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Kultur & Zeugs

Eierschrift aus Gyimes

Ostereiersuchen, Eierfärben, Osterzöpfe und Osterfeuer: Jedes Jahr aufs Neue sind die Osterfeiertage Gelegenheit, tief in die Traditionskiste zu greifen. Diesmal widmen wir uns einem weit entfernten, aber auch sehr alten Brauch: dem Eierschreiben der Gyimeser Tschangos.

In den südöstlichen Karpaten liegt das idyllisch abgelegene Gyimes-Tal, dessen Bewohner weithin Berühmtheit erlangten durch ihre besondere Art, Ostereier zu verzieren. Die Gyimeser Tschangos wanderten vermutlich im 17 oder im 18 Jahrhundert aus siebenbürgischen und moldauer Dörfern des ungarischen Stammes der Szekler ein. Durch die isolierte Lage in den Bergen konnten sich viele archaische Bräuche erhalten, die im 20. Jahrhundert das Interesse der Ethnologen erweckten. Trotz der assimilierenden rumänischen Bildungspolitik der 60er und 70er Jahre konnten die Tschangos ihre Traditionen bis in die 90er Jahre erhalten, als endlich nach dem Ende des Kommunismus die ersten schriftlichen Aufzeichnungen erfolgten.

Der Brauch des Ostereier-„Schreibens“ hat sich ebenfalls bis heute erhalten und wird von Jung und Alt praktiziert. Noch ist diese Tradition nicht kommerzialisiert und die Eier werden meist nur zum Eigengebrauch hergestellt, auch wenn sich die örtlichen Dorfgemeinschaften sehr um einen verträglichen Tourismus bemühen. Die ursprüngliche Beschäftigung der Talbewohner in der Forstwirtschaft und der Weidehaltung reicht in der heutigen Zeit kaum zum Leben. Die Zahl der Besucher steigt aber durch die Abgeschiedenheit des Tales nur langsam.

Die Dorfbewohner treffen sich an Karfreitag, um gemeinsam dem Eierschreiben zu widmen. Die Kinder sitzen Seite an Seite mit den Eltern, und werden so früh angeleitet, selbst Teil der Tradition zu werden. An Karfreitag ist strenges Fasten Programm. Nach der langen Fastenzeit, in der nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf andere Genüsse verzichtet wird, ist es schwer, noch stärkeren Verzicht zu üben. Deshalb hat das Eierschreiben eine gewissermaßen meditative Funktion – es soll vom nagenden Hunger ablenken und Händen und Gedanken Beschäftigung bieten.

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Für das Beschreiben der Eier werden erst einmal einige Utensilien benötigt. Wie bei einer Teezeremonie legt man sich in Ruhe alles zurecht. Man benötigt weiße Eier, Bienenwachs als Tinte, ein Stückchen Holzkohle, ein entbehrliches hitzefestes Gefäß und die Schreibfedern, „kesice“ (sprich: Kessitsche) genannt.

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Diese Schreibfedern bestehen aus einem dünnen Stück (Kupfer)blech, ca. 1 bis 1,5cm breit, aus dem an einer Nadel ein kleines Röhrchen gerollt wird. Je dünner das Röhrchen, desto feiner die Schrift. Damit der Strich noch gleichmäßiger wird, kann in das Röhrchen noch ein einzelnes Pferdehaar eingeführt werden. Das Röhrchen wird mit einer Schnur aus Naturfasern wie Flachs oder Hanf an einem Holzstiel befestigt. Kunststoff ist nicht hitzefest und würde beim Schreiben schmelzen.

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Die Eier werden zunächst gekocht und dann abkühlen gelassen. Meist überstehen nicht alle Eier den Kochvorgang, so dass man ein wenig Überschuss einplanen sollte. Wer sehr talentiert und geübt ist, kann die Eier auch ausblasen. Dabei sollte man jedoch berücksichtigen, dass die Eierschale dadurch fragiler wird und leichter beim Schreiben bricht.

