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Kultur & Zeugs

Kurzgeschichte: Das Traum-Paradoxon

Sie ist ein See, flüssiges Nass aus schwarzem Teer. Heiß, brodelnd und kleine, glänzende Blasen schlagend, die mit leisem Ploppen zerspringen, fließt sie dahin. Kein Lufthauch setzt ihre schwere, zähflüssige Masse in Bewegung, und dennoch strömt sie, gemächlich wabernd, in keine bestimmte Richtung. Zerrinnt.
Über ihr der Himmel. Im strahlenden Grün unzähliger Smaragde zeigt sich die Himmelskuppel in ganzer Pracht. Kleine, eifrige Hände haben Jahrtausende damit zugebracht, diese handtellergroßen Edelsteine zu schleifen, zu polieren und in das Oval, welches die Erdkugel umspannt, einzusetzen. Der Himmel dreht sich, von unsichtbaren Mechanismen in einem stetigen, arrhythmischen Lauf gehalten. Es heißt, nicht einmal die Erbauer dieser Konstruktion haben die Technik völlig verstanden, so kompliziert wäre sie.
Lichtreflexe tanzen durch die Luft, grün und leuchtend. Vorwitzig huschen sie über den schwarzen Teer-See, der sie ist. In ihrem kindlichen Spiel lassen sie sich bis knapp über der brodelnden, kochenden Oberfläche herabfallen, um dann rasch wieder an Höhe zu gewinnen. Die Lichtreflexe wollen sie necken, treiben ihre Späße mit ihr.
Langsam und träge lässt sie ihre klebrige Masse sich zusammen ziehen. Schritt für Schritt bildet sie die Form eines Armes mitsamt einer Hand heraus. Mit Fingern, von denen zähe Fäden Teeres rinnen greift sie in den frechen Schwarm der Lichtreflexe hinein. Rasch schließt sie ihre Finger, das Teer läuft zu einem einzigen Klumpen am Ende ihres Armstängels zusammen. Bilden einen undurchdringlichen Käfig, in dem einer dieser achtlosen Lichtreflexe nur gefangen sitzt.
Sie kann spüren, wie das kleine Ding gegen die schleimigen Wände ihres Handklumpens schlägt. Immer und immer wieder, in einem verzweifelten Versuch, einen Ausweg aus der Teermasse zu finden.
Jede Bewegung des Lichtreflexes wird von einem nervtötenden Schmatzen begleitet, wann immer das hilflose Ding von dem zähen Teer festgesaugt wird.
Sie beschließt, genug mit dem Lichtreflex gespielt zu haben. Mit einem leisen Platschen zerfällt ihr Teerarm, ist jetzt nur noch ein Teil der gesamten schwarzen Lache. Und der Lichtreflex ist frei. Munter erhebt er sich, steigt einige Meter hinauf. Dort hält er inne. Obwohl der Lichtreflex eine glatte, murmelgroße Kugel ist, scheint erkennbar, dass er sich dreht. Bis der Lichtreflex in Form einer kleinen, zierlichen Blume langsam herab segelt, auf sie, den Teersee zu. Bleibt auf der glänzenden Oberfläche liegen, ohne zu versinken.

Ein ruhiges, friedliches Maisfeld, welches sanft im Wind mitschwingt.

Tausende dieser grünen Lichtpunkte folgen diesem Beispiel, bedecken sie mit einer funkelnden Decke aus Grün.
Von dem trägen Nichtstun eines Sees mittlerweile gelangweilt erhebt sie sich. Gemächlich vor sich hin schmatzend gibt sie sich eine Form. Der Teersee läuft zusammen, türmt sich auf, bildet schließlich Ein- und Ausbuchtungen. Eine annährend menschliche Gestalt entsteht. Die Smaragdblumen nutzt sie als Haar, für unwichtige Details ihres Gesichts – wie Augen und Mund – und nicht zuletzt als Kleidung.
Mit Beinen, die zerfließen und schwarze klebrige Spuren hinter ihr zurücklassend, trägt einen Körper voran, der seine Gestalt durch die Bewegung des zerrinnenden Teeres in jedem Augenblick zu verändern scheint.
Ein bestimmtes Ziel hat sie nicht, lässt sich einfach treiben, wie sie es zuvor als See bereits getan hat. Sie denkt nicht darüber nach, was sie als nächstes sein wird. Das ergibt sich schon von selbst. Daran, was sie schon alles war, kann sie sich nur noch vage erinnern. Sie kann si vieles sein und war beinahe schon alles. Ein Berg mit spitzen Zähnen und gefährlichen Klippen. Ein Baum, dessen Zweige in nahezu perfekter Symmetrie vom Stamm abstanden. Ein ruhiges, friedliches Maisfeld, welches sanft im Wind mitschwingt.
Es hat ihr gut gefallen eine Quelle zu sein, deren sprudelndes Wasser verspielt durch das hohe Gras sickert. Vielleicht wird sie dieses Mal ein Zaun sein und allzu begeisterten Wanderern ein unwillkommenes Hindernis bieten. Möglicherweise wird sie auch einfach nur an Ort und Stelle zerfließen, durch die mikroskopischen Fugen und Poren der Erde dringen. In den Untergrund hinabtropfen und nahtlos in einen neuen Traum übergehen.
Die Möglichkeiten sind grenzenlos.

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