Kultur & Zeugs

Die Beautification von Filmadaptionen

Die Debatte, ob Buch oder Film besser ist, gibt es schon ewig. Wie gut gibt der Film die eigene Vision des Buches wieder? Und was passiert, wenn der Film den Vorstellungen nicht gerecht wird? Denn gibt es einen großen Unterschied, ob Harry Potter (Daniel Radcliffe) jetzt grüne oder blaue Augen hat, oder ob Hermine Granger (Emma Watson) plötzlich konventionell attraktiv ist, was den Charakterplot von Viktor Krum im vierten Buch der Harry Potter Reihe zu Nichte macht.  Genau solche Beispiele möchte unsere Autorin Silke hier zeigen.

Alle sind schöner

Natürlich werden Charaktere schöner dargestellt in Filmen, da man die Filme nicht nur für Buchfans attraktiv machen will, sondern eben auch für andere Kinobesucher. In Hollywood ist Attraktivität sehr wichtig, das ist den meisten klar. Dadurch wird Margo Roth Spiegelman aus dem Buch Margos Spuren (John Green 2008), die als weder dick noch dünn, oder kurvig, beschrieben wird, von Cara Delevigne im gleichnamigen Film (2015) gespielt. Delevigne was zu der Zeit sehr beliebt und hat charakterlich gut zur Rolle gepasst, wenn auch nicht vom Aussehen.

Natürlich gibt es auch noch viele Beispiele. Allein bei Harry Potter sind die drei Hauptcharaktere, Harry, Ron (Rupert Grint) und Hermine, laut Autorin J. K. Rowling attraktiver als sie sich die drei vorgestellt hat. Sie sagt aber auch selbst, dass ihr das bewusst war, „Ich bin ja kein Idiot“.

Die Filmhermine

Ich möchte hier noch mehr auf Hermine Granger eingehen. Rowling beschreibt sie als „hässliches Entlein“, was natürlich nicht auf die Schauspielerin Emma Watson zutrifft. Aber das nimmt viel von ihrer Rolle weg. Ignorieren wir mal, dass Hermine im Film viel weniger Charakterfehler aufweist, ihre nervigen Angewohnheiten sind ab dem zweiten Film nur noch schwer zu finden. Wir ignorieren auch, dass viele heroische Dinge, die Hermine im Film tut, eigentlich Momente sind in denen Ron scheinen sollte.

Hermine wird im Buch mit Hasenzähnen und wilden Haaren beschrieben. Im ersten Film sehen die Haare auch noch ungebändigt aus, aber das wurde ab dem dritten Film aufgegeben. Ansonsten ist die einfach ein attraktives junges Mädchen. Und genau hier liegt der Fehler. Ron und Harry lechzen nach jedem Mädchen, dass sie attraktiv finden, und niemand kann mir erzählen, dass sie nicht auch Emma Watson nachgelaufen wären. Hermine sollte nicht so attraktiv sein, damit die Transformation im vierten Buch/Film auch stattfinden kann.

Im vierten Teil (Harry Potter und der Feuerkelch) denken Harry und Ron nicht einmal daran Hermine zum Weihnachtsball einzuladen. Sie ist für Ron nur die letzte Lösung, aber sie wurde bereits eingeladen, und zwar vom beliebten und berühmten Quidditch-Spieler (Sportart in der Buchreihe) Viktor Krum. Krum zeigt schon früh Interesse an Hermine, was niemand versteht, da sie im Buch eben nicht konventionell attraktiv ist. Mit Watson als Hermine, fragt ein beliebter Junge ein attraktives Mädchen zum Schulball. Wow. Die Transformation von Hermine im Film gelingt damit einfach nicht. Das ist auch der Wendepunkt für die Beziehung von Ron und Hermine, da er sie auf einmal in einem anderen Licht sieht. All das geht verloren, da Hermine im Film hübscher ist.