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Während die Eier abkühlen, kann schon mal das Wachs vorbereitet werden. Dafür verwendet man am besten tragbare Kochplatten, die draußen aufgestellt werden. Das Bienenwachs entwickelt einen, sagen wir, eigenwilligen Geruch und raucht ein wenig. In einem kleinen Gefäß wird langsam das Bienenwachs, hier haben wir eine einfache, gerollte Bienenwachskerze zerkleinert, erwärmt und geschmolzen. In das geschmolzene Wachs bröselt man ein wenig Holzkohle. Sie färbt das Wachs leicht graugrün und damit ein wenig dunkler. So werden später die Striche auf den Eiern leichter sichtbar.

Jetzt wird die Hitze heruntergedreht, so weit, dass das Wachs gerade flüssig bleibt. Die Federn werden mit der Schreibspitze nach oben in den Topf gestellt, bis sich die Schnur mit Wachs vollgesaugt hat. Es empfiehlt sich, immer mehrere Federn im Wachs zu lassen, da bei der Arbeit das Wachs schnell fest wird. So hat man stets eine neue Feder zur Hand. Die Eier flugs bereitgelegt, schon kann die eigentliche Arbeit beginnen.

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Beim Beschreiben der Eier gilt natürlich: Eile mit Weile. Schließlich möchte man die Zeit füllen, und nicht schnell fertigwerden. Die Eier werden mit der einen Hand gehalten, mit der anderen, den kleinen Finger aufgestützt, werden die Linien gezogen. Erst wird das Ei mit ruhiger Hand in vier Felder aufgeteilt, wie die Meridiane auf dem Globus. Dann zieht man einen Äquator, damit ist das Grundgerüst fertig. Klingt einfach? Die Kunst ist es, den richtigen Moment nicht zu verpassen, wenn das Wachs gerade weich genug zum Schreiben ist. Zu wenig Wachs lässt die Linien zu dünn werden, zu viel hinterlässt unschöne Schlieren.

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Das eigentliche Verzieren beginnt erst jetzt. Es gibt eine Vielzahl Motive, die sich in der Regel auf ein Kreuz als Grundgerüst stützen. Einfache geometrische Muster, Blüten- und Rankenmotive, Herzen, Kronen und natürlich das Kreuz in vielen Varianten bilden einen reichen Formenschatz, der immer weiter tradiert wurde. Alle Motive haben die christliche, österliche Thematik gemeinsam.

Die umfangreichste Mustersammlung stammt von der ehemaligen Gyimeser Lehrerin Antalné Tankó Mária (im Ungarischen steht der Nachname vor dem Vornamen): Gyimesi írott tojások, Cluj 1999. Das Werk ist zur Inspiration online einsehbar.

Als Vorbereitung auf das Färben der Eier und zur Unterhaltung der Anwesenden wurden in diesen Stunden die abenteuerlichsten Lügengeschichten erzählt. Es heißt, je dicker die Lüge, desto besser haftet die Farbe später am Ei. So kann auch für die weniger meditativ Veranlagten das Eierschreiben zum Vergnügen werden.

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Wenn, viele Stunden später, alle Eier mit Bienenwachs verziert sind, folgt das eigentliche Färben. Ursprünglich wurden die Eier mit Zwiebelschalen in einem satten Rotbraun gefärbt. Da das Kaltfärben mit pflanzlichen Farben recht aufwendig ist, werden mittlerweile Ostereier-Kaltfarben aus dem Laden eingesetzt. Ein kräftiges Rot ist wünschenswert, es lässt die Muster am schönsten leuchten. Im Gegensatz zu den ähnlich verzierten sorbischen Ostereiern sind die Gyimeser geschriebenen Eier immer einfarbig Rot, da diese Farbe das Blut Christi symbolisiert.

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Nach dem Färben und Trocknen der Eier muss das Wachs wieder entfernt werden. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten: das Ei kann auf der Herdplatte hin- und hergerollt, über einer Kerzenflamme oder mit einem Fön vorsichtig erwärmt werden, dann wird das nunmehr weiche Wachs mit einem Tuch abgewischt. Zum Abschluss werden die Eier mit etwas Öl oder Fett und einem weichen Tuch glänzend poliert. Nun kann das Osterfest kommen!

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