Das Geschenk der Zeit – Erinnerung.

Es war ein kleiner Geistesblitz, der ihn durchfuhr. Ein leichter Schauer. Ein Funke der Erinnerung. Er hatte vor ihr gestanden und sie angesehen. Seine Mundwinkel hatten sich breit über sein schmales Gesicht gelegt. Und seine Wangen benetze eine leichte Röte. Er hatte die Hände in ihre gelegt, seine dünnen Arme vor seinem Körper ausgestreckt. Er lächelte mit allem, was er besaß. Aber vor allem lächelte er mit seinen strahlenden Augen, mit den stummen Tränen der Erinnerung, die in jenem Moment ein längst vergessenes Leben erhellten.

Wer wären wir ohne die Zeit, die uns bis ins Jetzt und Hier begleitet hat? Was wäre, wenn sich plötzlich alles, was wir jemals erlebt haben, in Luft auflöst? Wenn die Menschen, die uns ein Leben lang zur Seite standen, verschwinden würden? Was wäre, wenn wir uns auf einmal selbst verlieren? Wenn uns die Zeit verlässt?

Wenn die Luftballons aus Zeit, Welt und Erinnerung, die uns durchs Leben trugen, plötzlich platzen und wir fallen. Auf den Boden der Leere. Des Vergessens.

Sie nahm seine Hände in ihre, spürte seine warme, weiche Haut an ihren Fingerspitzen. Sie streichelte seinen Handrücken. Es fühlte sich an, wie die Jahre zuvor. Die etlichen vergangenen Jahre, die seither verschwunden waren. Die Zeit, die ihren Lauf genommen hatte. Und die Zeit, die sich entschied, stehen zu bleiben.

Eine Träne tropfte auf ihr Handgelenk. Er weinte.

„Du hast ein so wunderbares Gesicht.“ – hatte er gesagt. „Woher hast du nur dieses wunderbare Gesicht?“.

Sie blickte ihn an. Sein Blick war voller Liebe, seine Tränen voller Erinnerung, und sein Lächeln voller Stolz.

„Das habe ich von dir.“ entgegnete sie vorsichtig.

Seine Augen suchten fragend den Raum ab, in dem sie standen. Er begutachtete ihr Gesicht. Sein Blick streifte über ihren Mund, ihre leichten Fältchen an den Augen, wenn sie lächelte. Er suchte nach etwas ganz Bestimmten. Einem Hinweis. Einem Zeichen. Nach der Zeit.

Sie lächelte ihn an. Ihre grünen Augen brannten sich in sein Gesicht, als würde sie in seine Seele zu blicken versuchen. Als wären seine Augen der Schlüssel in die Vergangenheit, die sie mit Blicken hätte öffnen können.

„Warum lachst du denn so?“ – hatte er gefragt. „Du hast ein so raffiniertes Lächeln.“

Sie drückte seine alten Hände.

„Weil du mich zum Lächeln bringst.“ – antwortete sie.

Erneut wandte er den Kopf nach rechts. Dann nach links. Blickte suchend im Raum umher. Dann entdeckte er sie wieder.

„Entschuldigen Sie…“ begann er. „Darf ich fragen, wer Sie sind?“

Seine Augen waren trüb. Sein Gesicht fahl. Sein Blick traurig.

Sie biss sich auf die Unterlippe. Schloss die Augen. Dann löste sie eine Hand von seinen. Wischte ihm mit dem Daumen eine Träne von der Wange.

Sie blickte ihm in die Augen. Das Spiegelbild seiner Seele. Und ihr Gesicht spiegelte sich in seinem gläsrigen Blick.

„Papa, ich bin es. Deine Tochter.“

Es ist ein Vergessen jenen Seins. Wenn die Erinnerung davon fliegt, wie weiche weiße Federn. Vom Wind getrieben. Leicht und orientierungslos. Ruhig. Schweigend. Wenn ein Leben nur noch an den Spuren im Sand zu erkennen ist, wenn das Meer seine schaumige Gischt ans Ufer spült und alle Erinnerungen wieder mit sich zieht. Wenn der Verstand unter tausenden von Sandkörnern vergraben liegt und das Herz in den Tiefen des Ozeans in eine andere Welt abtaucht.

Er betrachtete sie lange und eindringlich. Angestrengt kniff er die Augen  zusammen. Er dachte nach. Versuchte sich daran zu erinnern, was sie gesagt hatte.

Doch er hatte es bereits wieder vergessen.

„Du hast ein so wunderbares Gesicht.“ – hatte er gesagt.

Sie drehte sich um. Griff in die Tasche hinter sich und holte ein kleines Päckchen heraus. Sie reichte es ihm entgegen.

„Was ist denn das?“ – hatte er gefragt.

Sie lächelte.

„Öffne es. Es ist für dich.“

Er starrte sie an.

„Nun öffne es schon.“ drängte sie ihn mit einem  sanften Lächeln.

Vorsichtig nahm er ihr das kleine Päckchen ab. Das Papier knisterte in seinen Händen. Er wippte es auf und ab. Horchte daran. Dann begann er vorsichtig die Verpackung zu lösen.

„Alles Liebe zu deinem Geburtstag, Papa.“

Verwundert betrachtete er sie.

„Wie alt bin ich denn geworden?“

„Du bist heute 93 Jahre alt.“

Er lächelte.

„Da bin ich aber ganz schön alt.“

Vorsichtig zog er den Holzrahmen aus der Verpackung. Zwei freundliche Gesichter strahlten ihn darauf an.

Er stricht mit dem Zeigefinger über das Gesicht des kleinen Mädchens, das stolz auf den Schultern ihres Vaters thronte.