Wenn sich auch der Charakter verändert

Ein anderes Beispiel ist Charlotte Brontes Jane Eyre (1847). Wenn man sich die Verfilmung von 2011 ansieht, mit Mia Wasikowska als Jane Eyre und Michael Fassbender als Mr Rochester, denkt man nicht, dass die Liebe zwischen den Beiden unerwartet ist. Jane Eyre soll jung und unscheinbar sein, und Rochester alt, unattraktiv und mürrisch. Der Altersunterschied zwischen den zwei Schauspielern ist zwar erkennbar, aber mürrisch und vor allem unattraktiv kommt Fassbender im ganzen Film nicht rüber. Es verändert die Dynamik zwischen den zwei Charakteren, was nicht so schlimm wäre, wenn sie nicht noch Rochesters Charakter verändert hätten. Im Buch ist er manipulativ und aufreibend, im Film hingegen ist er einfach nur direkt. Das verändert seine komplette Entwicklung. Im Buch versucht er bewusst sich zu ändern, und überkommt am Ende auch viele seiner Fehler. Im Film hingegen nimmt er seine Vergangenheit als Grund für seine Fehler und versuchen zu zeigen, dass er trotz dessen ein gutes Herz hat.

Diese Verschönerungen haben auch etwas damit zu tun, welche Namen in Hollywood welche Beliebtheit in der Zeit haben. Werden Filme und Serien aus Europa mit Filmen und Serien aus Amerika verglichen, wird oft deutlich, dass in Europa die Schauspieler eher aussehen wie Ottonormalverbraucher und nicht wie Halbgötter. Natürlich gibt es da auch Gegenbeispiele.  Aber wird beispielsweise die schwedische Version des Filmes Verblendung (2011) und die amerikanische (2009) betrachtet, fällt auf, dass die Charaktere im schwedischen Film einfach normaler aussehen. Viele Fans der Buchtrilogie von Stieg Larsson bevorzugen gerade deshalb die schwedische Produktion.

Doch nicht nur Beautification ist ein Problem

Es ist bei so etwas immer wichtig darauf hinzuweisen, dass Filme und Bücher komplett unterschiedliche Medien sind, was viele vergessen. Beide Medien sind ein Mittel, um eine Welt aufzubauen aber auf recht unterschiedliche Art und Weise, nicht alles was in Büchern funktioniert, funktioniert auch in Filmen. Das sagt auch John Green in einem alten Tumblr Post, in dem er über die Verfilmungen seiner Bücher redet. Er sagt Buchverfilmungen sollen nicht die Visualisierung eines Buches sein. Sie sind ihr eigenes Werk, die Vision des Regisseurs, oder wie er das Buch interpretiert und eben auch die Charaktere.

Zum Schluss möchte ich noch auf etwas hinweisen, was bis heute ein Problem ist, ich aber nicht als Verschönerung bezeichnen würde: „Whitewashing“. Whitewashing beschreibt die Besetzung von Rollen die für POC (People of color) bestimmt sind, an weiße Menschen. Das ist nicht nur ein Problem der Repräsentation der Volksgruppe, sondern verhindert auch, dass POC sich in den visuellen Medien sehen und sich damit identifizieren können. Stark betroffen sind dabei Comicbuch-Verfilmungen und Manga-Verfilmungen.

Beispiele hierfür sind Ra’s al Ghul in Batman Begins, der arabischer Abstammung ist, aber vom irischen Schauspieler Liam Neeson gespielt wird. Oder die komplette Netflix Verfilmung von Death Note, die Nat Wolff in der Hauptrolle hat und plötzlich nicht mehr in Japan, sondern in Seattle spielt. Auch Scarlett Johansson kommt schon seit Jahren immer wieder in Kritik, da sie nicht nur einmal als weiße in die Rolle einer POC schlüpft, wie auch bei Ghost in the Shell, wobei im Manga alle Charaktere japanisch sind.

Es gibt natürlich noch unzählige weitere Beispiele, aber es wird einem klar, wieso große Hollywood Produktionen dies machen. Anstatt mehr POC-Schauspieler*innen durch ihre Filme berühmt zu machen, casten sie lieber die Gleichen berühmten weißen Schauspieler immer und immer wieder, wenn sie Geld machen wollen. Doch gibt es einen Lichtblick: Langsam gibt es Filme, bei welchen auch POC-Schauspieler*innen eine Hauptrolle übernehmen. Ein Beispiel wäre dafür die Black Panther-Verfilmung.

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