Buchbesprechung: New York 2140

Ein einsames Hochhaus mitten in einem tosenden Meer, überflutete Häuser, Slums in der Gezeitenzone, in denen die Menschen immer mit dem Wasser leben und sich dagegen behaupten müssen: vor diesem Hintergrund entspinnen sich Geschichten, die langsam zu einer großen Erzählung werden, die Geschichten von Gewinnern und Verlierern einer globalen Katastrophe.

Die große Flut

Nicht eine, gleich zwei riesige Wellen spülen in Kim Stanley Robinsons Roman „New York 2140“, kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen, die Zweifel der Klimaskeptiker fort. Während die Welt ihre größte Herausforderung meistert, fokussiert sich die Erzählung auf die ehedem niemals schlafende Stadt, die nun, da der Meeresspiegel um unwahrscheinliche 15 Meter gestiegen ist, zu einem neuen Venedig wird. Die in den Himmel aufragenden Wolkenkratzer stehen mit ihren Fundamenten im Wasser, werden aber trotz allem von einer wieder prosperierenden Gesellschaft bewohnt.

Die Klimakatastrophe hat in der Zukunft unzählige Menschenleben gefordert, einerseits durch die Fluten, andererseits durch den Zusammenbruch der Infrastruktur. Der Unwille zur Abkehr von umweltzerstörerischem Verhalten und die Missachtung der Warnungen vor dem Klimawandel haben die Büchse der Pandora geöffnet und Kriege, Seuchen, Zerstörung über die Welt gebracht, befeuert vom Wachstumsstreben des Kapitalismus. Ab der Mitte des 21. Jahrhunderts schmilzt das Polareis in zwei Hochphasen, jeweils zehn Jahre lang und in einem Abstand von 30 Jahren, bis sämtliche Küstenstädte der Welt überflutet sind. Die Apokalypse.

Doch Robinson ist kein Pessimist. Auch wenn sein Szenario ein extremes ist, so schlimm, dass es von der Wissenschaft für unwahrscheinlich gehalten wird, überlebt die Menschheit. Sie überlebt nicht nur, sondern entwickelt sich weiter, setzt all die nachhaltigen und umweltschonenden Techniken ein, die es heute schon gibt und blüht und gedeiht weiter. Die Katastrophe scheint überstanden. Im Schatten der überfluteten Hochhäuser kehren die Menschen zurück, die Landlosen, die Armen und die Abenteurer. Sie gründen Kollektive, leben in anarchistischen Kommunen und experimentieren mit neuen Formen des Wirtschaftens.

Die Geschichte der Zukunft

Dieses Venedig Amerikas bildet die Kulisse für Robinsons Erzählung. Gleich zu Anfang stellt er eine verblüffend große Anzahl an Hauptfiguren vor, deren Schicksale sich in und um ein Wahrzeichen des alten New York abspielen: des Met Life Tower. Diese Gestalten treffen und trennen sich, der Leser nimmt immer wieder eine neue Perspektive ein und blickt durch die Augen der Bewohner auf den Alltag nahe am Wasser.

Robinsons Erzählung beginnt zunächst verwirrend, denn der Leser nimmt abwechselnd die Perspektive der zahlreichen Hauptfiguren ein. Da sind die „Wasserratten“ Stefan und Roberto, Waisenkinder auf Schatzsuche, die in den überfluteten Straßen ums Überleben kämpfen. Wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn sind sie keinem Abenteuer abgeneigt, und geraten ständig in neue Gefahren. Durch ihre Augen lernt der Leser den Untergrund der Stadt New kennen, den Alltag der kämpfenden Massen.

Mutt und Jeff, zwei entführte Programmierer, bieten in der Isolation ihrer Zelle ein Lehrstück über absurdes Theater. In ihren Dialogen erkennt man Wladimir und Estragon, Rosenkranz und Güldenstern. Sie sind die Erklärer der wirtschaftlichen Zusammenhänge dieser neuen und zugleich alten Welt, deren Ähnlichkeiten mit unserer sich nach und nach entfalten.

