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Eine Anthologie: Mal ganz anders

Spreche ich von einer Anthologie, ist meist ein fragendes Stirnrunzeln meines Gegenübers die Reaktion. Gefolgt von der Frage: „Was ist eine Anthologie?“

Anthologien zählen zu einer der weniger bekannten literarischen Gattungen, deshalb eine Erklärung der Bezeichnung vorneweg:

Eine Anthologie ist eine Sammlung von Texten – Gedichte sowie Geschichten – welche in einem Buch zusammengefasst werden. In der Regel handelt es sich dabei um Werke verschiedener Autoren, der Begriff kann jedoch auch für eine Auswahl an Texten eines einzelnen Autors verwendet werden. (In diesem Fall würde die Textsammlung im Allgemeinen jedoch unter der Bezeichnung „Best of …“ laufen.)

Die Texte behandeln ein bestimmtes Oberthema – beispielsweise dunkle Gestalten oder eine düstere, verdrängte Vergangenheit – und stellen somit die Verbindung zwischen den einzelnen Texten her. Bei Schreibwettbewerben ist es nicht unüblich, die besten Werke anschließend in einer Anthologie zu veröffentlichen.

Bedauerlicherweise werden Anthologien oft stark unterschätzt und kaum gelesen. Wenn man sich jedoch die Zeit nimmt, zu einer dieser Textsammlungen zu greifen, wird man schnell eines Besseren belehrt.

Anders als das altbekannte Sprichwort „Viele Köche verderben den Brei“, behauptet, ist es gerade das Mitmischen vieler verschiedener Autoren, was erst den Reiz des Buches ausmacht. Dem Leser werden viele unterschiedliche Texte geboten. Jeder Autor bringt seinen eigenen Stil, seine eigene Art zu erzählen und zu beschreiben mit in das Werk hinein. Dass die Texte – ob nun Lyrik oder Prosa – zu dem gleichen Thema verfasst wurden, macht die Sache nur noch spannender. Dabei ist nicht zu befürchten, dass sich die Geschichten der Autoren möglicherweise ähneln könnten.

Verfasst wurde das Buch von insgesamt 13 Autoren.

Zu einem einzigen Thema gibt es unzählige Handlungen die erzählt, Charaktere die beschrieben und Welten die erschaffen werden können, dass es praktisch ausgeschlossen ist, eine sich ähnelnde Geschichte in den Texten wiederzufinden.

Jeder Autor entwickelt einen eigenen Lösungsansatz für das Thema und hat seine eigene Weise, mit diesem umzugehen.

Die letzte Fahrt des Admirals zeigt einen bisher einzigartigen Umgang mit der Gattung der Anthologie. Anders als bei einer „herkömmlichen“ Anthologie, in welcher es keinen anderen Bezug zwischen den Werken gibt als das Thema, verfassten die Autoren des Admirals eine zusammenhängende Geschichte.

Erzählt wird ein Kriminalroman, in dem der Mord an einem Admiral geklärt werden muss. Verfasst wurde Die letzte Fahrt des Admirals von G.K. Chesterton, Canon Victor L. Whitechurch, G.D.H und M. Cole, Agatha Christie, Henry Wade, John Rhode, Milward Kennedy, Dorothy L. Slayers, Ronald A. Knox, Freeman Wills Crofts, Edgar Jepson, Clemence Dane, Anthony Berkely; insgesamt 13 Autoren.

Nun könnte man die Sache, einen gemeinsamen Krimi zu schreiben auf die übliche, aber auch langweiligste, Weise gestalten: Die Autoren setzen sich gemeinsam an einen Tisch, diskutieren den gesamten Ablauf. Wer wird verdächtigt? Wer ist der Mörder? Wie soll er gefasst werden? Welche Hürden hat der Ermittelter auf seiner Verbrechersuche zu überwinden? Mit einer einvernehmlichen Lösung könnte dann der Kriminalroman verfasst werden, indem jeder der Autoren alle Schritte, alle Biegungen der Handlung genauestens kennt.

Das wäre wenig spannend. Vor allem müssten die Autoren darunter leiden, müssten Kompromisse schließen und könnten nicht ihrer eigenen Vorstellung ausleben.

Im Admiral haben die Autoren eine andere Herangehensweise gefunden. Jeder Autor verfasste ein eigenes Kapitel, hatte sich dabei jedoch an zwei Spielregeln zu halten:

  1. Ohne die Lösung der Schreiber der vorherigen Kapitel zu kennen, musste der nachfolgende Autor die gestellten Probleme und die Rahmenhandlung beibehalten. Dabei hatte er seine eigene Lösung des Kriminalfalls im Auge zu behalten und auf diese hinzuführen. (Die jeweiligen Lösungen der Autoren wurden dem Krimi im Anhang beigefügt. Der Leser hat somit die Möglichkeit, den Gedankengängen der Autoren zu folgen.)
  2. Der nachfolgende Autor musste die von den Vorgängern beschriebenen Schwierigkeiten und Komplikationen beibehalten und für seine Lösung beachten.

Aus diesem Vorhaben entstand ein Kriminalroman, in dem jedes Kapitel prinzipiell einen anderen Lösungsansatz beinhaltet. Es ist faszinierend, wie versucht wird, den nachfolgenden Autor in seinem Sinne zu beeinflussen – und sich dabei an die vorherigen Kapitel zu halten.

Besonders lustig wird die Sache dann, wenn der Autor des letzten Kapitels beschließt, den anderem Mal salopp und gekonnt einen Strich durch die Rechnung zu machen …

Mein Fazit:

Eine Anthologie ist alles andere als trivial. Den kreativen Köpfen der Autoren entspringen zu ein und demselben Thema unglaublich vielseitige Werke, die so unterschiedlich gestaltet sind – in Handlung, Stil und Erzählung -, dass einem unmöglich langweilig werden kann.

Und sogar das Schreiben einer Anthologie kann für die Autoren zu einer fordernden, interessanten Angelegenheit werden.

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