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Kultur & Zeugs

„Eine Lücke in der kein Geld zu holen ist“

Auf der Bühne stehen sie meist ganz allein mit ihrer Gitarre, aber auch in der Branche der Singer/Songwriter ist Netzwerken wichtig. Mehrere befreundete Musiker haben deshalb in Stuttgart das Feierabendkollektiv gegründet.   

Es sieht fast aus wie eine Privatparty: Ein Kellerraum mit Fachwerkbalken, einer kleinen Bar und vielen gemütlichen Sofas. Im warmen Licht sitzen Junge und Junggebliebene, trinken Bier und rauchen. Doch als dann zwei Mitglieder der Band Albert Schnauzer Love Explosion die improvisierte Bühne betreten und mit ihren Songs loslegen schlägt die Stimmung um: Plötzlich ist das hier ein Konzert und keine Party mehr, die Leute im Raum keine Gäste, sondern ein Publikum. Und dessen volle Aufmerksamkeit gilt der Musik, die den Raum erfüllt.

Dass er heute selbst mit seinem Drummer als Vorband auf der Bühne steht, sei die absolute Ausnahme hat mir Albert Schnauzer vorher im Interview versichert. Er trägt Schiebermütze und Drei-Tage-Bart und man hört ihm an, dass seine Stimme Bühnenerfahrung hat. „Das Feierabendkollektiv ist entstanden, weil wir immer mal wieder Gäste nach Stuttgart einladen,“ erzählt er. „Wir“ sind in diesem Fall sechs Musiker und Musikerin aus dem Raum Stuttgart und aus einem „immer mal wieder“ entstanden regelmäßige Konzerte und schließlich sogar ein ganzes Festival. Das Vive la Vie-Festival fand 2016 bereits zum vierten Mal in Eliszis Jahrmarktstheater auf dem Stuttgarter Killesberg statt. „Das ist sehr gut angekommen“, berichtet Schnauzer.

Durch private Umzüge hat sich das Wirkungsgebiet vom Feierabendkollektiv inzwischen etwas über den Raum Stuttgart hinaus vergrößert. Das Konzert heute findet in Tübingen statt – stilecht (bei einer Unistadt) in einem Studentenwohnheim.

„Die spezielle Musik auf unseren „Feierabendkonzerten“ braucht eine bestimmte Atmosphäre“, so Schnauzer. „Gerade bei Musikern mit deutschen Texten kommt es darauf an, dass das Publikum auch zuhört.“ In einer großen Kneipe würde das schwieriger. „Wir versuchen eine gemütliche Stimmung zu kreieren, um der Musik, die gespielt wird Rechnung zu tragen“, fasst er das Konzept von Feierabendkollektiv zusammen.

Als Liedermacher bist du wahnsinnig viel unterwegs. 

Deshalb gibt es auf den Konzerten meistens auch Sitzmöglichkeiten und nicht die typischen Konzert-Stehplätze. Manche aus dem Publikum wie die zwei jungen Frauen Judith und Mimu wundern sich darüber ein bisschen. Sie haben über Freunde von dem Konzert erfahren und sind als Fans der Rockgruppe Ton Steine Scherben vor allem wegen dem Hauptact da: Die Band SCHERBE kontra BASS besteht aus dem „Ton Steine Scherben“-Gitarrist Marius del Mestre und Akki Schulz am Kontrabass. Sie interpretieren die Songs, die in den 70er und 80er Jahren von Rio Reiser für die Scherben geschrieben wurden, auf ihre eigene Art neu. Das sind Lieder, die politisch sind, für eine Überzeugung stehen. Passt auch ganz gut zum Veranstalter Feierabendkollektiv: „Um sowas zu machen musst du Überzeugungstäter sein. Du machst das nicht, um Geld zu verdienen“, stellt Albert Schnauzer klar. Bei den meisten Konzerten müssen die Zuhörer keinen Eintritt bezahlen aber es werden Spenden gesammelt. „Die Einkünfte gehen fast komplett an die Musiker und für die Techniker, die auch zu unserem Team gehören, gibt’s noch ein bisschen was“, erklärt Schnauzer. Für ihn und seine Musiker-Kollegen, die das Ganze organisieren gilt: „Wir machen das eher als Hobby und aus diesem Netzwerk-Gedanken.“ Denn die allermeisten Bands und Künstler, die sie einladen und die bei ihnen anfragen sind persönliche Bekannte und Freunde.

„Als Liedermacher bist du wahnsinnig viel unterwegs und es ist üblich, dass vier oder fünf Künstler an einem Abend spielen. Dadurch lernt man sich gegenseitig kennen,“ berichtet Albert Schnauzer. „Im gehobenen, semi-professionellen Bereich in der Musikbranche ist es sehr wichtig, dass man solidarisch ist und sich vernetzt.“ Und das Netzwerk wächst und wächst: Inzwischen waren sogar schon internationale Bands aus Finnland oder den USA bei Feierabendkollektiv zu Gast. Dabei bleiben die Gastkünstler meist im Genrebereich von Singer/Songwriter-Musik, Folk und Country. „Für die Leute die uns kennen, ist das wie eine Marke. Außerdem sind wir auch ein bisschen festgelegt durch den Rahmen, in dem das Ganze stattfindet. Eine Reggaeband mit acht Mitgliedern passt einfach räumlich oft nicht rein,“ erklärt Schnauzer.

Ohne Zweifel erfüllen Feierabendkollektiv mit ihren Konzerten andere Bedürfnisse als große Konzerthallen die zehntausend Menschen fassen. Das Publikum braucht hier keine Großbildleinwand um die Künstler zu sehen, sondern erkennt auch so jeden Gesichtsausdruck und ist ganz nah dran. Albert Schnauzer drückt das Ganze so aus: „Wir füllen da eine Lücke.“ Und ergänzt: „Eine Lücke, die dadurch entstanden ist, dass dort kein Geld zu holen ist.“

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