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Kultur & Zeugs

Das Nobelrestaurant

Ein Tag. Ein Restaurant. Eine Familie. Ostersonntag.

Wie das so ist an speziellen Feiertagen. Gefrühstückt wird recht spät, das Mittagessen verfällt, denn abends wird sich der Bauch ja vollgeschlagen. Vielleicht wird zum Beseitigen des kleinen Hungers der Schokohase eines Ohres beraubt, doch Vorsicht bitte. Wie hieß es früher in strengem Ton so schön: „Schlag dir nicht den Bauch mit Süßigkeiten voll. Nicht, dass du gleich keinen Hunger mehr hast.“ – Mit knurrenden Mägen und voller Vorfreude also wird am Abend endlich das Restaurant betreten. Im Hintergrund idyllisches Glockenspiel zu klassischer Musik in flüsternder Atmosphäre. Absolut und ganz nach unserem Geschmack… Nachdem die absolut natürlich freundlich hochemotional gekonnt lächelnde Kellnerin die Getränkewünsche entgegennimmt, wandern unsere Blicke auch schon prüfend durch die zart besäte Speisekarte und die noch zarteren Preise. Sicherlich nur ein Druckfehler. Ich bin kaum zu halten bei der Auswahl. Denn für Vegetarier ist hier ein breites Sortiment geboten und ich habe tatsächlich meine Schwierigkeiten mich zwischen Lamm, Ochsenschwanz, Garnelensuppe oder dem ausgefallenen vegetarischen Salat zu entscheiden. Bei der überdimensionalen Auswahl für die vegetarische Minderheit entscheide ich mich letztendlich für rohes Grünzeug in Balsamico für einen Spottpreis von 25€. Der Wein, den ich vorher bestellt hatte ist inzwischen schon halb leer und ich halb voll. Mit Salat würde sich dieser Zustand nun auch definitiv nicht verbessern.

Eine Stunde und zwei Weingläser später bringt das professionell geschulte Service Personal, das mit Haaresbreite meinen Kopf verfehlt, die sichtlich überladenen Teller. „Das werde ich ja kaum schaffen, wenn Sie mir den Rest später eventuell einpacken könnten, das wäre zu freundlich.“ – denke ich mir, während ich einen Blick auf das einzelne Salatblatt mit einem seelenverlassenen Champignon werfe. Dennoch beginnen wir zu „Speisen“. So würde es sicherlich die Frau am Nachbartisch ausdrücken, die uns nur einen verächtlichen Blick hinüber wirft, als ich lauthals lache, weil der Wein mir langsam zu Kopf steigt und ich meinen Unmut über das überteuerte Essen auslasse. Meine Mutter, die daraufhin beschämt zu mir sieht und mir kurz und knackig am Tisch verrät, sie sei neuerdings „Person des öffentlichen Lebens“ und müsste sich benehmen, bleibt mir ein Salatstengel im Hals stecken und ich pruste los.

Die Dame am Nebentisch verschluckt sich derweil an ihrer Crème Brûlée.

Das durch Spucke und Wein vermischte Gestrüpp verfehlt nur knapp die Nasenspitze meines Vaters und landet schließlich zielsicher in seinem Wasserglas. „Entschuldigen Sie“ – rufe ich mit hochrotem Kopf und schnipse mit dem Finger. – „könnten Sie bitte noch den roten Teppich für die junge Dame hier ausrollen.“. Meine Mutter lacht so laut, dass die Dame nebenan nun ihrer Begleitung mit schielendem Blick irgendetwas zuflüstert. „Dieses Pack in Turnschuhen da kann sich einfach nicht benehmen.“ Ich lächle sie an, während ich ihre Louis Vuitton Tasche doppelt sehe, und beginne die wahnsinns Portion an Salat mit Balsamico weiter zu essen. Man könnte auch sagen Balsamico an Salatblatt.

Meine Mutter stets positiv, beginnt die mini Portion auf ihrem Teller dennoch zu loben „also kochen können die ja schon.“, nachdem sie den zweiten Löffel ihrer Gnocchi und somit auch das ganze Gericht in ihrem Mund verschwinden lässt. Der Blick meiner Tante, der frustriert auf ihren leeren Suppenteller fällt, spricht Bände und eigentlich müsste sie nichts mehr sagen, doch gerade als die Kellnerin erneut kommt, um zu fragen ob es uns „gemundet habe“, fällt es ihr geradeaus heraus: „Bestellen wir gleich noch eine Pizza zu Hause?“. Der Ballkönigin am Nebentisch fällt die Kinnlade hinunter. Gedanklich rolle ich den roten Teppich meiner berühmten Mutter wieder ein.

Die Bedienung, gekünstelt freundlich und sichtlich entrüstet, bringt uns nun die Rechnung. Meine Tante reißt die Augen auf und rechnet sich gedanklich aus, wie viele Pizzen sie für den Betrag hätte essen können. Mit einem Schmunzeln holt mein Vater seinen Gutschein heraus, den er geschenkt bekommen hat, und bezahlt den läppischen Betrag.

Die Dame am Nebentisch verschluckt sich derweil an ihrer Crème Brûlée, während wir aufstehen und mit knurrenden Mägen das Nobelrestaurant verlassen.

Zu Hause angekommen verspeisen wir den übrig gebliebenen Schokoladenhasen und rollen uns vor Lachen auf unserem roten Teppichboden.

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