Kurzgeschichte: Der Kleine wusste es

So begann die Reise des Kleinen. Und das Leben. Er lief einfach los. Der Nase nach würde man sagen. Doch das stimmte nicht. Die Nase des Kleinen zeigte nach unten. Sie suchte den Boden ab. Noch wusste er nicht nach was. Er lief. Nein er lief nicht. Einem zögerlichen aber zielstrebigen Stapfen kam es näher. Sein Blick ging nicht zurück. Er war stur nach unten gerichtet. Der Kleine bemerkte nicht, dass seine Eltern in die Ferne schauten. Auf das Meer. Geradeaus. Der Nase nach. Vier Augen auf das glasklare, sich ruhig bewegende Meer gerichtet. Alle Augen waren dort hin gerichtet. Nur zwei kleine nicht. Sie blickten auf den Boden und stapften mit dem Kleinen immer weiter.

Er zählte die Schritte. Das mag verwirrend sein, wenn man bedenkt, dass das im Alter des Kleinen unmöglich ist. Aber er zählte. Auf seine Weise. Im Inneren. Eins… eins… eins… und noch eins. Er mag wohl bis vierundzwanzig gekommen sein als er innehielt. Langsam bewegte sich die winzig kleine Hand Zentimeter für Zentimeter weiter nach unten. Dem Boden entgegen. Der kleine Körper bewegte sich mit. Gerade als er umzukippen drohte, erreichte die Hand den Boden. Sie brauchte drei Anläufe um zuzugreifen. Dann lag es in der winzig kleinen Hand. Mit Schwung schaffte es der Kleine sich wieder hinzustellen. Er schwankte, blieb aber stehen. Dann lösten sich die Fingerchen von dem Schatz. Die Hand öffnete sich. Die Augen leuchteten. Der Kleine strahlte. So rund wie die Sonne. So klar wie das Meer. So rein wie der Himmel. Und so unschuldig wie er selbst. In der winzig kleinen Hand lag der erste Schatz im Leben des Kleinen. Ein Stein. Aber nicht irgendein Stein. Nein, es war ein Lebensstein, der in verschiedenen Schattierungen schimmerte. Er konnte sich nicht entscheiden. Blau, Türkis, Grün, Indigo, Saphir. Er funkelte vor Leben. Die Finger schlossen sich wieder um ihn. Hielten den Schatz ganz fest.

Er hatte die schönsten und wertvollsten Schätze der ganzen Welt.

Der Kleine setzte seine Reise fort. Die kleinen Beine stapften weiter. Nur die Sonne schaute zu. Ruhig verfolgte sie das Leben des Kleinen. Eins… eins… eins… Weitere siebzehn Schritte folgten. Dann stoppte der Kleine. Er schaute zum ersten Mal hoch. Dann links, dann rechts. Dann wieder nach unten. Langsam hob er den rechten Fuß. Er verfolgte das Schauspiel mit seinen Augen. Bevor es zu wacklig wurde, setzte er den Fuß wieder ab. Zehn Zentimeter weiter rechts als zuvor. Der kleine Kopf beugte sich vor und die winzig kleine Hand streckte sich aus. Die Leere. Die andere hielt sich fest verschlossen in der Nähe des Körpers auf. Etwas weiches berührte die ausgestreckte Hand. Dünn, leicht und so weich. Ein leises verzücktes Quieken durchbrach die Stille. Das erste Geräusch, das der Kleine machte. Ganz vorsichtig, damit er nichts kaputt machen konnte, hob der Kleine seinen zweiten Schatz auf. Die Äugelein wurden noch größer und schienen vor Freude zu tanzen. Die Feder war nicht besonders groß. Aber das störte den Kleinen nicht im Geringsten. Es kam nicht auf die Größe an. Die Schönheit steckte im Anblick und im Gefühl selbst. Das wusste der Kleine. Ihm gefielen die Musterung und das flauschige Gefühl.

Ganz vorsichtig trug er seine Schätze weiter. Eins… eins… eins… Er zählte weiter. Bei ungefähr zwölf wurde sein Stapfen langsamer. Der Kopf hob sich nicht. Er schwenkte bloß ein wenig nach rechts. Erst da nahm der Kleine das Rauschen neben sich wahr. Ein stetiges beruhigendes Rauschen. Freundlich und leicht. Der Blick blieb aber nicht am Wasser hängen, sondern an dem Boot, das da scheinbar schwerelos auf dem Rauschen tänzelte. Es schaukelte vor und zurück. So nah. So klein. Der Kleine kam näher. Kurz zuckte er zusammen und man sah einen ängstlichen und verwirrten Ausdruck auf seinem Gesicht als seine klitzekleinen Zehen das kalte Wasser berührten. Das war neu in seinem Leben. Auf seiner Reise. Er liebte das Neue und Unbekannte. Kurz spürte er dem kühlen Streicheln des Wassers auf seiner Haut nach. Dann bückte er sich ganz langsam und vorsichtig. Nur nicht zu schnell, dachte er bei sich. Er hatte genug Zeit. Sein Leben war noch lang. Er hob das Boot auf. Nass und weich lag es in seiner Hand. Nicht so weich wie die Feder, aber trotzdem zart. Glatt und zugleich rau. Der Kleine drehte es um. Er sah die hauchdünnen Lebenslinien. Verästelt im Inneren. Das grün glitzerte im Sonnenlicht. Es war ein Zitronenbaumblatt. Das Boot in der kleinen Hand. Aber es war nicht sauer. Es war wunderschön. Ein gewisser Stolz packte den Kleinen. Er hatte die schönsten und wertvollsten Schätze der ganzen Welt.

Langsam drehte er sich um und hob seinen Fuß aus dem Wasser. Kurz schaute er ihn sich an. Er war nun nass. Der Kleine überlegte kurz, ob ihn das störte. Er entschied sich dagegen und stapfte los. Er lief zurück. Den ganzen Weg. Die ganze Reise. Denn er hatte gefunden wonach er suchte.

Der Blick hing jetzt nicht mehr am Boden fest. Der Kopf hielt sich gerade. Auch der Kleine selbst schien gerader zu stapfen. Als ob er in der Zeit gewachsen wäre. Er erblickte die Eltern. Erst jetzt schienen sie bemerkt zu haben, dass er weg war. Aber er wusste es besser. Er war nicht weg. Er war auf Reisen. Sie sprangen auf. Voll Angst, Sorge und Erleichterung. Sie gingen vor ihm in die Knie. „Wo warst du?“ Sie erwarteten keine Antwort. Ihr Kleiner konnte ja noch nicht sprechen. Er konnte sich doch erst gerade so auf den eigenen Beinen halten. Doch der Kleine wusste wo er war. Er streckte beide kleinen Hände aus und präsentierte stolz seine Schätze. „Was ist das?“ Wieder erwarteten sie keine Antwort.

Doch der Kleine wusste es. Das ist mein Leben, dachte er und lächelte.


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