Die Bewohner des Met Life Tower, der Investmentbanker Franklin, die Polizistin Gen, die Sozialarbeiterin Charlotte sowie Vlade, das Mädchen für alles, bilden verschiedene Seiten der neuen Mittelschicht ab. Sie kämpfen um den mühsam errungenen Wohlstand und die Freiheit, die ihnen durch die Umwälzung der Verhältnisse nach der Katastrophe blieb. Ihre Schicksale verflechten sich, immer mehr Zusammenhänge werden erkennbar. Die anfängliche Verwirrung weicht einer Bewunderung für die Fähigkeit Robinsons, durch die Darstellung der Zukunft immer wieder auf die Verhältnisse der Gegenwart zu deuten.

Dramatik und Spannung wird auch durch das Starlet Amelia (nach der Flugpionierin Amelia Earhart) beigesteuert, das mithilfe eines Luftschiffes bedrohte Tierarten umsiedelt. Sie lässt sich in Echtzeit von ihrem Publikum beobachten und verlässt als einzige Figur den Ort des Geschehens. Sie vergrößert gelegentlich den engen Fokus um New York.

Der “Bürger“ dagegen, ein anonymer Erzähler, verbindet durch zynische Einschübe das alte, historische Big Apple mit der Moderne. Die schiere Menge an Fakten erschlägt und überfordert den Leser zunächst, auch wenn Erzählstil stets locker bleibt. Hier wäre ein Glossar zumindest hilfreich, denn für den (deutschen) Leser ist dieses Wissen nicht selbstverständlich, und will nachgeschlagen werden.

Dabei gibt es kaum einen Bereich, in dem sich durch das Buch nicht neue Welten erschließen. Angefangen bei zeitgenössischer Technik zum nachhaltigen Wirtschaften, ökonomische Theorie, Umwelt und vor allem sehr, sehr viel Geschichte New Yorks. So erklärt sich auch der stattliche Umfang des Buches, denn auf über 800 Seiten findet sich nur wenig Überflüssiges oder Langweiliges, und Robinson schafft es, diesen Wälzer dann mit einem Knalleffekt enden zu lassen.

Ist das Science Fiction?

Die vielen Verweise auf die Literatur- und Kulturgeschichte erscheinen zunächst ein wenig ungewöhnlich, doch bilden sie gleichsam ein Gerüst, in dem sich der Leser orientieren kann. Mit dem Wissen der Vergangenheit und durch ständigen Vergleich mit der Gegenwart wird es leichter, die drohende Zukunft zu akzeptieren. Wie die Figuren in dem Buch beginnt man sich mit dem Unvermeidlichen abzufinden und wünscht sich das zu retten, was möglich ist. Robinson nimmt sehr eindeutig Stellung unter anderem zur Flüchtlingskrise 2015, zu Immobilienspekulationen und der letzten Wirtschaftskrise, zu den Gefahren und Chancen des Klimawandels. Auch wenn er die Fakten genau darlegt, nimmt er einen sehr subjektiven Standpunkt ein, der dem Leser die Identifikation mit dem Buch und seinen Figuren erleichtert, aber gleichzeitig kontrovers und aufrüttelnd ist.

So bleibt das Buch trotz seines Umfangs und seiner Exkurse stets der klassischen Science Fiction im besten Sinne verhaftet: mittels einer spannenden Geschichte aus der Zukunft Wissen für die Gegenwart zu vermitteln. Zugleich vergisst Kim Stanley Robinson nicht, wofür er bekannt und vielfach ausgezeichnet ist – eine Kritik an der menschlichen Gesellschaft und besonders ihrer Auswirkung auf die Umwelt.

Also, der Sommer steht vor der Tür und wer noch dringend Lesestoff für den Urlaub sucht, ist mit diesem Roman gut beraten. Er ist lang und spannend genug, um einen eine Weile beschäftigt zu halten und so inhaltsvoll, dass das Gehirn trotz der Entspannung noch arbeiten kann und muss. Doch Vorsicht, wenn man ans Meer fährt – nach dieser Lektüre wird selbst das Plätschern der Wellen am Strand einen leichten Schauer zwischen den Schulterblättern verursachen.


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