Er lächelte. Eine Träne tropfte auf das Glas.

„Dieses wunderbare Gesicht.“

Er hielt inne. Betrachtete das Foto.

Dann holte er den zweiten Gegenstand aus der Verpackung.

„Was ist denn das?“ – hatte er gefragt.

Er drehte den kleinen hölzernen Gegenstand in seinen alten Händen. Musterte ihn.

„Das ist ein Elefant.“ – antwortete sie.

„Ein Elefant?“

Sie lächelte ihn an.

„Elefanten haben ein sehr gutes Gedächtnis, sie vergessen niemals etwas, das sie erlebt haben.“

Verwundet begutachtete er den kleinen hölzernen Elefanten.

„Und warum ist er für mich?“ – hatte er gefragt.

Erneut nahm sie seine Hände in ihre.

„Damit du dich immer an mich erinnerst, Papa.“

Er betrachtete sie für einen Moment. Und als wäre es das Normalste der Welt, als hätte er niemals vergessen, und als wäre die Zeit niemals stehen geblieben, entgegnete er:

„Aber ich werde mich immer an dich erinnern. Schließlich bist du meine Tochter. Wie könnte ich dich jemals vergessen?“

Sie lächelte ihn an. Dann nahm sie ihren Vater in die Arme und drückte ihn an sich,  damit er ihre Tränen nicht sehen konnte.

„Natürlich wirst du das.“

Und sie hoffte, er würde.

„Danke für diese schöne Erinnerung.“ – hatte er gesagt.

„Danke für dieses wunderbare Gesicht.“

Es vergingen einige Stunden, als sich ein alter Mann einem kleinen hölzerneren Elefanten widmete, der auf seinem Nachttisch stand.

Wer hatte ihm nur diesen Gegenstand geschenkt, dachte er bei sich.

Daneben ein Foto.

Er begutachtete das Bild.

Plötzlich begannen sich die Personen auf dem Foto zu bewegen. Das kleine Mädchen lachte aus tiefstem Herzen und Tränen der Freude kullerten ihr über das rundliche zarte Gesicht. Der Mann, auf dessen Schultern sie saß, drehte sich wie wild um die eigene Achse. Musik ertönte und erfüllte mit einem Mal das gesamte Zimmer mit einer beschwingenden Melodie.

Er kannte dieses Lied. Gebannt lauschte er den Klängen.

Schließlich bewegten sich seine Lippen, und er begann zu singen. Er lächelte; erstaunt über sich selbst, dass er den Text kannte. Er stand auf, wippte von einem auf das andere Bein. Setze einen Fuß vor den nächsten. Er hielt seine Arme über die Schultern in die Luft und plötzlich fühlte er die kleinen Füße an den kleinen Beinchen, die neben seinem Kopf herunter baumelten. Er griff nach ihnen und umklammerte sie. Das Mädchen auf seinen Schultern hatte die Hände auf seinen Kopf gelegt. Er begann sich zu drehen. Passend zur Melodie. Und beide begannen sie ein Lied einzustimmen. Sie sangen und tanzten. Drehten und wirbelten umher. Lachten und weinten vor Freude.

Wie die Blätter im Wind, wie die Wellen im unendlichen Ozean. Und wie die Erde, die sich in diesem einen Moment bloß um einen Vater und seine Tochter drehte. So, wie sie sich es beide immer gewünscht hatten.

Es gibt Wünsche, die wir unser ganzes Leben mit uns tragen. Die uns Hoffnung geben und ein Ziel vor Augen. Am Ende des Horizontes, der uns wie ein kleiner Lichtblick den Weg unseres Lebens erhellt.

Manche Wünsche bleiben eine Welle aus Hoffnung in einem Meer aus Leben. Dabei ist es bloß die Kunst, sich auf diesen Wellen treiben zu lassen. Um irgendwann, wenn wir fest daran glauben, ans Ufer unserer Träume zu gelangen.

Es war ein warmer Tag. Die Sonne lachte, und ihre morgendlichen Strahlen durchströmten das Zimmer eines Mannes, der sein Leben in einen verborgenen Platz seines Herzens vergraben hatte. Ein Mann, der einst den Schlüssel für das wertvollste Geschenk verloren hatte.

An diesem wunderbaren Tag hatte er sich eine Erinnerung im Herzen aufbewahrt.

Er hielt einen kleinen bunten Elefanten aus fein geschnitztem Holz in seinen Händen. Ein letztes Mal betrachtete er das Foto auf seinem Nachttisch – dieses wunderbare Gesicht.

Das hatte sie von ihm. Und er wusste es.

Und es war, als hätte ihm jemand die Tür zu seinem Leben geöffnet. Als wäre er auf den Meeresboden getaucht, um den Schlüssel seiner Erinnerung zurückzuholen.

Er betrachtete den Horizont. Die Sonne, das Meer. Plötzlich war er ganz woanders. An einem Strand seiner Träume. Dort, wo er schon einmal war. Er spürte den Sand unter seinen Füßen. Und er wusste, es war an der Zeit seiner Erinnerung das Leben zurück zu geben.

Es war an der Zeit, diese Welt zu verlassen, um in der Erinnerung weiterzuleben.

Mit einem zufriedenen Lächeln und tanzendem Herzen schloß an diesem wunderbaren warmen Morgen, ein wunderbarer alter Mann für immer seine Augen.

Ein Mann, der sein Leben in einem verborgenen Platz seines Herzens wiedergefunden hatte.

Und jener, der den Schlüssel für das wertvollste Geschenk auf ewig im Herzen trägt.


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