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Kultur & Zeugs

Die Mandarine – eine geschmacklich sinnvolle Analyse

Mandarinen – das Obst des Winters und der Weihnachtszeit. Ihr Geruch liegt überall in der Luft und jeder isst sie gern. Wirklich? Isst sie wirklich jeder gern? Es folgen die Argumente einer Mandarinenverächterin:

Eigentlich mag ich gar keine Mandarinen. – Ja, Du hast richtig gelesen. Und das, obwohl Mandarinen auf der Verkaufsliste in deutschen Supermärkten hoch im Kurs rangieren, um genau zu sein gehören sie gleich nach Äpfeln und Bananen zum beliebtesten Obst. Erklärbar ist das, weil die Mandarine einen angenehmen süß-säuerlichen Geschmack hat. Auch ist sie sehr gesund, angeblich eine Wunderfrucht beim Abnehmen und zudem praktisch zum Mitnehmen, da sie fast in jede Handtasche passt und zudem durch ihre zähe Schale quetschfest und auslaufsicher sind. Trotzdem esse ich keine Mandarinen.

Offensichtlich habe ich hier einen Geschmack, der deutlich vom deutschen Durchschnittsbürger abweicht. Das liegt nicht daran, dass ich sowieso schon immer anders war als die anderen, sondern begründet liegt meine Ablehnung tatsächlich im haptischen Geschmackserlebnis. Diese Formulierung mag den werten Leser nun irritieren, aber es ist tatsächlich so, dass ich Nahrungsmittel nicht nur aufgrund von Geruch und Geschmack bewerte, sondern dass für mich das haptische Geschmackserlebnis zu jedem Nahrungsmittel dazu gehört und damit eben auch darüber entscheidet, ob ich etwas mag oder nicht mag.

Um das zu verdeutlichen – auch wenn ich dabei kurzzeitig von der Mandarine abschweife – möchte ich ein paar Beispiele benennen. Das haptische Geschmackserlebnis umfasst für mich nicht nur die Temperatur einer Speise, sondern auch die Konsistenz beim Kauen, die Oberflächenbeschaffenheit, die man mit der Zunge ertastet und wie sich die Speise im Mund anfühlt, also ob sie prickelt und spitz ist oder sich weich und rund an den Gaumen schmiegt.

Besonders gerne habe ich Dinge, die knistern und knacken. Vielleicht liegt dies darin begründet, dass ich als Kind zu viel „Magic-Gum“-Knistergummi gegessen habe, der so schön auf der Zunge bitzelt und dabei – wie ich finde – sehr spaßige Geräusche fabriziert. Heute sind es dann andere Lebensmittel, die mich in dieser Hinsicht erfreuen: frische Erbsen, die sich, wenn man darauf beißt, knackend öffnen; Kaviarbläschen, die auf der Zunge kitzeln; oder im Sommer kühles Holunderblütenschorle, das sich geschmacklich weich in den Mund legt und dabei prickelnd den Gaumen umspült. Auch die glatte und kühle Oberfläche von frischem Lachs, der förmlich auf der Zunge zerfließt oder die krosse Schale frisch gebackenen Brotes können mich in Begeisterung versetzen ebenso wie die quietschend gummiartige Substanz von Grillkäse.

Mandarinen sind zwar geschmacklich einwandfrei, aber in haptischer Hinsicht eine Katastrophe.

Immer wieder bin ich tatsächlich irritiert darüber, wie unempfindlich manche Menschen gegenüber solchen Sinneseindrücken sind und ohne mit der Wimper zu zucken oder das Gesicht zu verziehen in mehlige Äpfel beißen, verkochte Nudeln oder Gemüse zerkauen oder gar „lätschig“ gewordene Chips „knabbern“. Aber wären die Menschen nicht so unempfindlich – und hier komme ich wieder zum Thema zurück – würden auch nicht so viele Mandarinen essen.

Denn wie gesagt: Mandarinen sind zwar geschmacklich einwandfrei, aber in haptischer Hinsicht eine Katastrophe. Schon beim Schälen bleiben diese kleinen weißen Fäden an den Fingern kleben und schon seit meiner Kindheit habe ich es, sowohl bei Mandarinen, als auch bei Orangen vergeblich versuch, diese beim Schälen mit bloßen Händen so zu filetieren, dass keine dieser ekligen weißen Fäden übrigbleiben. Berühren diese die Zunge, ist das Grauen perfekt: die pelzige und flaumige Oberfläche gepaart mit einem leicht bitteren Geschmack widern mich an und auch der Versuch des Kauens wird durch die Zähigkeit behindert. Hinzu kommt, dass auch die ledrige und zähe Haut, welche das Fruchtfleisch umhüllt, das Geschmackserlebnis nicht verbessert, da entschädigt auch der geschmacklich angenehme Saft nicht, der beim Beißen austritt. Der pelzig bittere Geschmack von Haut und Fasern ist einfach so dominant, dass er mir die gesamte Mandarine verleidet.

Trotz dieser Abneigung habe ich mich freudig bereit erklärt, den Artikel über Mandarinen zu schreiben. Denn eine Sache gibt es, die Mandarinen in der Weihnachtszeit einfach unverzichtbar macht. Und das ist ihr Duft. Tatsächlich ist für mich der Duft einer geschälten Mandarine unbeschreiblich und mit tiefgehenden Emotionen verknüpft. Schält jemand in meiner Nähe im Spätherbst die erste Mandarine, werde ich ganz wehmütig und mein Herz schlägt Purzelbäume. Erinnerungen an meine Kindheit und Weihnachten steigen empor und es ist dann auch ganz egal, ob ich mich gerade in der Straßenbahn, im Klassenzimmer oder im Wartebereich einer Arztpraxis befinde. Der Geruch betört mich, berauscht mich und ich könnte meinem Gegenüber vor lauter Sentimentalität um den Hals fallen.

Trotz meiner Abneigung welche durch die beschriebenen haptischen Nachteile beim Essen begründet ist, bin ich also froh, dass so viele meiner Mitbürger mit solch großer Begeisterung Mandarinen essen und mich dadurch Jahr für Jahr in eine duftrauschende, glückselige Weihnachtsstimmung versetzen. Und da man von sich gerne auf andere schließt, gehe ich jetzt einfach mal davon aus, es geht den meisten Leuten genauso.

Wollt Ihr also Eure Mitmenschen beglücken, esst mehr Mandarinen.

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