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Kultur & Zeugs

Kurzgeschichte: Flaschenpost

Das Leben.
Die Zeit anhalten.
Jeder Zeit.

Es ist ein ganz gewöhnlicher Tag. Ein ganz gewöhnliches Jahr. Ein ganz gewöhnliches Leben.

Sie schwimmt. Gleitet. Getrieben von leisen Wellen, die brodelnd ihren weißen Schaum ans Ufer spülen. Das Meer ist ruhig, verlassen, frei und doch gefangen in der unendlichen Tiefe des Herzens. Genau wie sie. Bis sie an jenem gewöhnlichen Tag in jenem gewöhnlichen Jahr eines jenen gewöhnlichen Lebens den warmen Sand auf ihrer Haut zu spüren beginnt. Strandet aus einem Meer der Wünsche an einer Insel der Träume.

Es ist ein gewöhnlicher Tag, als ihr Wecker zur gewohnten Uhrzeit im Morgengrauen klingelt. Ein leises Bimmeln, das zu einem sich steigernden bedrohlichen Hämmern mutiert. Erst leise, dann immer lauter werdend. Sie zieht sich die warme Bettdecke bis zur Nasenspitze über den Kopf und blinzelt mit einem verschlafenen Auge zu einem kleinen Gegenstand am Rande ihres Bettes, welcher mit jeder einzelnen Sekunde die Macht über ihr Leben entwirft. Die Zeit. Ihre Zeit.

Sie blickt zu ihr und beobachtet grimmig, wie sie Zeiger für Zeiger getaktet die perfekten Bahnen im Kreislauf ihres Lebens zieht.
Als ihr die müden Augen beinahe wieder zuzufallen drohen, hämmert ein penetrantes Geräusch in ihren Verstand: TICK…TACK…TICK…TACK…TICK…TACK.

Die Zeit läuft. Die Zeit rennt. Die Zeit schaut niemals zurück. Die Zeit bleibt niemals stehen.

Sie hastet hoch, getrieben durch den Verstand, ermutigt durch die Zeit, verlassen von ihrem Herzen.

Der Holzboden ihrer Wohnung knarrt unter ihren Füßen, wie jener Knochen ihres jungen Körpers.

Schon lange hatte sie keine Zeit mehr für sich selbst gehabt. Sie war gerne laufen gegangen. Sie liebte die Natur, ihre Ursprünglichkeit, ihre unverfälschte Schönheit. Das Rauschen des Windes, der durch die Blätter und Büsche pfeift. Das Plätschern des Wassers und das Rauschen der Wellen. Sie liebte es, morgens am Ufer entlang zu laufen, dem Meer zu lauschen, in den Horizont zu blicken und einen neuen Tag aufwachen zu sehen. Sie liebte den Duft der Freiheit, den Duft der Welt.

Es ist ein gewöhnlicher Tag, als sie ihren Kaffee wie gewohnt trinkt. Ihre Tastatur klappern und knattern lässt, die Buchstaben Zeile für Zeile ihre Aufmerksamkeit erhalten, das Telefon ihre Stimme besser kennt als jeder andere, und der Tag erst bei Nacht ihr Leben erhellt, wenn sie zu träumen beginnt.

Sie kann ihn nicht sehen, dabei ist er ihr so nah. Und gleichzeitig doch so fern.
„Was ist dein liebster Traum?“ – hatte er sie einmal gefragt.
„Irgendwann ein erfülltes Leben zu leben.“ – hatte sie geantwortet.
„Ist dein Leben denn nicht erfüllt?“ – „Ich arbeite daran.“
„Wie lange möchtest du daran arbeiten?“ – „Bis es erfüllt ist.“

Es ist ein gewöhnliches Jahr, als sie wie gewohnt ihre Arbeit, die ihr Tag für Tag ihr treuer Begleiter geworden ist, beendet und mit nichts weiter als einem leeren Kopf voller Gedanken den Heimweg antritt.

