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Kultur & Zeugs

Das darf man nur im Advent

Der Herbst hat bereits Einzug gehalten. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger und wir beginnen, unsere wärmeren Kleidungsstücke im Schrank ganz vorne zu positionieren. Der Winter wartet schon auf uns, und mit ihm zahlreiche typische Leckereien der kalten Jahreszeiten.

Plätzchen, Lebkuchen, Stollen und Spekulatius werden bald die Regale der Einkaufläden füllen und zum Kauf einladen. Begeistert werden diese Raritäten ergriffen und rasch in den Einkaufswagen gelegt. Man muss jetzt zugreifen, denn sobald die Weihnachts-Saison verklingt, werden die süßen Köstlichkeiten aus dem Sortiment verschwinden.
Pfeffernüsse, Vanillekipferl und diverse andere Gebäcke sind nur in der Weihnachtszeit erhältlich. Wer sich außerhalb des Advents an Stollen und Lebkuchen erfreuen möchte, hat leider Pech gehabt. Aus den Läden sind diese kleinen Kalorienbomben in den restlichen Monaten des Jahres verbannt. Plätzchen im Sommer? Kannst Du vergessen.
Klagen Lebkuchen-Enthusiasten, Stollen-Liebhaber und Pfeffernuss-Fans Freunden und Bekannten ihr Leid, wird ihre Beschwerde meist nur mit Irritation quittiert. Auf den frommen Wunsch, sich auch noch im Sommer – beispielsweise beim Bräunen in der Sonne am Strand – an diesen süßen Köstlichkeiten erfreuen zu können, folgt der verwunderte Antwort: „Das geht doch nur im Advent!“

Leider haben sie damit Recht. Es wird einem schwer gemacht, außerhalb des Advents an Stollen und Lebkuchen zu kommen. Die einzige Möglichkeit besteht darin, Lagerhaltung zu betreiben. Zuschlagen, wenn die Advents-Saison begonnen hat. Man muss die Zeit nutzen, um seine Schränke mit diesen raren Leckereien zu füllen, um auch noch den Rest des Jahres davon zehren zu können. Doch bei verderblichen Lebensmitteln ist dies keine gute Idee. So bleibt einem nichts anderes übrig. Es heißt, notgedrungen auf den Beginn der nächsten Wintermonate zu warten.

In unserer Vorstellung ist die Adventszeit untrennbar mit einem schön geschmückten Tannenbaum verbunden.

Nun stellt sich natürlich die Frage, weshalb es geradezu verpönt ist, das ganze Jahr über Plätzchen, Stollen und dergleichen essen zu wollen. Weshalb darf man diese Köstlichkeiten nur im Advent genießen?

Zunächst einmal muss klargestellt werden, dass sich Lebkuchen, Plätzchen und Konsorten als Weihnachtsgebäck längst etabliert haben. Es hat Tradition, im Advent als Kind mit der Familie gemeinsam Plätzchen backen. Beim Klang besinnlicher Weihnachtsmusik im schummrigen Lichtschein brennender Kerzen beisammen zu sitzen und an schokoladigen Lebkuchen zu knabbern. Während draußen vor dem Fenster ein kaltes Schneegestöber tobt, sitzt man mit den Liebsten im gemütlichen Wohnzimmer bei einem prasselnden Kaminfeuer, trinkt Apfel-Zimt-Tee und macht sich über den Weihnachtsstollen her. In unserer Vorstellung ist die Adventszeit untrennbar mit einem schön geschmückten Tannenbaum, Fenstern in denen Schwibbögen leuchten und dem Duft von Räucherkerzen verbunden. Aber eben auch mit dem herb-würzigen Geschmack von Spekulatius auf unserer Zunge, dem süßen, bröckelnden Krümeln von Plätzchen in unserem Mund. Vermutlich werden wir niemals vergessen, wie wir uns als Kinder heimlich in die Küche stahlen, auf Zehnspitzen schleichend, um uns die Köstlichkeiten unbemerkt von den Eltern zu entwenden. Anschließend saßen wir mit vor Aufregung klopfenden Herzen in unserem Zimmer, den Nervenkitzel des verbotenen Vergnügens bei jedem Bissen in den süßen Plätzchenteig verspürend.
Daran, an die schönen, lauschigen Stunden im Kreis der Familie und der Freunde zur Weihnachtszeit, erinnern wir uns heute noch, wenn wir diese Gebäcke und Leckereien im Laden angepriesen sehen oder sie verputzen. Es ist Nostalgie, welche wir beim Verspeisen empfinden, der Grund, weshalb wir überhaupt das Produkt aus dem Regal greifen. Wir wünschen uns, dadurch vergangene, schöne Stunden zurück gewinnen zu können.

Aus diesem Grund bleibt der Verzehr des Zuckerwerks, welches mit dem Gefühl der Geborgenheit und der Heimeligkeit, für die meisten Leute wie selbstverständlich auf den Advent beschränkt. Advent und Weihnachten. Das ist die Zeit, der Besinnlichkeit, der Gemütlichkeit und Nähe, des Friedens und des Beisammenseins mit den Menschen, die einem nahe stehen. Keine andere Zeit im Jahr bringt uns dazu, so dicht – im emotionalen und wörtlichen Sinne – zusammen zu rücken. Diese Empfindung der Vertrautheit möchten wir uns bewahren. Indem wir uns im Advent darauf besinnen, bekannte Traditionen befolgen, wie das Schmücken des Weihnachtsbaumes, dem gemeinsamen Plätzchen backen und des Dekorierens der Wohnung oder des Hauses, versuchen wir dies. Diese Sitten sind mittlerweile so fest mit der Adventszeit verknüpft, dass sich viele weder Dekoration noch Gebäck in einer anderen Umgebung vorstellen können.

Nussknacker und Räuchermännchen im Frühling? Undenkbar!

Trauriger Weise sind auch die Weihnachtsgebäcke diesem Phänomen zum Opfer gefallen. Jemand, der im Hochsommer beim Grillen mit Freunden an einem Lebkuchen knabbert ist doch merkwürdig. Weihnachten ist längst vorbei!

Man könnte jetzt argumentieren, dass es durchaus Sinn hat, Plätzchen und Stollen ausschließlich in den Wochen um Weihnachten zu essen. Immerhin machen sie einen großen – möglicherweise entscheidenden – Anteil des allseits gepriesenen Zaubers der Weihnacht aus. Eventuell ist die Furcht begründet, die Besonderheit der Köstlichkeiten und der Jahreszeit würde sich verlieren, wenn Plätzchen und Lebkuchen das ganze Jahr über verfügbar wären.
Doch ist es wirklich gerecht, sich nur während der Adventszeit fühlen zu sollen? Trost und Zuspruch brauchen wir nicht nur für vier Wochen im Jahr. Außerdem können Spekulatius, Stollen, Lebkuchen und Konsorten nicht generell mit Geborgenheit und einem weihnachtlichen Gefühl gleichgesetzt werden.
Egal, ob man durch das Essen dieser Leckereien nun in glückliche Zeiten und angenehme Stunden versetzt wird oder auch nicht.

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