Fahrzeugbrief

Hallo, darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Nepomuk, und seit mittlerweile sechs Jahren fahrbarer Untersatz, Fitnessgerät, Babysitter und Familienmitglied. Wie ich zu dieser Ehre kam? Hier folgt die Antwort:

Warum kein Porsche?

Meine Familie wohnt in der Innenstadt einer deutschen Großstadt und hat noch nie ein Auto besessen. Nicht einmal geschenkt wollten sie eines haben, obwohl es ihnen mehrfach angeboten wurde. Warum, fragt ihr mich? Sind sie wahnsinnige Idealisten, radikale Umweltschützer, bereit, sich in asketischem Verzicht zu üben, um die Feinstaubwerte sinken zu lassen?

Zugegeben, der Umweltaspekt lässt meine Familie in der Nacht wohlig schlummern, denn, zumindest was den Transport angeht, sind sie unabhängig von fossilen Brennstoffen und emissionsfrei. Doch tatsächlich gab es einige viel pragmatischere Gründe, auf ein Auto zu verzichten:

Erstens: Die Kosten, die Kosten. Bei einem Auto sind die Anschaffungskosten fast schon zu vernachlässigen, wenn man sich den monatlichen Unterhalt anschaut. Versicherung, Wartung, Steuer… Und dann ist man noch nicht mal gefahren. Die Benzinpreise steigen ja auch ständig.

Zweitens: Schon mal einen Parkplatz in der Innenstadt gesucht? Die meisten Altbauten haben keine Stellplätze, Anwohnerparken ist der Hohn und einen privaten Stellplatz mieten verursacht wieder (siehe oben) Kosten. Und natürlich Nerven, wenn man jedes Mal kilometerweit vom Parkplatz zum Ziel wandern muss.

Drittens: Zeit und Nerven. In Stoßzeiten ist man schneller gelaufen als mit dem Auto gefahren. Dazu kommt die elementare Arschlochigkeit aller Autofahrer. Es ist Zauberei: sobald man in ein Auto steigt, mutiert man zu einem Berserker. Als Nervenbündel brüllt man jeden an, der gerade etwas unaufmerksam war, sieht sich selbst dafür immer im Recht und teilt das auch gerne aller Welt mit. Beifahrer werden kleinlaut und ängstlich, wenn sie sich nicht gerade an der Tirade beteiligen. Für das Seelenheil ist es sicher besser, um jedes Auto einen großen Bogen zu machen.

Lastenesel gesucht

Doch schließlich kam der Tag, als meine Familie zu groß wurde, um einen durchschnittlichen Wocheneinkauf im Rucksack nach Hause zu schleppen. Bereits da ernteten sie ungläubige Blicke, als Familie mit zwei Kindern und ohne Auto. Doch dann sahen sie mich. Besser gesagt einen meiner edleren Vetter, ein veritables „Christiania-Bike“. Ein Dreirad mit einer großen Kiste vorne, schlicht und überraschend wendig, auch wenn es aussieht wie ein Panzer. Sie verliebten sich sofort. Doch dann die Ernüchterung: bei einem Basispreis von heute knapp 1600 € und mit dem nötigen Zubehör war das Rad alles andere als ein Schnäppchen. Gebrauchte Transporträder gab es damals noch kaum, da nur wenige in Deutschland unterwegs waren.

So kam ich ins Spiel. Ich wurde in China hergestellt, und kam inklusive allem Zubehör auf etwa die Hälfte. Meine Familie bestellte mich und baute mich aus mehreren Teilen selbst zusammen. Ein wenig Ikea-Feeling also. Als Diebstahlschutz und aus ästhetischen Gründen kam auf meine von Natur dunkelbraune Lackierung als Eyecatcher viel bunte Farbe, und seitdem bin ich im Dienst. Auch wenn ich bei jedem Wetter draußen stehe (ich bin nämlich für den durchschnittlichen Fahrradkeller bei weitem zu groß und zu schwer), halte ich mich immer noch wacker. Meine hölzernen Bauteile mussten nach und nach ersetzt werden, und ich kann auch einige wenige rostende Stellen nicht verbergen, und doch fahre ich ungebrochen weiter.