Sie arbeite daran, hatte sie damals gesagt. Sie arbeite an einem erfüllten Leben. Doch wie lange wollte sie arbeiten, bis sie dieses Ziel erreicht hatte? Und was genau verstand sie unter einem erfüllten Leben? Das einzige was sie bisher erfüllte, war ihr Terminkalender. Sie zückt das kleine in Leder geschwungene Buch aus ihrer Tasche und blättert darin. Seite für Seite verschlungen von Tintenkritzeleien, Notizen, Daten und Fakten. Nicht eine Spur vom Leben. Nicht eine Spur von ihr selbst. Nicht eine Spur von ihm.

„Würdest du mit mir verreisen“ – hatte er sie einmal gefragt.
„Ich habe keine Zeit“ – hatte sie geantwortet.
„Was bedeutet für dich Zeit?“ – „Sie rennt.“
„Wohin?“ – „Sie rennt mir davon.“
„Dann halte sie an“ – sagte er.
Sie schwieg.
Und er schwieg ebenfalls.
Hätte sie gewusst, dass er für immer schweigen würde, hätte sie die Zeit in jenem gewöhnlichen Jahr an jenem gewöhnlichen Tag für ihn angehalten.
Nun stand ihre Zeit für immer still.
Sie hatte die Zeit verpasst, den Moment vergeudet. Unbedeutenden Dingen ihre kostbare Zeit geschenkt.

In jenem gewöhnlichen Jahr veränderte sich etwas in jenem gewöhnlichen Leben eines Menschen, der sein Leben lang dafür gekämpft hatte eines Tages die passende Zeit zu erkennen und dabei die wahre Erfüllung jeden Tag übersah.

Sie zieht sich die Schuhe aus, um den Sand unter ihren Füßen zu spüren.

An jenem Tag klingelte ihr Wecker nicht. Sie hatte die Batterien herausgenommen. Sie hatte die Zeit angehalten. Sie hatte den Kreislauf ihres Lebens in eine andere Bahn gelenkt. Und das erste Mal in ihrem Leben erkannte sie die richtige Zeit.

Sie spürt den Sand unter ihren Füßen, als sie mit ihren Sportschuhen darin versinkt, hört das Meer sanft rauschen. Sie riecht die frische salzige Luft und sieht die Wellen sich brechen am sandigen Ufer. Als sie etwas funkeln sieht in der brodelnden Gischt des Ozeans, schlendert sie näher heran.

Sie zieht sich die Schuhe aus, um den Sand unter ihren Füßen zu spüren und betritt den nassen Teil des Ufers, der zuvor von den Wellen berührt wurde.

Das klare Wasser umhüllt ihre Zehen und die Sandkörner kitzeln sie sanft, als sie das Glitzern erkennt.

Sie hebt die Flasche auf, deren Inhalt einen kleinen Brief und einen Stift umfasst und öffnet den Korken, um das Blatt vorsichtig heraus zu ziehen.

Eine Schweißperle rollt ihr die Stirn hinunter. Lange war sie nicht mehr laufen gewesen. Sie rollt das Papier in ihren Händen auf.
Doch es ist leer. Es ist frei von jeder Schrift, von jedem Bild. Genau wie sie.
Ein Lächeln fährt ihr über die Lippen.
Und an jenem ungewöhnlichen Tag, in jenem ungewöhnlichen Jahr verändert sich ihr Leben.
Und sie beginnt auf das weiße Papier zu schreiben. Auf die Leinwand ihres Lebens, das sie von nun an selbst kreiert. Und das erste Mal antwortet sie ihren Träumen.

„Was ist dein liebster Traum?“ – „Das Leben.“
„Was bedeutet für dich Zeit?“ – „Sie jeden schönen Moment anhalten“
„Würdest du mit mir verreisen?“- „Jeder Zeit“.

Wenn die Zeit rennt, die Momente überholt werden und unser Leben aus geschlossenen Räumen, surrenden Computern und Filterkaffee besteht. Unsere Träume zu uns sprechen und wir sie vor lauter tickender Uhren nicht hören – dann finden wir doch manchmal eine kleine Flaschenpost am Strand unserer Gedanken, angespült aus den Wünschen unseres Herzens, die gefüllt ist mit all unseren Lebensträumen.

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