei muss sich jede Frau wohl oder übel zugestehen, dass mit einem Mal alles andere unwichtig erscheint, wenn sie nur für einen kurzen Moment von der Magie eines Schaufensters verzaubert wird. Der magische Moment, wenn sie die Wirklichkeit all ihrer Träume betritt. Wenn ihre längst gebrannte Sehnsucht sich entfaltet in einem Meer aus Schönheit. Wenn der Duft von neuem Stoff ihre Sinne benebelt und sie geblendet wird von tanzender Seide. Der Moment, in dem ihr alle Last des Alltags von den Schultern fällt, wenn sie zum stummen Klang ihrer Leidenschaft in einen Tanz verfällt. Das ist der Moment, in dem Frauen feststellen, dass ihr Kleiderschrank zwar proppenvoll aus allen Nähten zu platzen droht, doch ihre Sehnsucht letzten Endes der Führung erliegt.

Denn hat Frau sich einmal der Versuchung ergeben, so gibt es schnell kein Halten mehr. Dabei ist es, als würden sie in einen Strudel der Versuchung geraten. Vehement versuchen sie mit Scheuklappen vor den Augen ihrem finanziellen Untergang, verkleidet in anpreisenden Schaufenstern als aufdringliche Modellpuppen, die sie mit dem Zeigefinger näher heranzulocken versuchen, zu entkommen. Doch nur ein kleiner Blick in die Hölle genügt – und sie befinden sich im siebten Himmel ihres Shoppingwahns. Es scheint, als hätte die neue Winterkollektion nur auf sie gewartet. Als wären die sorgfältig bestückten Kleiderstangen und die liebevoll gefalteten Strickwaren auf kleinen Tischen nur für sie entworfen worden. Und so passiert es, dass der Strudel sie einnimmt und sie ertrinken in einer Flut der Glückseligkeit.

Ganz plötzlich und unvorhersehbar entdecken sie dann ein ganz spezielles Kleidungsstück.

Wie ausgehungerte Tiere stürzen sie sich auf Schals, Mäntel, Jumpsuits, Hüte und Konsortien. Dabei pirschen sie sich langsam heran, mit Blicken fixiert auf ihre wehrlose Beute, und schlagen dann instinktiv zu. Mit der bloßen Hand ergreifen sie die Kleiderstange. Schnell und präzise. Die umliegenden Jägerinnen werden stets im Augenwinkel gehalten. Speziell bei Einzelstücken, die bedroht zu sein scheinen, schlagen sie schneller zu, als sie das Wort Mode sagen können. Die Beute hilflos in ihren Händen, versuchen sie den Berg an Kleidung unfallfrei zur Anprobe zu befördern. Nicht ganz einfach, wenn man bedenkt, dass diese bald mehr wiegt als ihr eigenes Körpergewicht.

Der Reizüberflutung sind keine Grenzen gesetzt und es gleicht keiner Untertreibung, dass es einer absoluten Naturkatastrophe ähnelt den Mount Everest an Kleidungsstücken in eine ein Quadratmeter kleine Kabine zu quetschen, bevor diese von einer Kleiderlawine überschüttet wird. Nachdem jedes Teil mindestens dreimal anprobiert und mit den zwanzig anderen Kleidungsstücken kombiniert wurde, wird bereits schon in der Kabine genauestens philosophiert, welche Teile nun gekauft und welche vorerst zurückgelegt werden, um eine Stunde später ebenfalls gekauft zu werden. Es beginnt ein stiller Dialog zwischen Verstand und Leidenschaft. „Brauche ich das eigentlich?“ – „So etwas habe ich noch nicht.“ „Das ist schon ziemlich teuer.“ – „Aber es hat gute Qualität“ „Steht mir diese Farbe?“ – „Sie würde gut zu meiner blauen Jacke passen.“ „Sitzt die Hose gut?“ – „Wenn ich fünf Kilo abgenommen habe perfekt.“ Frau von heute hat für jeden Zweifel ein passendes Argument und so erliegt ihre Beute ihr in den meisten Fällen noch am gleichen Ort. Und als wäre es bereits nicht schon genug, passiert es dann plötzlich auf dem Weg zur Kasse.