Revolution auf Rädern

Für meine Familie bin ich mittlerweile unbezahlbar: meine Kiste hat mehr Volumen als der durchschnittliche Kleinwagen. Ich habe unzählige Bierkästen, Möbel, Weihnachtsbäume und Kinder transportiert, zu besonderen Gelegenheiten auch Erwachsene. Ich koste fast nichts im Unterhalt, bis auf den gelegentlichen neuen Schlauch und hin und wieder ein Ersatzteil. Obwohl ich recht groß bin, findet sich für mich immer ein Platz zum Abstellen. Und für das Seelenheil ist gesorgt: Wenn ich vorbeifahre, lächeln die Menschen immer und begrüßen mich. Ich hoffe, damit habe ich ein wenig dazu beigetragen, dass immer mehr meiner Verwandten in der Stadt unterwegs sind.

Zweirädrige Long-Johns, wendige, kleinere Dreiräder, Kindertransporter und Hunderäder, sie sind immer häufiger zu sehen. Vor allem, seit Transporträder auch mit elektrische Unterstützung fahren. Für meine Familie zählt auch der Fitnessaspekt, so dass sie nie über einen Motor nachgedacht haben, aber besonders bei hügeligem Gelände ist es sicher eine gute Anschaffung.

Leider treibt die elektrische Unterstützung den Preis der ohnehin teuren Räder in die Höhe, dazu kommt, dass die meisten Lastenräder nicht ganz so multifunktional sind wie ich – die Kisten kleiner und für den spezifischen Zweck geformt, also Kinder- oder Gütertransport, dabei schlecht umbaubar. So bleiben Lastenräder leider zumeist noch ein Vergnügen für junge, hippe und vor allem solvente Großstädter. Dabei interessieren sich sehr viele arme Menschen für mich, denn ich würde ihnen ein gutes Stück Freiheit verschaffen, wenn sie sich kein Auto leisten können. Meist entscheiden sie sich dann aber doch für ein klassisches Fahrrad mit Anhänger. Diese sind gebraucht um ein Vielfaches günstiger zu haben, und auf jeden Fall flexibler.

Investitionshilfen

Ein weiterer Bereich, in dem Lastenräder jeder Form immer häufiger anzutreffen sind, ist der innerstädtische Lieferverkehr. Dies ist auch der zunehmenden Förderung von Lastenrädern für die gewerbliche Nutzung zu verdanken. Seit Anfang des Jahres werden Schwerlasträder (ab 150kg Zuladung) mit elektrischer Unterstützung mit 30% bis zu maximal 2500€ gefördert. Etliche Kommunen sowie das Land Baden-Württemberg bieten darüber hinausgehende Förderungen, teilweise auch für Räder ohne elektrische Unterstützung, und z. B. in München auch für privat genutzte Räder. Manche dieser Kommunen zahlen dann auch eine Prämie für die Verschrottung eines Pkw.

Darüber hinaus gibt es verbreitet „Cargobike-Sharing“, das von der Prämisse ausgeht, dass man nur gelegentlich ein Lastenrad braucht, wenn man mehr als den üblichen Wocheneinkauf aufzuladen hat oder mal besonders unhandliche Teile transportieren muss. Für Familien mit Kindern ist das aber eher keine Option. Meine Familie braucht mich so gut wie täglich, und selbst wenn bald auch das jüngste Kind aus mir rausgewachsen ist, werde ich wohl nur selten ungenutzt herumstehen. Meine damaligen Kosten habe ich längst wieder eingespielt, so dass ich jetzt nur noch Nettigkeiten von meiner Familie erfahre: eine schickere neue Klingel, einen Sitzbezug und bald eine bessere Bremsanlage.

So hoffe ich, dass die hohen Kosten für meine näheren und entfernteren Verwandten immer weiter abnehmen, denn wir lassen die Innenstädte wieder aufatmen. Wir sind platzsparender, leiser und natürlich auch sauberer als jedes Auto, unsere Fahrer sind gut gelaunt und grüßen sich. Und natürlich bieten wir eine Menge Platz zum kreativen Austoben. Vielleicht sehen wir uns ja dann bald auf Rädern. Liebe Grüße, euer Nepomuk.

Ghostwriter: Marta Kneip


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