Er hat das Rad neu erfunden

Harald Oeler restauriert alte Rennräder aus den 70ern und 80ern. Ein Hobby zwischen Nostalgie, Technik und Kreativität. Uns gab er Auskunft über diese Arbeit.

Wenn ich „Nostalgie“ bei Google eingebe, kommen 26,5 Millionen Treffer. Nostalgie ist wie Heimweh an eine andere Zeit, zum Beispiel die Epoche unsere Kindheit. Wir versuchen, wieder in diese vergangene Zeit einzutauchen. War damals nicht alles noch viel einfacher und schöner? Normalerweise hat man die fragliche Zeit selbst erlebt und kann auf eigene Erinnerungen zurückgreifen: Die bunte Schultüte am ersten Schultag, das erste Fahrrad und dass ein Sturz damit gar nicht mehr so schlimm war, nach einem Knutscher von Mama. Das kennt jeder. Aber es gibt auch eine Nostalgie, an Zeiten die man selbst gar nicht miterlebt hat. So eine Nostalgie hat Harald Oeler in ihren Bann gezogen: Angefangen hat alles mit einem alten DDR-Fahrradrahmen der Marke Diamant, den Harald Oeler bei einem Bekannten entdeckte.

Seitdem verbringt er viel Zeit mit Schrauben, Ausprobieren, Ersatzteile beschaffen, neu Lackieren und vielem mehr. Aus alten, verrosteten, verstaubten und verbogenen Fahrradrahmen macht er wieder echte Schmuckstücke. Rennräder die wie neu blitzen und blinken, frisch poliert und mit prall aufgepumpten Reifen. Sein Ziel: Die Fahrräder sollen wieder genauso aussehen wie sie waren als sie vor 30 oder 40 Jahren zum ersten Mal verkauft wurden. „Es hat mich ziemlich fasziniert, wie man aus diesem alten Rahmen, der da rumhing wieder was tolles Fahrendes machen kann,“ erzählt der Berufsmusiker. Fahrradaffin war er zwar schon immer, aber mit so alten Rädern kannte er sich kaum aus: „Eigentlich wusste ich darüber viel zu wenig, da die technische Weiterentwicklung in den letzten 30, 40 Jahren natürlich immens war.“ Trotzdem hat er es geschafft, den alten Rahmen zu restaurieren und wieder fahrtüchtig zu machen – nicht zuletzt, weil er sich online Hilfe suchte. „Es gibt eine riesige Internetcommunity. Die sind unglaublich organisiert und hilfsbereit,“ beschreibt Harald Oeler die Fahrrad-Upcycling-Szene. Vor 20 Jahren schätzt er, wäre ihm der Einstieg in dieses Hobby dagegen wohl noch schwerer gefallen. Hier trifft Zukunft auf Vergangenheit, moderne Technik erleichtert es retro zu sein.

Technisches Vorwissen findet er gar nicht so wichtig, stattdessen aber einen starken Willen.

Aber auch offline treffen sich die Fans von Oldtimer-Rädern manchmal. Zum Beispiel beim nostalgischen Radrennen „L’eroica“, welches jeden Herbst in der Chianti-Region in Italien stattfindet. Hier darf nur teilnehmen, wer mit einem Original-Rennrad von vor dem Jahr 1987 antreten kann. Es gibt Routen von 38 bis zu 205 Kilometern, größtenteils über die typischen toskanischen Schotterstraßen. Eine echte sportliche Herausforderung, bei dem viele Fahrer (vor allem wegen ihrer altmodischen Räder) an ihre Grenzen gehen. Doch das Abenteuer lohnt sich, denn „eroica“ bedeutet übersetzt heldenhaft – und wer möchte nicht gern ein Held sein? Das Rennen gibt es schon seit fast 20 Jahren in Italien und die Idee wurde inzwischen erfolgreich unter anderem nach Kalifornien, Südafrika und Japan importiert.

Auch Harald Oeler würde gerne mal mit einem seiner Räder an der „L’eroica“ teilnehmen, denn ihm ist es besonders wichtig, dass er mit seinen restaurierten Rädern auch wirklich fahren kann. Das sei zum Teil in der Szene anders berichtet er: „Da werden astronomische Preise für abgefahrene alte Reifen bezahlt, damit das Rad wieder so ist, wie es ursprünglich gebaut wurde.“ Aber sicher fahren kann mit porösen Reifen eben niemand.

Wer auch mal ein Fahrrad restaurieren will, dem empfiehlt Harald Oeler neben verschiedenen Foren im Netz (siehe unten) auch Learning by Doing. „Einfach ausprobieren, wenn etwas nicht geht“, ist sein Tipp. Technisches Vorwissen findet er gar nicht so wichtig, stattdessen aber einen starken Willen. „Wenn man das wirklich lernen will, findet man Mittel und Wege,“ meint er. Am meisten fasziniert ihn an seinem Hobby immer noch die Symbiose aus Alt und Neu: „Mir macht es einfach Spaß, etwas Neues, Eigenes einzubringen und zu schaffen und gleichzeitig das Alte zu erhalten.“

Und der Platz in der Garage? Der ist nun ziemlich begrenzt. Deshalb hängt bei Harald Oeler ein Puch mit Reynolds 531 Rahmen an der Wand. „Aber es fährt super!“

Für alle, die auch noch irgendwo ein altes Rad rumstehen haben und es wieder flott machen wollen, empfehlen wir diese Internetseiten und Foren:

  • Das Forum unter rennrad-news.de bietet unter anderem einen sehr umfangreichen Markt für Ersatzteile im Bereich Rennräder.
  • Spezialist mit Onlineshop in Sachen DDR-Räder: radgeber-brieselang.de
  • bikeboard.de/… ist ein Forum mit Schwerpunkt auf alte Rennräder der Marke „Puch“.
  • Auf dem Blog „Mountainbiking Münster“ findet ihr einen ausführlichen Bericht mit Tipps zum Thema Rennrad-Restauration unter folgendem Link: mtb-ms.de/vintage-rennrad-restaurieren/

 


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1 comment

  1. Olli Antworten

    Hi Leoni,

    schöner Artikel. Macht natürlich Lust auf ein paar Bilder der restaurierten Räder 🙂 Habt ihr da noch welche oder findet man da etwas online?

    Ansonsten auch noch einmal vielen Dank für die Erwähnung von meinem Artikel zum Thema!

    Grüße aus Münster
    Olli