Zwei Stunden, zwanzig neue Kleidungsstücke exklusive Schuhe, geschätzten Finanzen gen null und einem genervten Mann später auf dem Weg zur Kasse, passiert es dann: Ganz plötzlich und unvorhersehbar entdecken sie dann ein ganz spezielles Kleidungsstück, das sie tatsächlich trotz ihrer genauen Recherche in ein und demselben Geschäft, bisher nicht beachtet hatten. Beide Arme vollbeladen, die Handtasche am seidenen Faden über der Schulter hängend und bereits zum Absturz bereit, versuchen sie schließlich mit Mühe und Not die Neuentdeckung zu erreichen. Während sie mit dem Kinn den Kleiderberg versuchen festzuhalten und mit einer Hand zur Kleiderstange greifen, ihr Kopf inzwischen die Farbe ihres neuen roten Pullovers angenommen hat und die Temperatur in besagtem Laden gefühlt auf Tropenhitze gestiegen ist. Und erneut schaltet sich ihr Verstand ein, ob sie dieses Kleid nun wirklich bräuchten. Wohlwissend, dass die zehn anderen schwarzen schlichten Kleider bereits in ihrem Kleiderschrank darauf warten, wenigstens einmal im Jahr getragen zu werden oder der Höflichkeit wegen zumindest des Preisschildes befreit zu werden, antworten sie mit einem unschuldigen „Ja.“

Stattdessen verfällt er nur in einen Heulkrampf und zieht sich zurück.

Im Eifer des Gefechtes schließlich packen sie zu und stechen sich beim Versuch das Kleid an die Spitze ihres Berges zu legen beinahe noch ein Auge auf Grund des vorwitzigen Kleiderbügels aus. Ein Blick zur Umkleidekabine genügt um zu wissen, dass es völlig überflüssig ist, sich weitere zehn Minuten in einer Schlange kaufwütiger Frauen anzustellen, nur um ein einziges Kleid anzuprobieren. Gewillt zu bezahlen greifen sie auf dem Weg noch zu einer Kette, passend zu ihrem neuen Look und einer Packung Slips, denn die braucht Frau ja schließlich immer. Während ihr Verstand eingesperrt in einer Ecke ihres Gehirns zu protestieren versucht, schreiten sie wie die Königin höchstpersönlich zur Kasse. Interessierte Blicke verfolgen fragend, wo sie den roten Pullover gefunden haben, der aus der Menge von Kleidung vorwitzig heraus blitzt. Wie eine Glucke beschützen sie ihre Errungenschaften, die inzwischen eins nach dem anderen über den Tresen gezogen und gescannt werden. Als schließlich der Betrag auf der kleinen Anzeige erscheint, weicht ihr Verstand mit erhobenen Händen rücklings das Szenario. Einen Strick um den Hals gestikuliert er einen Selbstmordversuch, der jedoch kläglich scheitert, weil er im Berg von Kleidung keinen Platz findet, sich zu erhängen.

Stattdessen verfällt er nur in einen Heulkrampf und zieht sich zurück. Mit einer winzig kleinen Bewegung wird ihrer Sucht Realität verliehen und sie zücken eine kleine Wunderkarte, mit der sie routiniert verfahren. Freundlich reicht ihr die Kassiererin fünf Papiertüten entgegen, die sie voller Stolz annehmen und hohen Hauptes den Himmel der Kaufhölle verlassen. Bei all den Versuchungen im Leben, ist diese wohl mit die Ungefährlichste von allen. Und so gelingt es Frau auch jedes Mal, ihr Gewissen und ihren Verstand zu besänftigen und davon zu überzeugen, dass sie im Meer der Versuchung doch ab und an gut und gerne einmal vom Strudel der Sucht erfasst werden dürfen. Und sich mitreißen lassen von der Verführung des Konsums. Getreu dem Motto „Führe uns in Versuchung“. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann shoppen sie noch weiter.

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